Sprachforschung : Schreckliche Zwillinge

Wer von der Mutter- auf die Fremdsprache schließt, kann leicht an falsche Freunde geraten.

Burkhard Dretzke

Wer in Großbritannien einen Buchladen betritt und nach einem criminal roman fragt, muss sich nicht wundern, wenn er vom Buchhändler an die Polizei verwiesen wird. „Kriminalroman“ heißt im Englischen keineswegs criminal roman – das wäre ein „krimineller Römer“! (Englisch geschrieben mit einem großen R). Richtig heißt es thriller, crime novel, detective novel oder whodunnit. Ins Gegenteil verkehrt sich der Sinn, wenn Nichtmuttersprachler „skrupellose Banker“ als scrupulous bankers kritisieren: Denn das englische Wort scrupulous bedeutet „gewissenhaft“. „Skrupellose Banker“ sind im Englischen unscrupulous bankers.

„Falsche Freunde“ nennen Linguisten solche Schwierigkeiten bei der Übersetzung. Denn der Sprachschüler hilft sich wie auch sonst häufig, indem er Rückschlüsse aus seiner Muttersprache auf eine mit dieser verwandten Fremdsprache zieht. Wer „Revolution“ sagen will, liegt im Englischen mit revolution richtig, „Telefon“ heißt tatsächlich telephone. Solche Wörter sind „Freunde“ des Schülers.

Bei den „falschen Freunden“ scheitert der Transfer aber. Denn zwar klingen diese Wörter wie das in der Fremdsprache gesuchte Wort und werden oft auch so geschrieben. Doch im Laufe der Sprachgeschichte haben sich die Bedeutungen in der Mutter- und der Fremdsprache entweder auseinanderentwickelt – oder die beiden Wörter hatten trotz ihrer phonetischen oder orthographischen Ähnlichkeit historisch nie etwas miteinander gemein. So würden Touristen in Frankreich schamvolle Momente erleben, wenn sie ein „luxuriöses Apartment“ als l’appartement luxurieux suchen – „ein wollüstiges Apartment“. Richtig wäre l’appartement luxueux.

„Falsche Freunde“ treten in verschiedenen Formen auf.

Falsche Kognaten: gleiches Aussehen – keine Verwandtschaft

Falsche Kognaten (Verwandte) sind die „falschesten“ unter den „falschen Freunden“. Diese Wörter spiegeln durch ihre Form eine verwandte Herkunft nur vor. Sie haben aber gar nicht die gleiche Wurzel und in den jeweiligen Sprachen völlig unterschiedliche Bedeutungen. Das deutsche Wort „Fee“ wird im Englischen mit fairy übersetzt. Das englische Wort fee bedeutet „Gebühr“. „Glut“ – auch im Englischen existiert ein so geschriebenes Wort. Doch es bedeutet „Schwemme“. Das deutsche Wort „Glut“ muss übersetzt werden mit heat, glow oder embers.

Kognaten: verwandt – aber andere Bedeutung

Kognaten sind Wörter, die tatsächlich eine gemeinsame Geschichte teilen, aber in den verschiedenen Sprachen unterschiedliche Bedeutungen angenommen haben. Das „Gymnasium“ war im alten Griechenland ein Ort der geistigen und körperlichen Bildung junger Männer. Im Englischen bedeutet das Wort heute nur noch „Sporthalle“, die Oberschule wird als grammar school oder high school bezeichnet. „Promotion“ bezeichnet in Deutschland nicht zuletzt die Graduierung von Doktoranden (englisch: doctorate), im Englischen dagegen ausschließlich „Beförderung“ oder „Werbung“. Von der mundane atmosphere am Urlaubsort zu sprechen, kann ebenfalls peinlich sein. „Mondän“ heißt im Englischen chic, stylish, fashionable, während mundane lediglich „banal“, „alltäglich“, „schlicht“ bedeutet.

Verwirrende Wörter

Einen besonderen Fall stellen im Englischen die confusibles dar („Verwirrung auslösende Wörter“), auch terrible twins (schreckliche Zwillinge) genannt. Hier handelt es sich um Kognaten, die in einer Sprache in minimal unterschiedlicher Form auftreten, was dann zu unterschiedlichen Bedeutungen führt. Das kann sogar Muttersprachlern Schwierigkeiten bereiten. So heißt classic „typisch“, aber classical „auf die Klassik bezogen“. „Wirtschaftlich“ wird mit economic übersetzt, „sparsam“ aber mit economical. historic bedeutet „historisch bedeutsam“, historical „geschichtlich belegt“.

Partielle falsche Freunde

Erschwert wird das Problem der „falschen Freunde“ dadurch, dass Wörter in der einen Sprache einen größeren Bedeutungsumfang haben können als in der anderen Sprache. Das deutsche Wort „Salat“ heißt auch im Englischen als Beilage zum Gericht salad. Doch im Laden kauft man lettuce. Genauso entspricht das deutsche Wort „isolieren“ teilweise dem englischen isolate (isoliert sein/leben), aber wenn es um elektrische Isolierung geht, ist im Englischen insulate zu verwenden.

Die Möglichkeit der Verwechslung betrifft aber nicht nur Einzelwörter, sondern auch typische Wortverbindungen (Kollokationen), bei denen jeweils von der Form her verschiedene, in der Regel aber semantisch gleiche oder ähnliche Wörter verwendet werden. Das deutsche Wort „dick“ etwa geht zusammen (kollokiert) mit „Lob“, „Freunde“, „Person“ und „Buch“: „dickes Lob“, „dicke Freunde“, „dicke Person“, „dickes Buch“. Das englische Wort thick verbindet sich dagegen nur mit Buch (a thick book); denn man sagt high praise, close friends, fat/obese people. He is thick bedeutet „Er ist doof“. Ein weiteres Beispiel ist das Wort „stark“, das im Englischen etwa mit intense (pain), severe (frost), heavy (rain, traffic, smoker, drinker, pressure), bad (cold), great/big/high (demand), strong (dislike, team, medicament) übersetzt wird.

Schließlich zählen zu den „falschen Freunden“ pseudo-englische Wörter (Pseudo-Anglizismen). Hier handelt es sich um Wörter, die der Form und Herkunft nach englisch sind, die aber im Englischen in dieser Form nicht existieren oder andere Bedeutungen haben. Beispiele sind „Glascontainer“ (englisch bottle bank), „Mobbing“ (englisch harassment, bullying), „Oldtimer“ (englisch vintage car, veteran car).

Wie kann man sich vor „falschen Freunden“ schützen? Vor allem, indem man um ihre Existenz weiß. Burkhard Dretzke

Der Autor war Anglist an der FU. Soeben erschien sein Band (zusammen mit Margaret Nester): False Friends. A Short Dictionary. Reclam Verlag. 5 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar