Serie "Identitäten" - elfte und letzte Folge : Der Berliner ist ein Auslaufmodell

Nur ein Bruchteil der heutigen Berliner ist noch in Berlin geboren. Dreiviertel der 3,5 Millionen Einwohner sind zugezogen, knapp 800.000 haben einen Migrationshintergrund. Der Kiez wird um so wichtiger.

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Foto: Doris Spiekermann-Klaas.
13.05.2011 14:59Willkommen in Prenzlauer Berg! Begleiten Sie uns auf einen Bummel in Bildern durch den Stadtteil. Hier stehen...

Wenn man in Köln lebt, ohne dort geboren zu sein, womöglich, ohne rheinischen Akzent zu sprechen, hat man kein leichtes Los. Als „Immi“, als „Immigrant“, gilt man nicht viel in einer Stadt, die in ihrer statistischen Broschüre leicht zugänglich ausweist, wer ein „echter Kölscher“ ist. Sprich: wer in der Stadt geboren ist. Das sind immerhin 40 Prozent der Kölner. Aber selbst wenn ein Immi nicht abschätzig angesehen wird, kann es passieren, dass man in seiner Stammkneipe gefragt wird, wo man denn „seine Wurzeln habe“. Will sagen: Dass Du ein Kölner sein möchtest, glaube ich Dir wohl. Du bist aber keiner. Also: Wer bist Du wirklich?

In Berlin wird das nicht so leicht geschehen.

Die Stadt besteht hauptsächlich aus Zuwanderern – nur etwa ein Viertel der 3,5 Millionen Einwohner sind in der Stadt geboren. Jedes Jahr ziehen etwa 150.000 Menschen zu und 130.000 Menschen ziehen wieder weg. Zwar wird man schon mal gefragt, wo man herkomme. Aber irgendwoher kommt man ja immer. Und auch wenn die Kreuzberger Schwaben einen schlechten Ruf haben, auch wenn die Neuköllner Türken von manchen nicht ohne Weiteres als Deutsche angesehen werden: Als Berliner gelten sie doch, irgendwie. Das Statistische Jahrbuch weist 460.000 Berliner mit nicht deutscher Staatsangehörigkeit aus. Sogar fast doppelt so viele, etwa ein Viertel der Berliner, weisen einen Migrationshintergrund auf, kommen also aus einer nicht deutschen Familie. „Immis“ nach Kölner Muster werden dagegen im Statistischen Jahrbuch gar nicht benannt. Alle sind, so scheint es, „echte“ Berliner.

Umso eigenartiger mutet es an, wenn bei einer Stadtrundfahrt berühmte Berliner Gebäude vorgeführt werden, mit dem Zusatz: „Der Berliner sagt dazu …“. Man möchte in einem solchen Moment gerne wissen, welcher Berliner Türke oder Schwabe die Siegessäule „Goldelse“ oder die Fußgängerbrücke zwischen den Reichstagsgebäuden links und rechts der Spree „Beamtenlaufbahn“ nennt.

Wie wird man zum Berliner, in einer Stadt, die sich so schnell bewegt? Die Frage ist beileibe nicht neu. Sie betraf nicht nur Berlin, sondern alle Städte, die im Laufe des 19. Jahrhunderts ein rapides Wachstum durchmachten. Berlin aber betraf es besonders. Nachdem der Große Kurfürst die französischen Hugenotten in die Stadt geholt hatte, waren um 1700 ein Drittel der Berliner Franzosen. Dreißig Jahre später kamen 20.000 protestantische Österreicher dazu, die von Maria Theresia wegen ihres Glaubens vertrieben wurden. Viele der Uraltberliner sind also Österreicher oder Franzosen.

Als die Stadt mit Reichsgründung und Industrialisierung explodierte, wurde sie zu einem brodelnden Kessel von Zu- und Abwanderern. Zwischen 1870 und 1914 legte Berlin um etwa 1,2 Millionen Einwohner zu und wuchs damit auf das Zweieinhalbfache. Die Stadt war eine riesige Umwälzpumpe der Migration, die Millionen Menschen anzog und wieder abstieß. In dieser Zeit sind zehnmal so viele Menschen in die Stadt gezogen und wieder gegangen wie geblieben sind. Das macht geschätzte zehn Millionen Zu- und Wegzüge! Man muss sich vorstellen, was das bedeutet für den Lebensraum, der für „den Berliner“ die Welt ist: den Kiez.

Warum entgegen dem allgemeinen Eindruck die Sesshaftigkeit zugenommen hat, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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