Streit in Berlin : Naturkundemuseum soll Saurierknochen an Tansania zurückgeben

Der mächtige Brachiosaurus im Berliner Naturkundemuseum ist ein Publikumsmagnet. Nun sollen die berühmte Fossilien zurück nach Tansania, fordern Politiker.

Ricardo Tarli
Gigant der Urzeit. Die Knochen des Brachiosaurus brancai ragen bis 13 Meter in die Höhe und bilden das weltweit größte aufgestellte Dinosaurierskelett. Sie wurden bei einer Expedition im frühen 20. Jahrhundert in Ostafrika gefunden.
Gigant der Urzeit. Die Knochen des Brachiosaurus brancai ragen bis 13 Meter in die Höhe und bilden das weltweit größte...Foto: dpa/Emily Wabitsch

In der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, fand die bislang erfolgreichste Grabung nach Dinosaurierfossilien statt. Zwischen 1909 und 1913 holte eine Expedition unter Leitung von Berliner Paläontologen am Tendaguru-Hügel tausende Skelettreste ans Licht – darunter zahlreiche Knochen eines Brachiosaurus. Die Überreste des riesigen Pflanzenfressers sind seit 1937 im zentralen Lichthof des Berliner Naturkundemuseums aufgebaut. Mit einer Höhe von über 13 Metern ist es das weltgrößte aufgestellte Dinosaurierskelett und gehört seit Jahrzehnten zu den Publikumsmagneten der Einrichtung. Die Funde aus der Jurazeit sind für Forscher von großer Bedeutung.

Nun ist um die 150 Millionen Jahre alten Saurierknochen ein Streit entbrannt. Tansanische Politiker wollen diese zurück nach Ostafrika holen. Wie tansanische Medien vor einigen Wochen berichteten, hatten mehrere Parlamentsabgeordnete die Regierung aufgefordert, Deutschland zur Rückgabe der Dinosaurierfossilien zu bewegen. Seit Jahren gibt es in Tansania Stimmen, die eine Rückführung der Tendaguru-Funde verlangen. Dahinter steht nicht zuletzt die Hoffnung, den Tourismus anzukurbeln.

Verhandlungen zwischen den Ländern? Das wird von offizieller Seite dementiert

Die Regierung lehnt das jedoch ab. Dem Land fehle es an Mitteln, um die Knochen sachgerecht aufzubewahren und sie touristisch zu nutzen. Wie die regierungsnahe Tageszeitung „Daily News“ Ende Mai in ihrer Onlineausgabe weiter berichtete, hätten zwischen der tansanischen und der deutschen Bundesregierung Verhandlungen über mögliche Entschädigungsleistungen stattgefunden. Weder das Auswärtige Amt noch die tansanische Botschaft in Berlin bestätigen diese Meldung.

Für Mnyaka Sururu Mboro ist klar: „Das Dinosaurierskelett gehört nach Tansania.“ Und zwar das Original, keine Nachbildung. Mboro ist Vorstandsmitglied und Mitgründer des Vereins Berlin Postkolonial. „Die Tendaguru-Funde sind während der kolonialen Unrechtsherrschaft über das heutige Tansania außer Landes geschafft worden. Das Naturkundemuseum kann daher nicht ihr rechtmäßiger Besitzer sein.“

Der 67-jährige Tansanier lebt seit vielen Jahren in Berlin und setzt sich für eine kritische Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit der deutschen Kolonialvergangenheit ein. Eines der zentralen Anliegen des Vereins ist die Rückgabe menschlicher Überreste, die zu Forschungszwecken aus Afrika nach Deutschland gebracht worden waren und sich heute in den Sammlungsbeständen der Staatlichen Museen zu Berlin befinden.

Grüner Abgeordneter Uwe Kekeritz befürwortet die Rückgabe

Auch wenn die tansanische Regierung die Forderung nach einer Rückgabe der Dinosaurierknochen offiziell nicht befürwortet, besteht laut Mboro darüber in seinem Heimatland ein breiter Konsens: „Diese wertvollen Funde sind ein Welterbe, mit dem sich auch viele Tansanier identifizieren können.“ Nicht nur ein großer Teil der Opposition im Parlament fordere eine Rückgabe der Fossilien, sondern auch Mitglieder der Regierungspartei, erklärt Mboro. Für die ablehnende Haltung der tansanischen Regierung sind in seinen Augen vor allem sachfremde Gründe ausschlaggebend: „Die Regierung will es sich mit Deutschland nicht verscherzen. Die Politiker befürchten eine Kürzung der Entwicklungsgelder, die teilweise in deren Taschen wandern.“

Der entwicklungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Uwe Kekeritz, sieht Deutschland ebenfalls in der Pflicht. „Grundsätzlich sollte das Skelett natürlich nach Tansania zurückgebracht werden“, sagt er. Allerdings müssten dort die Voraussetzungen stimmen. Derzeit habe Tansania weder die Mittel, um die Knochen zu transportieren, noch die Möglichkeiten, den Saurier touristisch auszustellen. „Deutschland sollte hier unterstützen.“ Die Ausbildung tansanischer Spezialisten und eine mögliche Beteiligung an den Einnahmen des Berliner Museums könnten hier erste Schritte sein, sagt der Bundestagsabgeordnete.

