Serie: Gender in der Forschung (8) : Gott ist männlich und weiblich

Warum biblische Theologie und ein modernes Geschlechterbild durchaus zusammengehören

Claudia Janssen
Ebenbilder Gottes. Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Das hat auch Konsequenzen für die Vorstellung vom Verhältnis der Geschlechter.
Ebenbilder Gottes. Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Das hat auch Konsequenzen für die Vorstellung vom Verhältnis der...Foto: Wikipedia

Welchen Einfluss haben Geschlecht und Sexualität auf Kirche und Gesellschaft? Wo existieren diskriminierende Traditionen – und wie lassen sie sich verändern? Wie ist es dabei um den interreligiösen Dialog bestellt? – Natürlich ist Gender auch ein Thema für die Theologie. 2000 Jahre überwiegend patriarchal geprägte Geschichte der Kirche bieten einen weiten Arbeitsbereich. Es ist eine Besonderheit theologischer Geschlechterforschung, dass sie sich auf der Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Theorie und kirchlicher Praxis etabliert hat.

In Deutschland gibt es drei Professuren für feministische Theologie beziehungsweise für Genderforschung. Damit die Ergebnisse der Forschung die Kirche erreichen, hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein Studienzentrum für Genderfragen geschaffen. Die Gender- und Gleichstellungsreferate in den Landeskirchen sowie Einrichtungen für kirchliche Frauen- und Männerarbeit tragen die Ergebnisse dann weiter in die gemeindliche Praxis.

Fundamentalistische Kreise kämpfen gegen die "Gleichmacherei" von Mann und Frau

Christlich-fundamentalistische Kreise begegnen diesen Entwicklungen mit Abwehr. Sie richten sich vehement gegen den sogenannten „Genderismus“, der aus ihrer Sicht dem christlichen Menschenbild widerspricht, und gegen die rechtliche Gleichstellung homo-, trans- oder intersexueller Menschen in der Kirche. Argumentiert wird mit einer „natürlichen“, biblisch legitimierten Schöpfungsordnung, die im ersten Buch Mose (Genesis) 1,27 niedergelegt sei: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (Übersetzung Luther 1984). Hier würden klare biologische Unterschiede, Zweigeschlechtlichkeit und die heterosexuelle Ehe durch die göttliche Schöpfung begründet. „Gender“ wird demgegenüber als Behauptung eines dritten Geschlechts oder als „Gleichmacherei“ von Mann und Frau abgelehnt: Die „Gender-Ideologie“ wolle Ehe und Familie zerstören.

Die Kirchen sind im Wandel

Konservative Christ_innen im evangelischen, katholischen und freikirchlichen Bereich werden zurzeit heftig von rechtspopulistischen Kreisen umworben. Zusammenschlüsse „besorgter Eltern“ mobilisieren mit „Demonstrationen für alle“ für den Schutz der heterosexuellen Familie und gegen Bildungspläne an Schulen, in denen geschlechtliche Vielfalt zum Unterrichtsthema gemacht wird. „Christen in der Alternative für Deutschland“ positionieren sich gegen Abtreibung. Sie versuchen damit, sich als die rechtmäßige christliche Position in Bezug auf Fragen von Familie, Ehe und Sexualität zu profilieren.

Obwohl diese fundamentalistische Haltung nur von einer sehr kleinen Minderheit getragen wird, ist sie durch politische Aktionen und provokant argumentierende Vertreter_innen in den Medien sehr präsent. Dies ist der geschlechterbewussten Theologie bisher kaum gelungen, obwohl sie innerkirchlich wachsende Akzeptanz gewinnt, auch in bisher eher konservativen Kreisen. Wie die Gesellschaft insgesamt befinden sich die Kirchen in einem Transformationsprozess, der von vielfältigen Auseinandersetzungen, auch mit reaktionären Kräften in den eigenen Reihen geprägt ist.

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