Saiga-Antilopen : Rätselhaftes Massensterben in Kasachstan

Binnen weniger Wochen stirbt die Hälfte der berühmten Saiga-Antilopen. Offenbar sind Bakterien daran beteiligt – aber nicht allein.

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Verendet. Eine Saiga-Antilope und ihr Kalb liegen leblos am Boden. Der Tod kommt binnen weniger Stunden. In betroffenen Herden gibt es kein Tier, das überlebt.
Verendet. Eine Saiga-Antilope und ihr Kalb liegen leblos am Boden. Der Tod kommt binnen weniger Stunden. In betroffenen Herden...Foto: Reuters

Zuerst bekommen sie Durchfall, bald tritt Schaum aus Maul und Nase. Die Tiere taumeln, ihre schlanken Beine knicken um. Schließlich liegen sie am Boden, winden sich im Erstickungstod. Rund 120 000 Saiga-Antilopen sind in den vergangenen Wochen in Kasachstan gestorben. Von den ersten Symptomen bis zum Exitus vergehen in der Regel nur wenige Stunden. Betroffene Herden gehen vollständig zugrunde, kein Tier überlebt.

Gerüchte über Bakterien, falsches Futter und Raketentreibstoff

Die Ursache des Massensterbens ist bislang unbekannt. Wissenschaftler haben Proben entnommen, doch die Analysen werden drei bis vier Wochen dauern. Und so kursieren zahlreiche Gerüchte, die sich um Bakterien, falsches Futter oder Raketentreibstoff drehen.

Saiga-Antilopen leben in großen Herden. Vor Jahrtausenden zogen sie von den britischen Inseln bis nach Alaska über Land. Der Lebensraum der Steppentiere wurde immer kleiner, hinzu kam die Jagd wegen des Fleischs und der Hörner, die in der asiatischen Medizin verwendet werden. So wurde die Art mehrfach bis an den Rand des Aussterbens gebracht. Die Bestände erholten sich, doch regelmäßig kam es zu Massensterben, etwa in den 1950er und 1980er Jahren, deren Ausmaß jedoch geringer war als jetzt. Nach der Unabhängigkeitserklärung Kasachstans ging es erneut bergab. Es gab große wirtschaftliche Probleme, viele verdienten ihr Geld mit Wilderei.

In großen Gruben werden die Kadaver unter die Erde gebracht

Staat und Naturschutzorganisationen wie die Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) starteten Programme gegen Wilderei und für mehr Schutzzonen. Mit Erfolg. „2014 haben wir im zentralen Teil des Landes, der nun betroffen ist, 217 000 Tiere gezählt“, sagt Michael Brombacher, ZGF-Referatsleiter Europa. Die Zahlen für 2015 seien noch nicht offiziell, lägen aber noch höher – und dann kam das Massensterben. „Die Hälfte der Tiere ist tot.“ Mit Radladern und Baggern werden Gruben ausgehoben, in denen die Kadaver vergraben werden. Offiziellen Angaben zufolge ist der Höhepunkt überschritten und das Massensterben vorerst beendet.

Die Suche nach den Ursachen läuft weiter. Mehrere internationale Veterinäre sind eingereist und haben 50 Nekropsien, so werden Autopsien bei Tieren genannt, vorgenommen. „Ich habe mich mein ganzes Forscherleben mit Tierkrankheiten befasst, aber ich habe noch nie eine Mortalität von 100 Prozent erlebt“, sagt Richard Kock vom Royal Veterinary College im britischen Hatfield dem Fachjournal „Nature“. Er und seine Kollegen haben Gewebeproben von den Tieren entnommen, die nun in kasachischen Labors analysiert werden.

Lokale Umweltschutzgruppen versuchen, eine Verbindung zu giftigem Raketentreibstoff herzustellen, der bei Fehlstarts vom Kosmodrom Baikonur in die Umwelt gelangen kann. „Diese Vermutung schließen wir aus“, sagt Brombacher. „Sonst müssten auch andere Organismen betroffen sein, aber das ist nicht der Fall.“

Pasteurella und Clostridia allein können es kaum gewesen sein

Nach Ansicht der Experten sind bakterielle Erreger namens Pasteurella und Clostridia am Massensterben beteiligt. Allerdings kommen diese häufig auch in gesunden Tieren vor, das Immunsystem muss bereits geschwächt sein, damit diese Erreger zum Tod führen. Es muss daher noch weitere Faktoren geben, die eine Rolle spielen.

Diskutiert werden etwa Umweltveränderungen. Beim Massensterben im Jahr 2010 konnte keine eindeutige Ursache festgestellt werden, sagt Brombacher. Es gab jedoch Hinweise, dass sich die Tiere an proteinreichem Futter überfressen hatten. In diesem Jahr gab es viel Regen, der möglicherweise dazu geführt hat, dass in der Steppe andere Pflanzen dominieren als üblich – und den Saiga-Antilopen gefährlich wurden.

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