Museumschef Vogel will Forschungsprojekt abwarten

Am Naturkundemuseum ist man sich der Herkunft der Fossilien durchaus bewusst. „Wir stellen uns unserer kolonialen Vergangenheit“, sagt der Generaldirektor Johannes Vogel und verweist auf das Projekt „Dinosaurier in Berlin“, das vor einem Jahr gestartet wurde und die Geschichte des Skeletts nach der Ausgrabung erforschen soll. Solange dieses nicht abgeschlossen sei, könne er keine Stellung zur „Berechtigung möglicher Restitutionsforderungen“ beziehen. Es handele sich um ein „politisch sehr sensibles Thema“, das heikle Fragen aufwerfe und „ein Herzstück des Museums“ berühre. Fragen nach einer möglichen Rückgabe der Tendaguru-Funde müssten ohnehin andere beantworten, sagt der Museumsdirektor. Diese abschließend zu beantworten, liege in der Zuständigkeit der Bundesregierung.

Zu den aufgeworfenen Fragen erklärt das Auswärtige Amt, dass das Brachiosaurusskelett „nicht Gegenstand von Rückgabewünschen offizieller tansanischer Stellen“ sei, sondern „Anknüpfungspunkt für eine Vertiefung der historischen und wissenschaftlichen Kooperation in diesem Bereich“.

500 einheimische Helfer waren an der Grabung beteiligt

Im Rahmen des Projekts „Dinosaurier in Berlin“ untersucht ein interdisziplinäres Berliner Forscherteam derzeit die Geschichte des berühmten Skeletts. „Der Brachiosaurus brancai ist eine Ikone“, sagt Ina Heumann, Historikerin am Naturkundemuseum und Verbundkoordinatorin in dem Projekt, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. „Wir möchten die Geschichte des Skeletts im Kontext der wechselvollen Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert systematisch untersuchen.“

Freigelegt. Die Aufnahme zeigt, den ostafrikanischen Oberaufseher Boheti bin Amrani bei der Präparation einer Rippe.
Freigelegt. Die Aufnahme zeigt, den ostafrikanischen Oberaufseher Boheti bin Amrani bei der Präparation einer Rippe.Foto: Museum für Naturkunde Berlin, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen

Dazu gibt es drei Teilprojekte. Eines arbeitet die Ausgrabung und ihre Nachgeschichte aus afrikawissenschaftlicher und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive auf. Im Zentrum steht dabei die Analyse des Dinosauriers als politisches, kulturhistorisches und wissenschaftliches Objekt. Eine in diesem Zusammenhang spannende Frage ist, unter welchen Arbeitsbedingungen die einheimischen Ausgrabungshelfer die Knochen geborgen haben. Denn der große Erfolg der Expedition wäre ohne tatkräftige Hilfe der bis zu 500 einheimischen Grabungshelfer nicht möglich gewesen.

Hinweise auf Zwangsarbeit wurden bisher nicht gefunden

In mehrtägigen Fußmärschen transportierten die Träger die schweren Knochenlasten zum Hafen von Lindi am Indischen Ozean, von wo aus sie nach Berlin verschifft wurden. Innerhalb von vier Jahren wurden etwa 230 Tonnen Material abtransportiert. „Mangels schriftlicher Quellen wissen wir sehr wenig über die Arbeitsbedingungen der afrikanischen Ausgrabungshelfer“, sagt Holger Stoecker, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Humboldt-Universität. Von Interviews mit Nachfahren erhofft er sich mehr Informationen darüber.

Hinweise auf Zwangsarbeit hat Stoecker nicht gefunden. Vielmehr bot die Ausgrabung für die regionale Bevölkerung eine Möglichkeit zum Lohnerwerb, nicht zuletzt um somit der von der deutschen Kolonialverwaltung eingeführten Steuerpflicht nachzukommen. Zudem litten die Einheimischen unter den Folgen des erst kurz zuvor durch die deutschen Kolonialtruppen blutig niedergeschlagenen Maji-Maji-Aufstandes. Um ihnen die Grundlage zu entziehen, hatten die deutschen Truppen die Strategie der verbrannten Erde angewendet, was zu verheerenden Hungersnöten führte.

Das Dinosaurier-Projekt, in das auch tansanische Wissenschaftler einbezogen werden sollen, wird 2018 abgeschlossen sein. Für den Wirbeltierpaläontologen Oliver Hampe, der als Kurator für fossile Säugetiere und Geologie am Berliner Naturkundemuseum tätig ist, ist eines jedenfalls klar: „Aus Sicht der Wissenschaft wäre eine Rückgabe zum heutigen Zeitpunkt ein großer Rückschritt.“

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