Soziologie : Dialektik der Globalisierung

Revolution der Arbeit, Migration und asymmetrische Kriege: Wie Forscher die neue Weltordnung sehen.

Konstantin Sakkas
Freedom Tower
Simulation des Freedom Tower in New York. -Foto: Ullstein

Was ist Globalisierung? Vielleicht auch der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Jedenfalls aber ist die Globalisierung ein Phänomen, das niemanden unberührt lässt. Seinem Wesen nach bringt sie die universelle Vergegenwärtigung politischer, wirtschaftlicher und kultureller Vorgänge über räumliche Grenzen hinweg mit sich. Und sie lässt die Reaktionszeiten, die einmal gültig waren, auf ein Minimum zusammenschrumpfen. Die „grundlegende Veränderung der Kategorien von Raum und Zeit“ – so beschreiben etwa Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson, in ihrem Klassiker „Geschichte der Globalisierung“ (C.H. Beck 2003), die wohl wesentliche geistes- und kulturgeschichtliche Erscheinung unserer Zeit. Was diese Veränderung konkret bedeutet, zeigt ein Großereignis wie der letzte G-8-Gipfel. Vor diesem Hintergrund ist es wohl kein Zufall, dass im vergangenen halben Jahr eine ganze Reihe wichtiger Bücher zur Globalisierung erschienen oder neu aufgelegt worden sind.

Der Doyen ihrer Analytiker, der Münchner Soziologe Ulrich Beck, gibt eine mittlerweile auf acht Bände angewachsene Suhrkamp-Reihe „Globalisierung“ heraus – eine ideale Handreichung zum genaueren Verständnis der Globalisierung, ihrer Voraussetzungen und Folgen. Beck und seine Koautoren betreiben nicht nur „Fundamentalanalyse“; jedes einzelne Lebensfeld wird in einem eigenen Band abgehandelt: Das Spektrum reicht von der Arbeit, unter anderem in „Schöne neue Arbeitswelt“, einem fulminanten Plädoyer für die weltweite Entkoppelung von Arbeit und Einkommen, bis zur Situation von Frauen und Immigranten, welche Elisabeth Beck-Gernsheim dem Zugriff vorherrschender Stereotypen zu entziehen sucht. Mary Kaldor schließlich entlarvt in „Neue und alte Kriege“ die militärische Befriedungspraxis der Administration Bush als „technologieintensiven alten Krieg“: Dass der 11. September tatsächlich das „Tschernobyl des militärischen Machtbegriffs“ darstellt, mithin einen epochalen Paradigmenwechsel in der Geschichte von Außen- und Kriegspolitik bedeutet, sei, so Kaldor, von vielen Verantwortlichen noch kaum begriffen worden.

Einen sensiblen, gründlich recherchierten Beitrag liefern Daniel Levy und Natan Sznaider zum Holocaust: „Erinnerung im globalen Zeitalter“. Die Frage, ob die Shoa Katastrophe oder Konsequenz der Moderne, ihr gegenläufig oder in ihr begründet gewesen sei, führt zur hermeneutischen Klarstellung: „Der Holocaust sollte nicht als ein ‚universales Universalereignis‘ interpretiert werden, sondern als das, was er war: der Versuch, die europäischen Juden auszurotten.“ Engagiert warnen die Autoren vor der Instrumentalisierung des Judenmordes zum Totschlagargument für alle mit der Moderne Unzufriedenen. Dies geschient wohl nicht zu Unrecht, bedenkt man die Absurdität, welche es bedeutet, dass manche Palästinenser oder auch linke Globalisierungsgegner ihre (berechtigte oder unberechtigte) Kritik an Israel ausgerechnet mit dem Vorwurf nazistischen Verhaltens auffrisieren.

Als ein Blockbuster der aktuellen Globalisierungsrezeption ragt „Das kosmopolitische Europa“ hervor, eine Gemeinschaftsarbeit von Beck und Edgar Grande. Dass die uralte europäische Erfahrung in Sachen Pluralität und Toleranz der globalisierten Welt nutzbar gemacht werden kann, wird hier einleuchtend begründet. „Während zwischen Religionen das Entweder-Oder regiert, ist die Muttersprache für das Sowohl-als-Auch offen“ – ein Satz, den man getrost als Aufforderung an Europa verstehen kann, seiner Globalisierungspflicht zu genügen (natürlich fehlt nicht der Verweis auf Jürgen Habermas’ Rede von „Europas zweiter Chance“). Nicht mehr Kruppkanonen und englische Pfund, sondern Gedankenfreiheit und kulturelle Vielfalt sind die neuen Exportschlager des „dunklen Kontinents“, der auf dem Background des Clash of Civilizations mehr und mehr an Farbe gewinnt.

