Wissen : Schutz als Schatz

In Malawi wird eine neue Impfung gegen Pneumokokken enthusiastisch gefeiert.

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Auf engstem Raum. In einem Krankenhaus in Malawi müssen sich zwei Babys mit Lungenentzündung ein Bett teilen. Die Ärzte hoffen, dass die Impfung gegen Pneumokokken die Gefahr durch Lungenentzündungen künftig deutlich verringert. Foto: Adelheid Müller-Lissner
Auf engstem Raum. In einem Krankenhaus in Malawi müssen sich zwei Babys mit Lungenentzündung ein Bett teilen. Die Ärzte hoffen,...

Eine Lungenentzündung bedeutet meist nur für Menschen das Todesurteil, die durch andere Krankheiten geschwächt oder alt und gebrechlich sind. Schließlich haben wir Antibiotika und für den Notfall die moderne Intensivmedizin. Richtig?

In Malawi, einem der ärmsten Länder dieser Erde, sieht die Welt etwas anders aus. „Neben Malaria und Durchfall sind Lungenentzündungen hier einer der drei großen Killer für Kinder“, sagt der britische Infektionsspezialist Neil French, der fast ein Jahrzehnt lang in dem südostafrikanischen Land gelebt und geforscht hat und vor kurzem an die Universität Liverpool wechselte. Neun bis 15 von 1000 Kindern in Malawi sterben an einer Lungenentzündung, bevor sie ihren fünften Geburtstag hätten feiern können.

Einer von ihnen war der elf Monate alte Boniface Banda aus dem kleinen Dorf Chifuchambewa. Er hat es nicht mehr in die nächstgelegene Klinik geschafft, in die sich seine Mutter Christina zu Fuß aufgemachte, nachdem ihr Baby zwei Tage lang unter Husten und Atemnot gelitten hatte. Als sie ihr Kind unterwegs aus dem Tragetuch genommen hat, um es zu stillen, war es schon tot.

Vielleicht hätte eine Impfung sein Leben retten können. Ein Impfstoff, den seit kurzem alle Babys in Malawi bekommen können, beginnend mit der sechsten Lebenswoche. Der Impfstoff, der in ähnlicher Zusammensetzung in Deutschland aufgrund der Empfehlungen der Ständigen Impfkommission seit Sommer 2006 für Kinder unter zwei Jahren empfohlen wird, schützt zumindest gegen 13 der 90 Typen von Pneumokokken und damit vor rund 70 Prozent der Erkrankungen, wie French sagt.

Streptococcus pneumoniae, so heißen die Bakterien, die den Löwenanteil der Lungenentzündungen, aber auch Mittelohrentzündungen und Hirnhautentzündungen mit Folgen wie Taubheit oder Entwicklungsstörungen verursachen. Weltweit sind sie jedes Jahr die Ursache von schätzungsweise 826 000 Todesfällen bei Kindern unter fünf Jahren. Im westafrikanischen Gambia hat die Impfung die Todesfälle in dieser Altersgruppe um 14 Prozent verringert.

Eine Studie im Fachblatt „International Health“ kommt zu dem hoffnungsvollen Ergebnis, dass durch die Einführung von mehrfach schützenden Impfstoffen gegen Pneumokokken weltweit in den nächsten zehn Jahren drei bis vier Millionen Kinderleben gerettet werden können. Dazu dürfte auch der indirekte Schutz beitragen, den ältere, ungeimpfte Kinder und Erwachsene durch die „Herdenimmunität“ erfahren.

