Reform des Medizinstudiums : Am Patienten lernen und forschen

Fragmentiert und unwissenschaftlich ist das Studium angehender Ärzte in Deutschland. Das kritisiert der Wissenschaftsrat und empfiehlt eine große Reform.

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Zwei Medizinstudentinnen üben an einer Puppe, einen Patienten wiederzubeleben.
Üben an Puppen. Studierende sollen fortan eher Patienten begegnen.Foto: picture alliance / dpa

Inspiriert wird der Wissenschaftsrat von den Modellstudiengängen, die nach 1999 eingeführt wurden: Bundesweit gibt es sie an neun von 37 Standorten der Medizinerausbildung (darunter Berlin), etwa ein Viertel der Studienanfänger ist hier eingeschrieben. Die „ärztlichen Rollen und Kompetenzen“ sollen nun auch das Regelstudium organisieren – nicht wie bislang die traditionelle Orientierung an den Fächern, empfiehlt der Wissenschaftsrat: „Ärztinnen und Ärzte müssen imstande sein, von Patientenproblemen ausgehenden Fragestellungen nachzugehen“, erklärte Manfred Prenzel, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, am Montag in Berlin.

Ein strafferes Kerncurriculum und mehr Freiheiten

Im heutigen Regelstudium steht vieles hinter- und nebeneinander, was der Wissenschaftsrat miteinander integrieren möchte. So empfiehlt er, den vorklinischen (theoretischen) Teil des Studiums fernab des Patienten fortan mit dem bislang folgenden klinischen Teil zu verschränken: „Es soll frühzeitig Kontakt zum Patienten geben“, sagte der Magdeburger Neurologie-Professor Hans-Jochen Heinze, der den Medizin-Ausschuss des Wissenschaftsrats leitet. Geprüft werden soll in Zukunft erst nach dem dritten Semester, statt wie bisher nach dem zweiten. Die Studieninhalte, die im Zuge der Wissensexplosion immer mehr angeschwollen seien, sollten fokussiert werden: auf ein Kerncurriculum, das die Studierenden durch selbst gewählte Schwerpunkte im Umfang von 20 bis 25 Prozent vertiefen. Das Praktische Jahr soll ebenfalls mehr Wahlfreiheit erlauben. Statt in drei Abschnitte soll es darum in vier Abschnitte zu je zwölf Wochen gegliedert werden, neben den Pflichtbereichen Innere Medizin und Chirurgie sollen zwei Quartale frei wählbar sein.

Das Studium soll wissenschaftlicher werden

Großen Wert legt der Wissenschaftsrat auf die Verwissenschaftlichung des Studiums. Bislang hätten die Studierenden das Medizinstudium in der Regel absolviert, ohne sich selbst je ein Gebiet forschend erschlossen zu haben, kritisierte Heinze. Das müsse sich unbedingt ändern. Eine Projektarbeit und eine aufbauende Forschungsarbeit sollten Pflicht werden.

Kleine private „Medical Schools“ hält Heinze vor diesem Hintergrund für „wirklich gefährlich und verheerend“. Sie seien „nicht im Ansatz in der Lage, den wissenschaftlichen Ansprüchen an die Ausbildung zu genügen“. Der „Billig-Ausbildung“ von Ärzten müsse trotz des Ärztemangels auf dem Land entgegengetreten werden.

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