Stadtleben-Forschung : Diese Dinge waren typisch für West-Berlin

Ofenheizung, Durchsteckschlüssel und Dosen aus der Senatsreserve: Ein Potsdamer Historiker hat für uns herausgearbeitet, wie die Alltagskultur das Leben in West-Berlin so besonders machte. Ein Gastbeitrag.

Andreas Ludwig
Die Ausstellung "West-Berlin: Eine Insel auf der Suche nach Festland" im Stadtmuseum. Das Stadtleben rückt derzeit auch in den Fokus von Wissenschaftlern.
Die Ausstellung "West-Berlin: Eine Insel auf der Suche nach Festland" im Stadtmuseum. Das Stadtleben rückt derzeit auch in den...Foto: dpa

Ein Samstagabend in West-Berlin: Zunächst die Wohnungssuche in den Sonntagsausgaben der Abonnementsblätter – meistens erfolglos. Danach wird mit dem Noteinkauf aus Ullrichs Supermarkt am Bahnhof Zoo in der Hand das Oberdeck des 19er-Busses nach Kreuzberg erklommen, sicherheitshalber in der Jackentasche nach dem Durchsteckschlüssel für die Haustür getastet, um schließlich in die Ofenheizungswohnung im Hinterhaus zurückzukehren.

Die Situation mag klischeehaft verdichtet sein. Dennoch erscheint sie unverwechselbar und bildet einen Ausschnitt aus West-Berlin vor 1989/90. Was das Besondere West-Berlins gewesen ist, wird immer wieder diskutiert: Was war das Charakteristische der Stadt und der höchst unterschiedlichen Lebensweisen in ihr?

Bisher kaum Aufmerksamkeit gefunden hat die materielle Kultur der Stadt. Ob U-Bahn-Fahrten oder Fußwege, Industriegebiete oder die Mauer, Stadtviertel, Wohnungen und Konsumgegenstände: Sie alle erzeugten zusammen eine „mentale Karte“ der Stadt. Heute, im Erinnerungsmodus, werden solche Orte und Objekte zusätzlich symbolisch aufgeladen – als „typisch West-Berlin“ werden die ehemals beiläufigen Begleiter des Stadtlebens bedeutungsgeladen.

West-Berlin, privat
Das Stadtmuseum Berlin sucht im Rahmen der Ausstellung „West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland“ persönliche Fotos aus West-Berlin der Jahre 1945 bis 1990. Auf dieser Aufnahme wird der Besuch aus Hamburg am Grenzübergang Staaken verabschiedet, 1970.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Georg Fleck
24.07.2014 13:52Das Stadtmuseum Berlin sucht im Rahmen der Ausstellung „West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland“ persönliche Fotos aus...

Weltstadtambiente mit Kirchenruine und Ku'damm

Seit der Teilung entwickelte sich das Zentrum aus der früheren Nebencity des Berliner Westens rund um den Kurfürstendamm. Mit seinen Geschäften und Kinos war er das Aushängeschild für Touristen und Bezugspunkt für Einheimische. Wesentliche andere Elemente eines Zentrums fehlten jedoch. Die politische Zentrale befand sich in Schöneberg. Die überregional bedeutsamen Kultureinrichtungen waren über die Stadt verstreut.

Die Straßen einer Stadt spiegeln soziale Prozesse wider. Kurfürstendamm und Gedächtniskirche gehören zu den symbolisch aufgeladenen Orten West-Berlins.
Die Straßen einer Stadt spiegeln soziale Prozesse wider. Kurfürstendamm und Gedächtniskirche gehören zu den symbolisch...Foto: IMAGO

In der eher gleichförmigen Stadtlandschaft aus den bis 1914 entstandenen, meist fünfstöckigen Mietshäusern fehlten auch zunächst richtige „Landmarks“ – von einigen Ausnahmen abgesehen. Hierzu gehören die Solitäre des Wiederaufbaus. Dies war zuallererst die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die kriegszerstörte Kirche wurde nach heftigen Diskussionen teilweise erhalten und durch einen Neubau ergänzt (1959–1961). Damit entstand am Beginn des ebenfalls symbolisch aufgeladenen Kurfürstendamms ein Ensemble, das die „wehrlose Ruine“ Berlin mit Modernität und weltstädtischem Ambiente verband.

Hansaviertel versus Stalinallee

Jenseits der symbolischen Orte entwickelte sich West-Berlin im Zeichen des pragmatischen Wiederaufbaus der durch die Bombardierung zerstörten Viertel. Die Zeilenbauten der 1950er und frühen 1960er Jahre orientierten sich am Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt: Abstandsgrün statt Blockrandbebauung, Funktionsteilung statt Funktionsmischung. So wurde das Hansaviertel errichtet, das programmatisch als „demokratisches“ Gegenbild zum Ost-Berliner Aufbausymbol Stalinallee wirkte.

Das so entstehende „moderne“ West-Berlin wies aber auch Kanten auf: unzweifelhaft die Grenzanlagen, ab 1961 die Mauer. Zu den Kanten innerhalb der Stadt gehörten die neuen Straßenachsen, mittels derer West-Berlin zu einer autogerechten Stadt werden sollte. Die Stadtautobahn, seit 1956 als erste innerstädtische Autobahn der Bundesrepublik erbaut, ist das bekannteste Beispiel. Viel massiver griffen die Planer in der Innenstadt ein, wo die Lietzenburger Straße und die Straße An der Urania breite Schneisen in die vormaligen Gründerzeitviertel schlugen. Die rauschhafte Ausgestaltung der Autoschneisen als breite, geschwungene Adern imaginierte eine Moderne, die aus heutiger Sicht vor allem durch ihre Weite und Leere auffällt.

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