Kinder in Entwicklungsländern zu impfen ist das Ziel der Global Alliance for Vaccination and Immunization, kurz GAVI, auf deren Einladung der Tagesspiegel und andere Medien Malawi besuchten. In der GAVI-Allianz haben sich Geber- und Entwicklungsländer, Weltgesundheitsorganisation, Unicef, Weltbank, Impfstoffhersteller, Forschungsinstitute und Stiftungen wie die von Bill und Melinda Gates zusammengeschlossen. Besonders stolz ist man dort auf einen Finanzierungsansatz, der die Verpflichtung zur vorgezogenen Markteinführung beinhaltet. Die Hersteller bekommen dadurch Absatzsicherheit, verpflichten sich dafür im Gegenzug, ihre Impfstoffe für höchstens drei Dollar 50 pro Dosis anzubieten. „Aufgrund der Arbeit der Allianz sind immer mehr Hersteller, auch aus Schwellenländern, daran interessiert, geeignete Impfstoffe für Entwicklungsländer zu produzieren“, freut man sich bei der GAVI mit Hauptsitz in Genf.

Die Pneumokokken.Impfung soll bis 2012 in 19 Entwicklungsländern eingeführt sein. „Wir hoffen, dass der Impfstoff bald noch billiger wird“, sagt Agnes Katsulukuta, Managerin eines Impfprogramms in Malawi. Die Länder, die in die Projekte eingeschlossen werden, müssen ihre Erfolge dokumentieren und einen Teil der Impfstoffkosten tragen.

Mit der Impfung allein ist es schon deshalb nicht getan, weil auch andere Erreger Lungenentzündungen verursachen. Es hapert an medizinischer Versorgung und Medikamenten. „Wir brauchen hier nicht nur die Impfung, sondern die direkte Behandlung mit Antibiotika in den kommunalen Gesundheitszentren“, fordert Carrie Auer, Unicef-Vertreterin für Malawi. Denn diese Zentren sind von den Dörfern aus zu Fuß zugänglich.

Der Weg zu einer der 28 Distrikt-Kliniken ist dagegen im Ernstfall meist zu weit, weil Straßen und motorisierte Fahrzeuge fehlen. Und auch dort kann schwerkranken Kindern oft nicht geholfen werden. In der Distrikt-Klinik von Salima, einer kleineren Stadt nahe des Malawisees, müssen sich bis zu sechs lungenkranke Kinder das einzige Sauerstoffgerät teilen, häufig gefährdet ein Stromausfall die Behandlung. Nur in den drei größeren Städten des Landes, darunter die Hauptstadt Lilongwe, gibt es Intensivstationen.

Die Impfstoffe gekühlt zu halten, bis sie, in Boxen gepackt und auf Mofas transportiert, in den Dörfern ankommen, wo an Strom und Kühlschränke noch nicht zu denken ist, ist eine große Herausforderung. Doch es lohnt sich. „Seit Jahren haben wir hier in Malawi keine Fälle von Polio oder Masern mehr“, sagt der Arzt Kwame Chiwaya von der Weltgesundheitsorganisation stolz. Impfmüdigkeit wie in Europa, wo die Masern wieder aufflammen, ist in Malawi kein Problem.

Die Einführung des Pneumokokken-Impfstoffs wurde in Lilongwe geradezu enthusiastisch gefeiert: Mit symbolträchtiger Impfung des ersten Babys, einer Rede der Gesundheitsministerin und allgemeinem Tanz zu Songs mit afrikanischen Rhythmen und gesundheitsbewusstem Inhalt. Offensichtlich eine Form, in der selbst unspektakuläre Textzeilen wie „Du musst dich vor vielen Krankheiten schützen“ begeistern können.

Mit der unentgeltlichen Impfung für alle Babys verbinden sich große Hoffnungen. „Wir erwarten, dass die Anzahl der Kinder, die krank werden und auf dem Weg ins Krankenhaus sterben, dramatisch sinken wird“, resümiert Norman Lufesi, verantwortlich für das Programm gegen Atemwegsinfektionen.

Eine Erwartung, die Christina Banda teilt. Die 31-Jährige aus dem Dorf Chifuchambewa, die ihren Sohn Boniface im Januar verlor und schon vier Kinder hat, wünscht sich noch ein Kind. Dann soll Schluss sein. Im Familienplanungszentrum hat sie sich über Empfängnisverhütung informiert. Die Impfung lässt sie hoffen, dass ihr nächstes und letztes Baby gesund groß werden kann.

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