Schutz gegen Ebola : "Wir dürfen uns auf keinen Fall um Impflinge streiten"

Inzwischen werden drei Ebola-Impfstoffe im Eilverfahren am Menschen erprobt, dank ungewöhnlicher Allianzen. Nun geht es um den Nachweis, ob diese Impfstoffe wirklich vor Ebola schützen - und alle Augen richten sich auf Guinea.

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Ein junger Mann trauert um seinen Vater, der an Ebola starb.
Das Leid der Ärmsten. Ein Begräbnisteam des Roten Kreuzes holt den Vater des Mannes ab. Er ist vermutlich an Ebola gestorben. In...Foto: Daniel Berehulak, via Reuters

Die jungen Forscher lächeln erschöpft in die Kamera. Nach monatelanger Arbeit liegt erneut eine Nachtschicht vor ihnen. Zwischen ihren Laptops und Papieren stehen Chipstüten, Energie zum Durchhalten. „Mein Wohnzimmer, kurz bevor wir ein Manuskript einreichen“, sagt Marylyn Addo, die am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf für das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung tätig ist. Sie und ihre Kollegen haben an 30 erwachsenen Freiwilligen gezeigt, dass ein experimenteller Ebola-Impfstoff keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, sondern die erwünschte Immunantwort hervorruft: Antikörper, die das Virus zumindest in der Petrischale unschädlich machen. Zuvor mussten sie allein dafür 38 Megabyte bürokratische Formulare und vier Anträge auf Fördermittel einreichen. Im November kam das Okay. „An den ersten Impfling erinnere ich mich genau“, sagt Addo. Es war ein Münchner, der seinen Urlaub für die darauf folgende Beobachtung im Krankenhaus opferte und seine Aufwandsentschädigung spendete. Das Ergebnis ist ein Puzzlestein unter vielen.

Dass knapp acht Monate nach den ersten Beratungen der Weltgesundheitsorganisation zum Thema drei Ebola-Impfstoffe am Menschen getestet werden und zwei davon in Westafrika ihre Wirksamkeit beweisen sollen, ist Kooperationen über Länder-, Organisations- und Unternehmensgrenzen hinaus zu verdanken. „Das war noch nie da“, sagt Addo. „Alle haben an einem Strang gezogen.“ Dazu gehörten auch Zulassungsbehörden wie das Paul-Ehrlich-Institut in Langen, die nicht auf fertige Dokumentenbündel für die Bewertung warten, sondern alle verfügbaren Daten sofort überprüfen.

Diese Ad-hoc-Allianzen aus Wissenschaftlern, Zulassungsbehörden, Firmen, Stiftungen, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen sollten sich jedoch nicht erst bilden, wenn die Not bereits riesig ist, schreibt die WHO-Führung in ihrer Stellungnahme zu den Lehren aus Ebola. Um auf Infektionskrankheiten vorbereitet zu sein, brauche man etablierte Verfahren. Außerdem sei man daran erinnert worden, dass der Markt allein keine Impfstoffe, Medikamente und Schnelltests für vernachlässigte Krankheiten zur Verfügung stellen wird. Neue Anreizsysteme seien nötig. „Ärzte ohne Grenzen“ sieht die G-7-Staaten in der Pflicht, einen Forschungsfonds zu bilden. Schließlich würden die Gesundheitsbedürfnisse armer Menschen von der privaten Forschung meist ignoriert.

Gegen welche Erreger es Impfungen geben sollte, könnte die WHO festlegen

„Keine Firma wird Milliarden in die Entwicklung eines Impfstoffs pumpen, den niemand kaufen will“, sagt Julie Gerberding, Executive Vice President für strategische Kommunikation, globale Gesundheitspolitik und öffentliche Gesundheitsversorgung des Pharmakonzerns MSD. „Wir können auch nicht voraussagen, welches Virus die nächste Krise verursachen wird. Vor zwei Jahren hätten wir auf das Mers-Virus getippt. Nun war es Ebola.“ Eine Organisation wie die WHO könne jedoch jene Krankheitserreger auflisten, gegen die Forscher zunächst mit öffentlichen Mitteln Impfstoffkandidaten und Therapieansätze suchen sollen. Aus Angst vor Bioterror entstand zum Beispiel in den USA eine solche Liste, die nötige Grundlagenforschung wurde vor allem vom Verteidigungsministerium bezahlt. Auch zu Ebola. Ein anderer Ansatz sei es, breit wirksame antivirale Mittel zu entwickeln oder Impfstoffplattformen, die in kurzer Zeit an eine neue Gefahr angepasst werden können. „Das ist heute ein realistisches Ziel“, sagt Gerberding. „Selbst wenn wir diese Lösung noch nicht in den Händen halten.“

Eine solche Plattform sind abgeschwächte Vesikuläre Stomatitis-Viren (VSV), die unter anderem am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung untersucht werden. Dieses Tiervirus können Forscher gentechnisch so verändern, dass es für den Menschen ungefährlich ist, aber ein Eiweiß von Viren wie Ebola oder Mers auf seiner Oberfläche trägt. So kann das Immunsystem Antikörper gegen den gefürchteten Erreger bilden, zeigten für Ebola unter anderem die Tests in Deutschland. Auch die beiden anderen Ebola–Impfstoffe bedienen sich Impfviren, mit denen der Mensch normalerweise nicht in Berührung kommt. Sie schleusen zum Beispiel das Erbgut für ein Ebola-Eiweiß in menschliche Zellen ein.

