Reinigungsfrauen helfen - so wird die Geschlechterordnung fortgeschrieben

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Serie: Gender in der Forschung (9) : Ökonomie fängt im Haushalt an
Christine Bauhardt

Der Arbeitsplatz Privathaushalt der Mittelschicht ist heute vielfach ein Arrangement aus Reinigungsfrauen, Au-Pair-Mädchen, In-House-Pflegerinnen und einer Haushaltsmanagerin, die Hausarbeiterinnen, Familienangehörige und ihre jeweiligen Arbeits- und Zeitpläne miteinander koordiniert. An diesem privaten Arbeitsort, der der öffentlichen Kontrolle weitgehend entzogen ist, wird die symbolische Geschlechterordnung immer wieder neu bestätigt. Auch wenn im Haushalt Frauen unterschiedlicher Herkünfte mit unterschiedlichen Einkommenschancen und unterschiedlichem Sozialprestige arbeiten, so arbeiten dort eben fast ausschließlich Frauen. Damit wird die Alleinzuständigkeit von Frauen für die Haus- und Sorgearbeit aufrechterhalten und die Privatsphäre als weiblicher Raum fortgeschrieben.

Sorgearbeit gilt für Frauen als ganz natürlich

Warum aber wird Sorgeverantwortung für Menschen, die nicht für sich selbst sorgen können, also Kinder und alte und kranke Menschen, so stark mit Weiblichkeit identifiziert? Die Geschlechterforschung sieht eine Erklärung darin, dass aus der Gebärfähigkeit des Frauenkörpers eine quasi natürliche Zuständigkeit von Frauen für die Beziehungsarbeit mit Menschen abgeleitet wird. Dies gilt im Übrigen nicht nur für die Arbeit im Privathaushalt, sondern auch für sogenannte Frauenarbeitsplätze im Pflege- und Erziehungsbereich.

Dass diese Gebärfähigkeit nur eine Option darstellt, die keineswegs von allen Frauen realisiert wird, gerät dabei anscheinend in Vergessenheit. Kinder bekommen und erziehen findet darüber hinaus auch in Familienzusammenhängen statt, die nicht auf einem für natürlich gehaltenen heterosexuellen Kontrakt beruhen. Auf dem Arbeitsmarkt jedoch wird prinzipiell allen Frauen unterstellt, schwanger werden und temporär als Arbeitskraft ausfallen zu können. Ökonomisch gesprochen sind Investitionen in das weibliche Humankapital also risikobehaftet. Entsprechend werden Frauen geringer entlohnt, womit sich der Kreis beim Gender Pay Gap und bei der Organisation des Arbeitsmarktes entlang der Geschlechterlinie schließt.

Arbeitsmarkt und Familie beeinflussen einander

Familie und Arbeitsmarkt sind Institutionen, die wechselseitig miteinander verschränkt und aufeinander angewiesen sind. Weder Arbeitsmarkt noch Familie lassen sich unabhängig voneinander analysieren, und in ihrer Funktionsweise lassen sie sich nur als vergeschlechtlichte Institutionen verstehen. Der Staat kann diese Verschränkung von Markt und Familie in unterschiedlicher Weise beeinflussen, sei es durch familienpolitische Maßnahmen, sei es durch das Steuerrecht, beispielsweise das Ehegattensplitting, sei es durch die Bereitstellung und ausreichende Finanzierung von sozialen Infrastrukturen der Versorgung und Pflege.

Ökonomie als die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse verstehen

Mit den Regelungen zur Elternzeit, dem Ausbau der Kinderbetreuung oder der Pflegereform wurden Schritte in Richtung einer Entlastung von Frauen von der Alleinzuständigkeit für die Verantwortungs- und Sorgearbeit unternommen. Dass Männer in dieser Arbeitssphäre aber nach wie vor so gut wie abwesend sind, ist bedenklich. Schließlich ist die Sorge für andere Menschen nicht nur individuelle Last, sondern auch Chance für einen anderen gesellschaftlichen Blick auf die Ökonomie: Wenn wir Ökonomie als die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse verstehen, dann liegt in der Sorge für das Wohlergehen von anderen und von sich selbst der Schlüssel für ein anderes Wirtschaften. Auf diesem Fundament beruht ein neues Verständnis gesellschaftlicher Wohlfahrt.

Die Autorin ist Professorin für Gender und Globalisierung an der Humboldt-Universität zu Berlin. - Mit diesem Beitrag endet unsere Serie "Gender in der Forschung". Alle Teile finden Sie hier: Teil 1 -"Keine Angst vorm bösen Gender" (von Ilse Lenz), Teil 2 - "Auch das Biologische ist sozial" (von Kerstin Palm), Teil 3 - "Lernen, wie man Grenzen zieht" (von Heinz-Jürgen Voß), Teil 4 - "Riskante Ideale von Männlichkeit" (von Ahmet Toprak), Teil 5 - "Der moderne Mann sucht - sich selbst" (von Michael Meuser), Teil 6 - "Philosophieren über Gender" (von Susanne Lettow). Teil 7 - "Anders zu sein war immer normal" (von Martin Lücke). Teil 8 -"Gott ist männlich und weiblich" (von Claudia Janssen)

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