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Sicherheit und Forschungsfreiheit : Streit um Super-Erreger

22.01.2013 16:38 Uhrvon
Umstrittene Grundlagenforschung. Wer Impfungen oder Gegenmittel gegen die Vogelgrippe entwickeln will, muss die Viren erst verstehen.Bild vergrößern
Umstrittene Grundlagenforschung. Wer Impfungen oder Gegenmittel gegen die Vogelgrippe entwickeln will, muss die Viren erst verstehen. - Foto: picture-alliance/ dpa

Das Moratorium zur Forschung an veränderten Vogelgrippeviren soll in dieser Woche aufgehoben werden. Internationale Regeln zum Umgang mit solchen Viren gibt es aber noch nicht.

Killerviren. Potenzielle Biowaffen. Unerlässliche und brandgefährliche Forschung. Der Virologe Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam war erstaunt, welches Echo ein paar flapsige Bemerkungen erzeugen können. Im Herbst 2011 hatte er auf einer Fachkonferenz auf Malta verkündet, er und seine Kollegen hätten das Vogelgrippevirus H5N1 „wie die Hölle mutiert“, bis es bei Frettchen – und damit wahrscheinlich beim Menschen – per Tröpfcheninfektion über die Luft übertragbar war.

Sein Team und eine Gruppe um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin-Madison hatten unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Methoden gezeigt, dass die Vogelgrippe eine reale Gefahr ist, gegen die man gewappnet sein sollte. Nur wenige Veränderungen im Erbgut der Viren reichen, damit sie sich an Säugetiere anpassen können. Einige dieser Mutationen wurden bereits in der Natur beobachtet. Die Folgen einer Vogelgrippe-Pandemie wären katastrophal: Mehr als die Hälfte der Patienten, die sich bisher bei Tieren angesteckt hatten und ins Krankenhaus kamen, starben. Zwar ist nicht bekannt, wie viele Infektionen harmlos verlaufen. Doch Vogelgrippeviren sind um ein Vielfaches gefährlicher als die Spanische Grippe von 1918.

In den Medien jedoch war weniger von der Gefahr aus der Natur als von einem im Labor geschaffenen „Super-Erreger“ die Rede, der die Hälfte der Menschheit auslöschen könnte. Fouchier und andere Grippeforscher überrollte eine hitzige Diskussion über die Freiheit der Forschung und den Schutz der Bevölkerung: Unter welchen Umständen darf man gefährliche Viren in der Petrischale erzeugen? Und sollte man die daraus entstehenden Forschungsergebnisse komplett veröffentlichen? Wer entscheidet darüber?

Die zwei Studien, um die es in dem Streit ging, wurden bereits im Sommer 2012 von den Journalen „Science“ und „Nature“ ungekürzt gedruckt. Das US-Beratergremium für Biosicherheit hatte dafür grünes Licht gegeben. Das freiwillige Moratorium aber, auf das sich im Januar 2012 Grippeforscher aus aller Welt geeinigt hatten, blieb unangetastet. Die Arbeit sollte erst wieder losgehen, wenn es eine international akzeptierte Lösung zum Umgang mit veränderten Vogelgrippeviren gibt – ein nie dagewesener Vorgang in der Virologie. 60 Tage Zeit hatten sie sich dafür gegeben. Aus der kurzen Atempause wurde ein Jahr. Eine internationale Regelung fehlt immer noch.

Trotzdem wollen die Unterzeichner in dieser Woche das Moratorium „in weiten Teilen“ aufheben. Die deutsche Gesellschaft für Virologie befürwortet das. Wie sie in einer Stellungnahme betont, seien Risiken und Nutzen umfassend abgeschätzt und Sicherheitsmaßnahmen überprüft worden. Es sei offenkundig, dass die Frettchenstudien „unter Einhaltung stringenter Sicherheitskriterien durchgeführt worden waren“ und „wichtige neue epidemiologische und gesundheitspolitische Erkenntnisse erbracht haben“. Weil das pandemische Potenzial der Viren noch nicht verstanden sei, sei es „notwendig, diese Forschungsarbeiten wieder aufzunehmen und weiterzuführen“.

In Deutschland stufe die Zentrale Kommission für Biologische Sicherheit (ZKBS) das Risiko von Experimenten mit gentechnisch veränderten Viren ein, diese Einstufung zieht festgelegte Sicherheitsmaßnahmen nach sich. Die unabhängige, externe Risikoanalyse der ZKBS sollte es auch bei Forschungsprojekten geben, die gefährliche Viren aus der Natur verwenden. Die Bundesregierung solle sich dafür einsetzen, dass „international verbindliche Richtlinien zur Risikoanalyse und Durchführung von Experimenten erarbeitet werden, die Übertragbarkeit oder Wirtsspektrum zoonotischer Erreger verändern“.

Im letzten Jahr haben einige Staaten bereits ihre Bestimmungen überprüft oder verschärft: Kanada verbannte Vogelgrippeviren, die potenziell von Mensch zu Mensch übertragen werden können, in BSL4-Labore. In diesen Laboren der höchsten Sicherheitsstufe werden sonst im Raumanzug Erreger wie Ebola, Nipah, Lassa oder Marburg erforscht. In den Niederlanden überprüfte eine unabhängige Kommission die Vorkehrungen in Fouchiers Labor und war zufrieden. Die USA überarbeiteten ihre Vorschriften zur Förderung und Überwachung von „Dual Use Research of Concern“, also Forschung, die der Menschheit sowohl dienen als auch schaden kann – etwa, wenn die Ergebnisse Terroristen in die Hände fielen. Das US-Ministerium für Gesundheitspflege und soziale Dienste feilt zusätzlich gerade an einer Rahmenvereinbarung, die sich ausschließlich mit veränderten Vogelgrippeviren befasst.

In den Ländern, in denen es noch keinen Konsens zum Umgang mit solchen H5N1-Viren gebe, sollten Wissenschaftler weiter ihre Arbeit ruhen lassen, schreibt Fouchier im Fachblatt „mBio“: „Trotzdem ist es unvernünftig, die Vogelgrippe-Übertragungsforschung anzuhalten, bis jedes Land zu einer Entscheidung gekommen ist.“

Dass Terroristen oder Schurkenstaaten die veränderten Vogelgrippeviren als Biowaffe einsetzen könnten oder Hobbybiologen die Viren im heimischen Labor nachbauen, gilt als extrem unwahrscheinlich. Größere Sorgen machen sich Experten über Laborunfälle. So weisen Marc Lipsitch und Barry Bloom von der Harvard School of Public Health in „mBio“ darauf hin, dass auch in den besten Laboren von Zeit zu Zeit das Protokoll vernachlässigt wird. Die Sicherheitsvorkehrungen variierten außerdem je nach Institution und Land.

Allein in den USA haben sich laut einer Statistik der amerikanischen Seuchenbehörde CDC im Zeitraum von 2004 bis 2010 elf Mitarbeiter von Laboren vermutlich über die Atemluft mit gefährlichen Bakterien oder Pilzen infiziert, mit denen sie arbeiteten. Keiner von ihnen starb, keiner infizierte weitere Menschen. 88 Mal galt eine Probe zeitweise als „verloren“, später stellten sich 87 der Fälle als Buchhaltungsfehler heraus.

Fouchier beharrt darauf, dass die wirkliche Gefahr nicht aus dem Labor kommt. Designerviren funktionierten nicht gut, sagt er: „Auch unseres ist ein lausiger Überträger. Die Natur kann das immer besser.“

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