Rollenvorbilder : Frauen, die sich dreckig machen

In TV-Serien kommen Ingenieurinnen oder Physikerinnen kaum vor. Damit fehlen Mädchen und jungen Frauen die Rollenbilder für die Studien- und berufswahl, finden Experten.

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Mordsarbeit. In der Serie „Rizzoli & Isles“ (Vox) ermittelt die Polizistin Jane Rizzoli (Angie Harmon, links) gemeinsam mit ihrer Freundin, der Gerichtsmedizinerin Maura Isles (Sasha Alexander).
Mordsarbeit. In der Serie „Rizzoli & Isles“ (Vox) ermittelt die Polizistin Jane Rizzoli (Angie Harmon, links) gemeinsam mit ihrer...Foto: picture alliance/dpa

Sie jagen als Kommissarin Verbrecher, retten als Ärztin Leben oder leiten eine Werbeagentur: Die Zeiten, da Frauen in Fernsehfilmen dem Chef nur den Kaffee servieren, sind vorbei. Attraktive Ingenieurinnen oder Biochemikerinnen, die ihre Abenteuer im Labor bestehen, kommen im Fernsehen jedoch nicht vor – zum Kummer von Experten in Politik und Wirtschaft. Sie befürchten einen Mangel an Fachkräften in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (abgekürzt MINT), sollten nicht auch Frauen in die entsprechenden Studiengänge und Berufe streben.

Sind die Gründe für den Frauenmangel in den MINT-Fächern und -Berufen auch zahlreich: Als sicher gilt, dass es jungen Frauen und Mädchen an geeigneten Rollenvorbildern fehlt. Spielfilme und Serien inspirieren junge Menschen bei der Berufswahl aber durchaus, und zwar mehr als der Schulunterricht, lautet ein zentrales Ergebnis des Forschungsprojekts „Berufsorientierung im Unterhaltungsformat“, an dem sich Wissenschaftler verschiedener Einrichtungen, darunter der TU Berlin, beteiligten und die vom Bundesforschungsministerium und dem Europäischen Sozialfonds gefördert wurde.

Wie also lassen sich fiktionale Fernsehformate nutzen, um besonders bei Mädchen Interesse für MINT-Berufe zu wecken?, fragen die Wissenschaftler in der jetzt erschienenen Broschüre „MINT und Chancengleichheit in fiktionalen Fernsehformaten“. Das Cover des Hefts zeigt eine Frau mit sinnlichen Lippen und romantischen Stirnlocken, die im halbdunklen Labor lässig eine chemische Lösung in einen Kolben träufelt. Das Bild, das sich Gymnasiastinnen von Frauen in MINT-Berufen machen, ist hingegen ein anderes. Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen gelten als ähnlich unattraktiv wie Politikerinnen und Hausfrauen, zeigt die Studie. Noch schlechter kommen nur Mathematikerinnen und Informatikerinnen weg – im Gegensatz etwa zu Ärztinnen, Managerinnen und Spitzensportlerinnen.

Will das Fernsehen zur Attraktivitätssteigerung dieser Berufe beitragen, dann werden Autoren und Produzenten viel zu tun haben. Und sie müssten fast bei null anfangen. Denn auch Männer werden kaum je als Ingenieur oder Biochemiker gezeigt, sondern als Pfarrer, Förster oder Lehrer. Sender und Produktionsfirmen haben Vorbehalte. Wie soll ein Ingenieur, der vorm Rechner sitzt oder ein Wissenschaftler, der in „irgendwelchen Kolben rührt“, spannend sein?, wird gefragt. Ein Produzent einer Daily Soap gab an, wenn er dem Sender eine Biochemikerin als neue Figur vorschlagen würde, würden die „wohl wortlos den Raum verlassen, weil die sich darunter nichts vorstellen können“.

Ein befragter Redakteur oder eine befragte Redakteurin, das Geschlecht ist nicht genannt, machte gar die Frauen selbst verantwortlich für den Missstand. Schließlich seien sie Redakteurinnen geworden, weil sie sich so wenig für die Naturwissenschaften interessierten. Darum würden sie das Thema jetzt natürlich nicht ins Fernsehen bringen. Allerdings lässt sich einwenden, dass sicherlich auch die meisten Männer in Redakteursberufen keinen naturwissenschaftlichen Hintergrund haben. Die Frauen alleine können also nicht schuld sein. Andere Fernsehmacher sagen, dass weibliches Publikumsinteresse nur durch „Liebe, Drama, Tragik“ zu erzeugen sei. Eine Ingenieurin an einer Turbine kann solche großen Gefühle nicht wecken, befürchten sie.