Hinter jedem der drei am weitesten fortgeschrittenen Impfstoffkandidaten und jeder der drei Studien im Ausbruchsgebiet steht ein ganzes Konsortium. Die Firmen GlaxoSmithKline, Janssen und MSD sind vor allem dafür zuständig, schnell ausreichend Impfdosen für die Studien zu beschaffen, mit ihrer Erfahrung die besten Kandidaten zur Zulassung zu bringen und später die Produktion sicherzustellen. Wie nötig das ist, zeigt das Beispiel des VSV-Impfstoffs. Die Idee dafür hatte Heinz Feldmann einst in Marburg, seine Grundlagenforschung finanzierte die kanadische Regierung, später wurde der Impfstoff an das Biotechunternehmen New Link Genetics lizensiert. Dort hatte man aber weder die Kapazität noch das Kapital, um das von der WHO angestrebte Eilverfahren umzusetzen. New Link schloss deshalb eine Kooperation mit dem Riesen MSD. Die Firma erklärte sich bereit, den Impfstoff nach der Zulassung zum Selbstkostenpreis abzugeben – etwa an die Impfstoffallianz Gavi.

Alle Augen richten sich auf Guinea - weil es dort weiter Ebola-Kranke gibt

Ob und wann es dazu kommen wird, ist nach wie vor ungewiss. Zwar haben sich bisher 25 872 Menschen mit Ebola infiziert, 10 721 sind an dem Virus gestorben. Doch die Zahl der Neuinfektionen ist im Moment so gering, dass es immer schwerer wird, die Wirksamkeit der Impfung nachzuweisen. In Liberia, wo unter der Leitung der amerikanischen Gesundheitsinstitute NIH 27 000 Menschen entweder den kanadischen VSV-Impfstoff, einen amerikanischen Ebola-Impfstoff oder eine völlig andere Impfung als Placebo bekommen sollen, wurden bisher 800 Freiwillige geimpft. Es gibt keinen einzigen Erkrankten mehr im Land.

In Sierra Leone, wo in der letzten Woche unter Leitung der amerikanischen Seuchenbehörde CDC den ersten von 9000 Probanden der VSV-Impfstoff gespritzt wurde, sinken die Fallzahlen ebenfalls stark von Woche zu Woche. Alle Augen richten sich nun auf Guinea, wo der Widerstand gegen westliche Helfer teilweise in Gewalt umschlägt und es viele Gerüchte rund um die Impfung gibt. Dort hat ein Konsortium aus „Ärzte ohne Grenzen“, dem Gesundheitsministerium Guineas und dem Norwegischen Institut für Öffentliche Gesundheit im März zuerst medizinische Helfer und nun „Ringe“ von etwa 50 Kontaktpersonen um einen gerade Erkrankten mit dem VSV-Impfstoff immunisiert. 190 solcher Ringe sollen es werden, 16 sind bisher fertig, berichtet Marie-Paul Kieny, die bei der WHO die Entwicklung der Ebola-Impfstoffe koordiniert: „Bis Juni könnten die Ringimpfungen abgeschlossen sein. Wenn es dann noch Fälle gibt“, sagte sie auf einer Veranstaltung der forschenden Pharma-Unternehmen in Berlin. Im Moment sei die Aufklärung der Bevölkerung am wichtigsten. Man werde aber mit dem NIH sprechen, ob ihre Studie von Liberia nach Guinea verlegt werden kann.

Auf keinen Fall dürfe man sich nun um Impflinge streiten, betonte Katy Athersuch von „Ärzte ohne Grenzen“ auf der Frühjahrskonferenz der Organisation in Berlin. Als sie im Herbst im Norden Liberias im Einsatz war, sagte eine verzweifelte Frau ihrem Übersetzer: „Frag die Weißen, wann sie endlich Medizin bringen!“ Für sie solle man forschen, nicht für Publikationen oder Egos, sagte Athersuch. Auch nicht um unsere eigene Furcht zu beruhigen. Die Angst vor Ebola als Biowaffe habe in den USA zwar zur Entwicklung vielversprechender Medikamente wie ZMapp und Tekmira-Ebola geführt. Doch solche anspruchsvollen Mittel wären für arme Staaten nach der Zulassung viel zu teuer. „Es sollte uns um die Patienten in Afrika gehen.“

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