Beck und Grande setzen hier einen Kontrapunkt gegen die zivilisationskritische Globalisierungssicht, die – um nur das berühmteste Beispiel zu nennen – Michael Hardt und Antonio Negri in Empire aufgefahren haben. Gar nicht angestaubt, sondern wirklich zukunftsweisend wirkt da die Evokation eines gebildeten, menschenfreundlichen Weltbürgertums nach dem Vorbild der großen Europäer Montaigne, Kant und Goethe, mit welcher Beck dem überspannten Negativismus etwa Samuel Huntingtons entgegentritt, demzufolge die Welt von morgen aus dem Kampf der Kulturen gar nicht mehr herauskommen wird.

„Europäische Gesellschaft als Zivilisation“ – das Paradigma hat für Beck, den bekennenden Verfechter realistischer Utopien, Symbolkraft. Der Begriff, der in der Moderne nicht erst mit Ferdinand Tönnies in starken Misskredit kam, gewinnt bei Martin Albrow („Das globale Zeitalter“) eine neue idealistische Brisanz: „Anders als Aristoteles’ Staatsbürger sind die Weltbürger nicht die Herrscher des globalen Staates, auch stehen sie in keinem Vertragsverhältnis mit ihm wie die Bürger des modernen Nationalstaats. Vielmehr schaffen sie den Staat.“ Diese genuin europäische Vision: die Aufhebung der Polarisierung von Herr und Knecht, welche wiederum kein anderer Kulturraum so sehr ins Extrem getrieben hat wie eben Europa selber, erhebt sich am Horizont einer neuen Weltordnung. Die hat mit dem novus ordo saeclorum der USA zwar die humanitäre Substanz, nicht aber die Prinzipien seiner Durchsetzung – Dollarimperialismus und Kulturindustrie – gemein. „Europa als imaginärer Raum“ – das meint für Beck nicht den nostalgischen Regress hinter jede Modernität, sondern die Solidarisierung mit den gewonnenen Freiheiten der Moderne, die unter den Schlacken des Zeitalters darauf warten, ergriffen zu werden.

Aber was nun ist Globalisierung? Unter den zahllosen Antworten, an deren Gewichtung die vorliegende Literatur um den Preis sorgsamer Differenzierung letztlich scheitert, ragen zwei von Beck geprägte Begriffe hervor: zum einen der „Ausbruch des Politischen aus dem kategorialen Rahmen des Nationalstaats“; zum anderen die sukzessive „geographische Mobilisierung“. Welcher Teil der Gesellschaft der tragende hierbei ist? Zuvörderst die Manager international agierender Konzerne, im weiteren Sinne also das Wirtschaftsleben. Beck greift nicht bis zur Reformation zurück, als schon einmal eine zwar nicht welt-, aber europaweite Revolution, damals im Geistesleben, stattfand. Immerhin nimmt er die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts als Parallele und zeigt auf, wie eng Klassenfrage und Globalisierungsfrage miteinander korrespondieren – und mit ihnen natürlich die Frage nach kultureller Universalität: „Weltgesellschaft ist keine Mega-Nationalgesellschaft, die alle Nationalgesellschaften in sich enthält und auflöst, sondern ein durch Vielheit und Nicht-Integriertheit gekennzeichneter Welthorizont, der sich dann eröffnet, wenn er in Kommunikation und Handeln hergestellt und bewahrt wird.“

Die „ ,Ortlosigkeit‘ von Gemeinschaft, Arbeit und Kapital“, die vorerst nur eine große, schwindeln machende Unsicherheit unter den Menschen heraufzuführen scheint, ist indessen ebenso sehr Chance wie Risiko. Es komme darauf an, sich aus den Fesseln von Staat und Arbeit, die vormals notwendig und gut gewesen seien, zu befreien: Nur so kann vielleicht am Ende des nächsten Jahrhunderts statt der volonté générale, dem Paradigma des konstitutionellen Nationalstaates, eine volonté de chacun, der „Wille eines jeden“ zum bestimmenden Triebmoment im politischen Handeln werden und jedem Ich die Möglichkeit geben, sich selbst in der Gesellschaft tatsächlich so katastrophenfrei zu konstituieren, wie es der Philosoph André Gorz in seinem Nachwort zu Generation Global beschreibt. So würde auch die Dialektik der Globalisierung, die gegenwärtig so oft ins Negative auszuschlagen droht, am Ende friedlich aufgehoben.

Literatur: Ulrich Beck (Hrsg.): Reihe Globalisierung, Suhrkamp 2007, st 3866 - st 3873; Jürgen Osterhammel, Niels P. Petersson: Geschichte der Globalisierung, Beck’sche Reihe Wissen, 10/2003

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