Risiken und Nebenwirkungen : Die dunkle Seite der Psychotherapie

Ein Beipackzettel klärt Patienten über mögliche Nebenwirkungen von psychotherapeutischen Behandlungen auf – bisher aber nur in Österreich.

Jana Hauschild
Düstere Gedanken. Wer wegen einer Depression zum Psychotherapeuten geht, muss auch über sein Umfeld nachdenken. Das kann ihn zwischenzeitlich noch depressiver machen.
Düstere Gedanken. Wer wegen einer Depression zum Psychotherapeuten geht, muss auch über sein Umfeld nachdenken. Das kann ihn...Foto: ABDA/gma

Bekommt ein Patient ein Medikament, weiß er: Zu Risiken und Nebenwirkungen kann er seinen Arzt oder Apotheker fragen. Doch wen fragt er, wenn er eine Psychotherapie beginnen möchte? Dieser Aufklärungslücke haben sich österreichische Forscher der Donau-Universität Krems angenommen und eine Broschüre über psychotherapeutische Behandlungen herausgegeben. Analog zur Packungsbeilage von Medikamenten soll diese über Anwendung, Wirkung und Nebenwirkungen von Psychotherapie informieren.

Das Forschungsteam hat rund 2500 Patienten und 70 Experten befragt, welche Auskünfte meist fehlen. Nun liegt der Beipackzettel in Österreichs Beratungseinrichtungen, Praxen und diversen Ämtern aus. „Wichtig war uns nicht nur ein niedrigschwelliges Informationsangebot zu schaffen, sondern auch das Bewusstsein für Probleme zu vergrößern. Denn die Ergebnisse von Psychotherapie sind nicht nur positiv“, erklärt Professor Dr. Anton Leitner, der Studienleiter der Abteilung für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie an der Kremser Universität.

Auch in Deutschland hat man das erkannt. Vereinzelt gibt es Therapeuten und Patientenorganisationen, die auf unerwünschte Effekte einer Psychotherapie hinweisen. Doch ein breites Projekt wie in Österreich fehlt – ebenso wie Forschung, die sich mit negativen Effekten von Psychotherapie auseinandersetzt.

Eine der wenigen Ausnahmen ist der deutsche Psychologe Michael Märtens von der Fachhochschule Frankfurt. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Misserfolgen von Psychotherapie. Er hat an dem Kremser Projekt mitgewirkt und bereits vor einigen Jahren ein Buch über Nebenwirkungen und Therapieschäden herausgegeben. Bei der Recherche stellte er fest: Es mangelt nicht nur an Forschung, sondern auch an Selbstkritik: „Wir haben die einzelnen Therapieschulen gebeten über negative Effekte ihres Verfahrens zu berichten. Wenn wir Antwort erhielten, wurden eher die Schwierigkeiten anderer Verfahren genannt.“

Ebenso wenig besteht Konsens darüber, was Nebenwirkungen in der Psychotherapie überhaupt sind. Annegret Conrad ist über diesen Mangel gestolpert. Die Psychotherapeutin in Ausbildung widmete ihre Dissertation den negativen Effekten von Psychotherapie. „Je nachdem, was Forscher unter Nebenwirkungen und negativen Ergebnissen verstehen, reicht die Quote von fünf bis 50 Prozent“, berichtet sie. Demnach kann die Forschung keine Auskunft darüber geben, wie oft welche Nebenwirkung vorkommt. Fehlen diese Werte in einem Beipackzettel, steht Conrad dem skeptisch gegenüber: „Ohne Angaben, die zeigen, dass negative Begleiterscheinungen nicht die Regel sind, werden Patienten verunsichert.“

Die Spannweite von Auswirkungen einer Psychotherapie ist groß. Menschen verändern sich durch die Therapie. Jasager lernen zum Beispiel, Nein zu sagen. Ihr Umfeld ist das nicht gewohnt. Das soziale Gefüge wandelt sich. Aber auch weil Patienten nun abwägen, welche Beziehungen ihnen gut tun und welche nicht. Partnerschaften und Freundschaften lösen sich vielleicht auf. Bei 50 bis 60 Prozent der Patienten verschlechtern sich sogar die Symptome im Laufe der Therapie zeitweilig. Auch das ist normal, sagt Märtens: „Wenn jemand mit Depressionen in Behandlung kommt und dann viel über sich und sein Umfeld nachdenken muss, kann das noch depressiver machen. Ähnlich ist das bei anderen psychischen Störungen. Therapie kann auch zwischenzeitig eine Belastung sein. Das sind Begleiterscheinung, über die vorher aufgeklärt werden muss, damit sie den Patienten nicht erschrecken.“

Auch dauerhafte Verschlechterungen können auftreten. Aufklärung wirkt hier ebenso präventiv. Denn die Ursachen dafür sind zwar vielfältig, aber oft vermeidbar. Möglicherweise war es nicht das passende Therapieverfahren für den Patienten, vielleicht war der Therapeut nicht kompetent genug für die Behandlung jener Störung. Oder, was Experten betonen, vielleicht stimmte die Paarung nicht. Die Forschung hat gezeigt, dass für eine erfolgreiche Therapie die Beziehung zwischen Patient und Therapeut elementar ist. „Viele Patienten denken, das ist wie beim Arzt, der ist der Experte, der sagt, wo es lang geht“, so Märtens.

Doch vielmehr als beim üblichen Arztbesuch, kommt es darauf an, ob man sich bei dem Therapeuten wohl fühlt und man sich ihm öffnen kann. Ist das nicht so, raten Experten dringend den Therapeuten zu wechseln. Märtens und Conrad halten Patienten auch dazu an, dem Therapeuten mitzuteilen, wenn sie mit der Therapie unzufrieden sind, um darüber gemeinsam zu sprechen. Ebenso sollte der Therapeut regelmäßig vom Patienten Feedback einholen.

Weiß der Patient Bescheid, dient das schließlich sogar dem Therapieerfolg: „Aufklärung ist nicht nur eine gesetzliche Pflicht. Mehrere Studien haben gezeigt: Wenn Patienten aufgeklärt sind, wirkt Psychotherapie besser“, sagt Harald Freyberger von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Den Beipackzettel sieht er als sinnvolles Instrument zur Aufklärung, denn in der Praxis findet diese oft nicht statt. Jana Hauschild

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