Sozialwissenschaft und Globalisierung : Der Westen hat ausgedient

Sozialwissenschaftler müssen alte Weltbilder überwinden, um globale Machtverhältnisse zu verstehen. Wohlstand ist keineswegs immer eine Voraussetzung von Demokratie und Föderalismus kein Allheilmittel.

Andreas Mehler
In einem Flüchtlingslager im Südsudan stehen und sitzen Männer und männliche Jugendliche an einem Marktstand. Foto: REUTERS
Angespannte Ruhe. Seitdem der Südsudan 2011 von der autonomen Region im Sudan zu einem unabhängigen Staat wurde, kommen Süden und...Foto: REUTERS

Die Ukraine-Krise spaltet – nicht nur die Weltöffentlichkeit. Auch in der Wissenschaft streiten sich die Lager über Auswirkungen und Handlungsoptionen. So fordern die einen pauschal harte Sanktionen gegen Russland aus geostrategischen oder völkerrechtlichen Gründen, die anderen argumentieren, Sanktionen träfen immer die Falschen. Doch gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß, Wirkung oder Fehlwirkung, links oder rechts. Richtiger wäre die Frage, welche Sanktionen wirken wie, wo und in welchem Kontext.

Klar ist: Sanktionen ganz unterschiedlicher Art finden weltweit Anwendung, aber ihre Wirkung ist nicht überall gleich. Ob Russland, Iran oder gar Nordkorea und Zimbabwe – bevor pauschale Aussagen getroffen werden können, sollte auch innerhalb der Sozialwissenschaften ein Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin und der nationalen oder regionalen Grenzen geworfen werden. Warum nicht andere Perspektiven einbeziehen? Warum nicht weltweit vergleichen?

"Je reicher, desto demokratischer" - für China stimmt das nicht

Viele Sozialwissenschaftler messen und bewerten immer noch nach europäischen Maßstäben, erklären die Welt mit Theorien, die im Wesentlichen auf europäischer Erfahrung und Geschichte gründen. Sie schauen meist auf die USA und auf Westeuropa – andere Weltregionen bleiben außen vor. Das zementiert ihr Weltbild: „The West and the Rest.“ So lässt sich die verbreitete und auf westlichen Erfahrungen basierende Annahme, dass Wohlstand Voraussetzung für Demokratie sei – „Je reicher, desto demokratischer“ –, längst nicht mehr halten. China zum Beispiel hat in den vergangenen 20 Jahren ein sensationelles Wirtschaftswachstum erlebt, aber keinen nennenswerten Demokratieschub.

In Afrika gehören Länder wie Ghana, Senegal oder Benin zu den demokratischsten Staaten, ökonomisch aber liegen sie bestenfalls im afrikanischen Mittelfeld. Stattdessen tummeln sich ganz oben in den Wirtschaftsrankings das autoritäre Angola, die altertümliche Monarchie Swasiland und ganz an der Spitze mit Äquatorialguinea die wohl härteste Diktatur auf dem Kontinent.

Was gilt wirklich global, was nur unter bestimmten Voraussetzungen?

Die These des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Seymour Martin Lipset zu Wohlstand und Demokratie von 1959 wird bis heute von vielen geglaubt. Der Zusammenhang zwischen Ökonomie und Politik ist aber doch komplexer, wenn man erst mal die Empirie über den ganzen Globus an sich herankommen lässt. Es gilt, sich regionale Spezifika stärker anzusehen: Was gilt wirklich global, was nur unter bestimmten Voraussetzungen?

So ist es sicherlich kein Zufall, dass ein Professor der Internationalen Beziehungen aus Indien seinen Kollegen gerade die Leviten gelesen hat: Amitav Acharya, der neue Präsident der bedeutenden politikwissenschaftlichen Vereinigung International Studies Association (ISA). Er verlangte Ende März auf dem ISA-Kongress im kanadischen Toronto eine radikale Umorientierung der gesamten Disziplin: Die Dominanz des „Westens gegenüber dem Rest“ müsse ein Ende haben. Er forderte eine Öffnung zu dem, was er Globale Internationale Beziehungen nennt.

Lateinamerika bastelt an neuen Formen von Demokratie

Viele vorwärtsweisende Ideen stammen ohnehin aus dem sogenannten globalen Süden wie Südasien, Lateinamerika oder Afrika. Das zeigt der australische Forscher Ben Reilly in einer aktuellen Untersuchung an Innovationen des Wahlrechts. Dort wird experimentiert und an neuen Formen von Demokratie gebastelt, während Europa und die USA mit wachsender Politikverdrossenheit zu kämpfen haben und mit einer Elite, die kaum gewillt ist, althergebrachte Verfahren zu ändern.

Thesen wie die von Acharya erzeugen Widerstand. Denn eine Relativierung des westlichen Standpunkts dürfte zumindest zu einer anderen Reihenfolge weltpolitischer Prioritäten führen: Wie sieht die Welt eigentlich aus, wenn man sie von Bangladesch aus betrachtet? Anders als in Berlin, so viel ist sicher.

Doch immer mehr Sozialwissenschaftler begehren gegen die bisherige Weltsicht innerhalb ihrer Disziplin auf. In den vergangenen Jahren hat sich beispielsweise eine neue, innovative Forschungsrichtung etabliert: Die Vergleichende Regionenforschung (Comparative Area Studies). Sie reißt disziplinäre wie auch regionale Grenzen ein. Der Anspruch: Sensibel sein für die unterschiedlichen Bedingungen in den jeweiligen Ländern und Regionen und daher offen sein für Abweichungen, aber doch stets auf der Suche nach der Essenz, nach der Möglichkeit, allgemeine Aussagen treffen zu können.

Studenten der Politikwissenschaften etwa lernen klassischerweise Staatsformen wie das Präsidialsystem oder den Parlamentarismus meist am Beispiel der USA, Großbritannien und Deutschland. Beide Regierungsformen aber haben sich über den ganzen Globus ausgebreitet und funktionieren in der Praxis teilweise ganz anders als „im Original“.

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