Risiken der Psychotherapie : Depression als „Nebenwirkung“

Auch psychologische Hilfe kann Gefahren bergen. Darüber werde zu wenig gesprochen, finden Experten. Sie wollen jetzt "Beipackzettel" für die Therapien entwickeln, um Klienten besser auf die Behandlung vorzubereiten.

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Offene Worte. Bereits zu Beginn einer Psychotherapie sollten Klient wie Therapeut klären, ob „die Chemie stimmt“.
Offene Worte. Bereits zu Beginn einer Psychotherapie sollten Klient wie Therapeut klären, ob „die Chemie stimmt“.Foto: picture alliance / dpa

„Wie lange gehst du denn schon zu deinem Psychotherapeuten?“ – „Es werden jetzt dreizehn Jahre. Aber eins sag’ ich dir: Ich gebe ihm nur noch ein Jahr – dann pilgere ich nach Lourdes!“

Natürlich übertreibt Woody Allen in seinem Film „Der Stadtneurotiker“ von 1977. Aber unerschrockene Tabubrecher unter den Psychotherapeuten, die auch negative Behandlungsergebnisse untersuchen (und veröffentlichen), fanden durch eine umfangreiche Studie heraus: Patienten, deren Zustand sich während der Psychotherapie verschlechterte, waren ganz besonders lange behandelt worden. Das Autorentrio der Universität Mainz unter Leitung von Nicole Nelson vermutet, da habe man wohl überdosiert. Man müsse sich fragen, „ob eine längere Therapie wirklich immer hilfreich ist und ob eine Überdosis nicht sogar schaden kann.“ Wie bei einem Arzneimittel eben.

Auch eine Psychotherapie hat Risiken und Nebenwirkungen, ebenso wie jedes wirksame Medikament. Die prinzipielle Wirksamkeit wurde in vielen, auch in methodisch einwandfreien Studien nachgewiesen. Denn die Psychotherapeuten mussten ihr Metier gegen den Vorwurf der Wirkungslosigkeit und der mangelnden wissenschaftlichen Fundierung verteidigen.

Über Misserfolge, Risiken und Nebenwirkungen aber gibt es erst wenige Studien. Und ein Teil dieser seltenen Untersuchungen verschwand auch noch unveröffentlicht in den Schubladen, genau wie Arzneimittelprüfungen mit negativem Ergebnis. Dadurch entstehen zum Positiven hin verzerrte Bewertungen von Mitteln und Methoden. Das will die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie ändern. Sie zeigte Mut zum Tabubruch, als sie „Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie“ zum Schwerpunktthema ihrer Zeitschrift „Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis“ machte. Dort ist der eingangs erwähnte Beitrag der Mainzer Forscher erschienen.

Zu den Risiken gehört nicht zuletzt der Misserfolg. Auch Psychotherapeuten haben die Pflicht zur Aufklärung – nicht nur die Ärzte, auch die Psychologen unter ihnen. Dass eine Psychotherapie für den Patienten nutzlos oder sogar schädlich sein könnte, dass aber auch eine erfolgreiche Behandlung unter Umständen Risiken und Nebenwirkungen hat, müsse man den Patienten von Anfang an sagen, schreiben die Herausgeber.

Sie plädieren dafür, „dass für psychotherapeutische Behandlungen ‚Beipackzettel’ und Informationen entwickelt werden, die sehr analog den Beipackzetteln für Medikamente die häufigsten unerwünschten Wirkungen benennen“. In der Psychotherapie ist die Sache aber komplizierter als bei Arzneimittelnebenwirkungen wie Kopfschmerz oder Hautausschlägen. Man riskiert zum Beispiel eine Scheidung oder eine Frühberentung und kann danach erst einmal todunglücklich sein. Ein Beitrag aus dem Heft bringt eindrucksvolle Beispiele:

Mit einer Scheidung nach fünfzehnjähriger Ehe endete die ambulante Psychotherapie von Frau R. Sie hatte gelernt, die eigenen Bedürfnisse selbstbewusst zu artikulieren: „Solange ich die schüchterne, depressive Frau an seiner Seite war, die alles für ihn tat und nicht eigene Wünsche anmeldete, schienen wir ein funktionierendes Paar zu sein. Mit meiner neuen selbstsicheren Art kommt er leider nicht mehr klar, also muss ich gehen.“ Die Therapie hatte die erwünschte Wirkung – die Frau stand zu sich selbst. Aber die unerwünschte (Neben-)Wirkung – Vereinsamung durch Verlust des Partners und des gesamten sozialen Umfelds – führte zunächst zum Rückfall in die Depression.

Ähnlich erging es Herrn R. Mit einer schweren chronischen Depression und Schmerzstörung wurde er sogar in der Klinik behandelt. Sein Zustand hing offensichtlich mit schwierigen Arbeitsbedingungen zusammen. Der angeratene Antrag des Endfünfzigers auf Frühberentung hatte sofort Erfolg. Erleichtert und gebessert verließ er die Klinik. Nach vier Monaten aber war er wieder schwer depressiv: „Ich bin daheim einfach in ein Loch gefallen. Ich habe mich so nutzlos gefühlt, nicht mehr gebraucht und wie ein totaler Versager. Der Tag hatte keine Struktur mehr und irgendwie alles keinen Sinn mehr. So blieb ich am Ende fast immer im Bett liegen.“

Solche Nebenwirkungen seien als kurzfristig zu betrachten, heißt es in dem Beitrag. In einer eigenen Studie berichtete etwa die Hälfte der befragten Klinikpatienten über gravierende Lebensveränderungen, angestoßen durch die Psychotherapie. Die meisten konnten sie aber mit der Zeit gut verarbeiten. Das gelang auch Frau R., die einen neuen Freundeskreis und nach zwei Jahren einen neuen Partner fand, mit dem sie „gleichberechtigt und auf einer Augenhöhe“ zusammenlebt. Und Herr K. erarbeitete während eines neuen Klinikaufenthalts Möglichkeiten einer Tagesstruktur auch ohne Beruf. Jetzt kann er seine „neue Freiheit und Lebensqualität immer besser genießen“.

Ende gut, alles gut? Nicht immer. In der Übersichtsarbeit finden sich seitenweise Tabellen zu den Ergebnissen vorliegender Studien über die Häufigkeit von Nebenwirkungen, Symptomverschlechterungen, Erfolglosigkeit der Behandlung, Therapieabbruch; und diese Zahlen sind sehr unterschiedlich. Der Anteil der Patienten mit Symptomverschlechterung schwankt zum Beispiel je nach Studie zwischen fünf und 27 Prozent, der Anteil erfolgloser Therapien zwischen zehn und 50 Prozent. Mehrfach liest man die Anmerkung, die Daten seien „wenig verlässlich“. Immer wieder wird die mangelnde Vergleichbarkeit von Forschungsergebnissen beklagt, denn es fehlt an einheitlichen Definitionen.

Die Gründe für Misserfolge können beim Therapeuten liegen (falsche Methodenwahl, fehlendes Einfühlungsvermögen, mangelnde Aufklärung), aber auch bei Patienten mit überzogenen Heilerwartungen. Ebenso wie chronische körperliche Krankheiten lassen sich auch chronische seelische Leiden meist nicht heilen, wohl aber lindern. Rosemarie Stein

Buchtipp: „Psychotherapie: Angebote sinnvoll nutzen.“ Stiftung Warentest, 222 Seiten, 9 Euro 90.

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