Dass Frauen in den Naturwissenschaften durchaus als narrative Figuren taugen und das sogar messbare positive Auswirkungen im realen Leben haben kann, beweist jedoch der große Erfolg der amerikanischen Krimiserie „CSI: Crime Scene Investigation“ in den USA und Europa. Im Mittelpunkt stehen dabei „Frauen, die sich auch mal dreckig machen, ihr Hirn benutzen und jede Menge Krimineller zur Strecke bringen“, wie Corinne Marrinan auf der Abschlusskonferenz des MINT-Projekts erklärte. Marrinan arbeitete zehn Jahre lang als „Associate Producer“ und Autorin für die Serie.

Man habe beim Start der Serie gar nicht vorgehabt, sich mit dem Thema Gender auseinanderzusetzen, sagte Marrinan. Doch offenbar sei das Publikum bereit gewesen, „nicht-traditionelle Rollen für Frauen an diesem speziellen Arbeitsplatz zu akzeptieren“ – mit Auswirkungen, an die beim Start der Serie im Jahr 2000 niemand dachte: Das Studium der Forensik erfuhr in den USA einen ungeahnten Zulauf – von Frauen. In den vergangenen zwölf Jahren ist die Zahl der Forensikstudentinnen um 64 Prozent angestiegen auf einen Frauenanteil von 75 Prozent. In forensischen Laboren arbeiten mit 60 Prozent deutlich mehr Frauen als Männer. Das zeige, dass „viele junge Frauen nach positiven Rollenvorbildern geradezu hungern und solche Figuren brauchen, um sich an ihnen zu orientieren und ihnen in ihrer eigenen Zukunft nachzueifern“, sagte Marrinan. Die korrekte Darstellung technischer und naturwissenschaftlicher Berufe ist aber eine Herausforderung, die nur zu meistern ist, wenn Rat durch Experten eingeholt wird und sich die Autoren intensiv mit dem Stoff befassen. So mussten etwa alle CSI-Autoren an Leichenschauen teilnehmen; im Beraterteam der Serie sind seit jeher Experten aus der Praxis der Polizeiarbeit vertreten.

Was den Austausch von Kulturindustrie und Wissenschaft betrifft, ist man in den USA weiter als hierzulande. Etwa mit dem Programm „Science and Entertainment Exchange“ der National Academy of Sciences, in dem Wissenschaftler Hollywoods Filmschaffende beraten. Das tun sie fraglos auch mit handfestem politischen Interesse. Durch Einfluss auf die Programmgestaltung lassen sich umstrittene Themen wie Stammzellforschung popularisieren. Doch die Wissenschaftler wollen auch, dass Forscher in Film und Fernsehen aus der Ecke der Verschrobenen oder gar Bösartigen hervorkommen dürfen.

In Deutschland versucht man etwas Ähnliches. So soll mit dem MINTiFF-Netzwerk (Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften und Chancengleichheit im Fiction-Format) die Darstellung von Wissenschaft in fiktionalen Fernsehformaten gestärkt werden. Film- und Fernsehschaffende tauschen sich mit Experten aus der Wissenschaft aus, filmische Projekte in Sachen MINT und Gleichstellung werden finanziell unterstützt. So entstand etwa der 2011 gesendete WDR-Tatort „Auskreuzung“ unterstützt durch ein MINTiFF-Stipendium. Eine junge Gentechnikerin steht hier im Mittelpunkt. Zwar kam die Tatort-Folge nicht ohne Liebesgeschichte aus und fiel in der Kritik weitgehend durch – der häufig geäußerte Vorwurf lautete Langeweile. Einige Wissenschaftsblogger allerdings lobten, wie Vorgänge im Labor dargestellt waren und dass der Krimi realistische Probleme wie Konkurrenzdruck unter Forschern und mangelnde Forschungsfinanzierung thematisierte. Einige freuten sich auch ganz einfach, dass der Wissenschaftsbetrieb es in das Sonntagabendprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens geschafft hatte.

Hoffnung besteht, in Zukunft mehr beeindruckende Frauen im Fernsehen zu Gesicht zu bekommen, die junge Mädchen hoffentlich positiv in der Berufswahl beeinflussen: als unerschrockene Forensikerin, akribische Forscherin im Labor, als kreative Ingenieurin – in der Wirklichkeit gibt es sie schon.

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