Serie: Gender in der Forschung (6) : Philosophieren über Gender

Ehe, Macht, Begehren: Seit der Antike interessieren sich Philosophen für die Geschlechterverhältnisse.

Susanne Lettow
Ganz „natürlich“? Sogar das biologische Geschlecht ist niemals in Reinform zu fassen, sondern nur vermittelt über Sprache und Normen, so die Philosophin Judith Butler. Foto: dpa/p-a
Ganz „natürlich“? Sogar das biologische Geschlecht ist niemals in Reinform zu fassen, sondern nur vermittelt über Sprache und...Foto: dpa/p-a

Philosophie – damit verbindet man zumeist ganz abstrakte Fragen nach Sein und Werden, nach den Bedingungen von Erkenntnis und Wahrheit, den Prinzipien der Moral und des guten Lebens. Die Grundfragen und Begriffe, um die es dabei geht, scheinen so allgemein, dass „Geschlecht“ in der Philosophie gar keinen Platz zu haben scheint. Womit also befasst sich Geschlechterforschung in der Philosophie? Und warum?

Zunächst einmal gilt es festzustellen: Die Auffassung, dass Geschlechterverhältnisse kein Gegenstand der Philosophie sind, galt nicht immer – genau genommen ist sie recht jung und vor dem 20. Jahrhundert kaum anzutreffen. Platon und Aristoteles, von denen Grundtexte stammen, auf die sich die europäische Philosophie weitgehend bezieht, haben intensiv über die Bedeutung von Geschlecht in der Natur, der Gesellschaft und im politischen Leben nachgedacht. Begriffliche Unterscheidungen wie die zwischen Materie und Form sind für sie Unterscheidungen, die sich zugleich auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beziehen. Ihre Vorschläge dazu, wie Politik und gesellschaftliches Zusammenleben zu gestalten seien, geben Auskunft darüber, wie wichtig es auch zu ihrer Zeit war, sich über die soziale Organisation von Geschlechterverhältnissen, von Arbeitsteilungen und Machtverhältnissen zu verständigen.

Gleiche Rechte auch für Frauen

Auch in den Philosophien späterer Jahrhunderte wurde über Themen wie die kulturelle Bedeutung von Geschlechterdifferenzen, über die Regulation sexuellen Begehrens oder die Organisation von Familie und Staat viel und kontrovers diskutiert. Kants Begriff der Vernunft ist ohne die Abgrenzung zum „Gefühl“, das dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wird, kaum verständlich. Gleiches gilt für Hegels Theorie der bürgerlichen Gesellschaft, zu der seine Theorie der Familie, der Ehe und der Liebe gehört.

Die philosophischen Annahmen von Kant und Hegel über die gesellschaftliche und moralische Bedeutung der Geschlechterdifferenz waren dabei keineswegs unumstritten. Eine Reihe von Autorinnen und Autoren – beispielsweise Olympe de Gouges, Condorcet, Theodor Gottlieb Hippel und Mary Wollstonecraft – bezogen die philosophischen und politischen Ansprüche der Aufklärung, insbesondere das Postulat der Gleichheit und die Idee der Menschenrechte, auch auf Frauen (und auf die Sklaven in den europäischen Kolonien). Sie formulierten radikale Absagen an rechtliche, politische und soziale Ungleichheit und Unterdrückung.

Erst mit der Aufklärung wurden die Machtverhältnisse mit der Biologie erklärt

Natur? Ja, auch der Begriff der Natur spielte in den philosophischen Reflexionen und Argumentationen über die Jahrhunderte hinweg eine Rolle. Doch das Argument, die Ursache von Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern liege in der Anatomie des weiblichen bzw. männlichen Körpers begründet – dieses Argument tauchte erst dort auf, wo es darum ging, die Ansprüche der Aufklärung auf politische und gesellschaftliche Gleichheit abzuwehren. Nicht zufällig entwickelte sich der moderne, biopolitische Rassismus ebenfalls ab dem frühen neunzehnten Jahrhundert und berief sich in ähnlicher Weise auf „die Biologie“.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der philosophischen Naturbegriffe und Geschlechtertheorien macht daher vor allem eins deutlich: Die Art und Weise, wie heute über Geschlecht gesprochen und gedacht wird, ist in keiner Hinsicht selbstverständlich oder allgemeingültig und schon gar nicht „natürlich“. Die Begriffe und ihre Inhalte, das zeigt die Philosophiegeschichte, sind erstens höchst wandelbar und zweitens schon immer umkämpft. Sie offenbaren keine Wahrheiten, sondern sind Einsätze in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Möglichkeiten und Perspektiven des Zusammenlebens.

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