Wissen : Streifenbarbe statt Kabeljau Tiere aus dem Mittelmeer zieht es in die Nordsee

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Gast aus dem Süden. Die Streifenbarbe wandert in die Nordsee ein. Foto: Albert Kok
Gast aus dem Süden. Die Streifenbarbe wandert in die Nordsee ein. Foto: Albert Kok

Der Meeresbiologe Heinz-Dieter Franke blickt von seinem Büro aus direkt auf die Nordsee. An der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) beschäftigt er sich mit Nahrungsnetzen und Biodiversität unter dem Einfluss des Klimawandels. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur in der südlichen Nordsee ist seit 1962 um rund 1,7 Grad Celsius gestiegen, haben Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) festgestellt, zu dem die BAH gehört. Weltweit hat sich die Oberflächentemperatur der Ozeane um durchschnittlich 0,6 Grad Celsius erhöht, was sich regional jedoch unterschiedlich auswirkt.

Umweltfaktoren wie Wassertemperatur, Salzgehalt oder die Konzentration von Nährstoffen vor Helgoland werden seit Anfang der sechziger Jahre werktäglich erhoben; die Aufzeichnungen von Arten reichen sogar noch weiter zurück, beinahe 150 Jahre. „Die Gewässer rund um Helgoland gehören zu den am besten untersuchten Meeren in Europa“, erklärt Heinz-Dieter Franke. Solche Langzeit-Datenreihen zeigen auch, wie sich das lokale Artenspektrum verändert hat. Bis zu 40 neue Arten sind in die Nordsee eingewandert, darunter die Streifenbarbe, eigentlich eine mediterrane Art, sowie Sardinen und Sardellen. Außerdem Schnecken, Quallen, Großalgen und Krebse.

Eine ökologisch wichtige Tiergruppe sind die Flohkrebse (Amphipoden), die zur Klasse der Höheren Krebse gehören. Im Nahrungsnetz der Lebensgemeinschaften auf dem Meeresboden spielen sie eine bedeutende Rolle, da sie andere Tiergruppen oft an Individuenzahl, Biomasse und Artenvielfalt übertreffen. Flohkrebse gelten seit langem als sensible Indikatoren für die Qualität von Wasser und Sedimenten. Sie eignen sich besonders gut, um veränderte Umweltbedingungen zu dokumentieren.

Nach einer Inventur der verschiedenen Flohkrebsarten haben Heinz-Dieter Franke und seine Mitarbeiter festgestellt, dass mindestens sieben Arten sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten vor Helgoland angesiedelt haben. Eine der sieben Arten wurde aus dem Nordpazifik eingeschleppt, die anderen bevorzugen eindeutig wärmere Gewässer. Deshalb gehen die Forscher davon aus, dass sie ihren Siedlungsraum im Zuge der Klimaerwärmung ausgedehnt haben.

Die Folgen des Klimawandels machen sich auch für den Menschen bemerkbar, etwa beim Nahrungsangebot. Heimische Arten wie der kälteliebende Kabeljau und Seelachs wandern gen Norden ab, was für die Fischerei angesichts der bereits überfischten Bestände keine gute Nachricht ist. „Das Gleichgewicht wird sich noch stärker in Richtung wärmeliebende Arten verschieben“, prognostiziert Karen Wiltshire, Vize-Direktorin des AWI. Manche der Einwanderer breiten sich übermäßig aus und können den Lebensraum dann dominieren, wie die Pazifische Auster. Sie hat sich im Wattenmeer stark vermehrt und überwuchert heimische Miesmuschelbänke mit ihren robusten Schalen, so dass sie nicht mehr abgeerntet werden können. Auch mit einer weiteren Zunahme von Quallen und Rippenquallen ist zu rechnen. Da sie sich überwiegend von Plankton ernähren, konkurrieren sie mit Fischen um Nahrung.

Ein massenhaftes Auftreten von Quallen hätte für den Tourismus negative Folgen. Am Ende einer Quallenblüte werden die Tiere oft an den Strand gespült, was Spaziergänger nicht gerade erfreut. Und für Badegäste ist das mehr als nur ästhetisch abschreckend, da es in Nord- und Ostsee auch diverse Arten gibt, die Hautreizungen und Verbrennungen hervorrufen, etwa die Gelbe Haarqualle.

Was bis zum Ende dieses Jahrhunderts an Erwärmung des Oberflächenwassers zu erwarten ist, hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Meteorologie errechnet. „Die Modellergebnisse zeigen, dass die Temperatur in der Nordsee um durchschnittlich zwei Grad ansteigen wird und die der Ostsee um drei bis dreieinhalb Grad“, sagt Hartmut Heinrich, Mitarbeiter am Bundesamt. Als Basiswert gilt der jeweilige Wert zum Ende des 20. Jahrhunderts. Monika Rößiger

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