Streit um neue Kleist-Edition : „Gärten und Heroen“

Fehlende Zeilen, absurde Wörter: Germanisten halten die Kleist-Edition im Hanser Verlag für skandalös. Allein auf 91 Druckseiten sollen 35 Fehler gefunden worden sein.

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„Der echte Kleist“? Die Hanser-Ausgabe, die auch bei dtv erscheint, ist erschwinglich für Schüler und Studierende. Doch Kleist-Forscher regen sich über sie auf. – Das Foto zeigt einen Text des Dichters im Kleist-Museum in Frankfurt/Oder.
„Der echte Kleist“? Die Hanser-Ausgabe, die auch bei dtv erscheint, ist erschwinglich für Schüler und Studierende. Doch...Foto: picture alliance / dpa

Normalerweise läuft das so: Pünktlich zu den runden Geburts- und Todestagen eines Großdichters wird die Jubiläumsmaschinerie angeworfen, werden Tagungen, Inszenierungen, Ausstellungen, Biografien geplant. Und oft auch neue Gesamtausgaben. So geschah es auch beim jungen Selbstmörder Heinrich von Kleist, als dessen Tod am Kleinen Wannsee sich 2011 zum zweihundertsten Mal jährte.

Schon seit Ende der 1980er Jahre hatten die bekannten Germanisten Roland Reuß und Peter Staengle an einer 20-bändigen, historisch-kritischen Werkausgabe gearbeitet. Sie sollte sich erstmals in Orthographie, Zeichensetzung, Semantik und Syntax „strikt“ an die erhaltenen Handschriften und originalen Drucke halten. Es werde keine Modernisierungen geben, keine Korrekturen oder Angleichungen, betonten die Herausgeber immer wieder. Ein völlig unverfälschter Kleist. Das ungewöhnliche Editionsverfahren war unter Germanisten keineswegs unumstritten. Aber Reuß und Staengle setzten sich gegen alle Einwände durch.

Umso mehr muss es die beiden Herausgeber gefreut haben, dass die 2010 zum Jubiläum im renommierten Hanser Verlag erschienene dreibändige Ausgabe „Sämtliche Werke und Briefe“ – ein Extrakt der 20-bändigen „Brandenburger Kleist-Ausgabe“ (BKA) – von der Presse euphorisch aufgenommen wurde: „Es ist kaum zu glauben, aber es ist wahr. Das erste Mal halten wir selbstverständlich den gesamten und den echten Kleist, soweit er überliefert ist, in Händen“, schrieb Kleist-Biograf Peter Michalzik in der „FR“. Ingeborg Harms konstatierte in der „FAZ“: „Die Münchner Edition ist eine auf der Brandenburger Ausgabe basierende, kritische Leseausgabe.“ Auch der „SZ“-Redakteur und Kleist Biograf Jens Bisky war begeistert: „Endlich gibt es eine neue Kleist-Ausgabe, die den Dichter auf unserem Kenntnisstand präsentiert.“

Genau hingeschaut haben die Rezensenten offenbar nicht. Denn die Bände des Hanser Verlags, die auch noch mal in einer günstigen Taschenbuchausgabe bei dtv veröffentlicht wurden, sind, anders als die Brandenburger Ausgabe, offenbar voller Fehler. Das fängt an bei Satzzeichen, die anders gesetzt wurden als in den Originalhandschriften, geht über Angleichungen bei der Schreibweise bis hin zu groben Patzern: fehlende Zeilen, sinnentstellende Tippfehler, absurde Wortveränderungen. Bei der Kleist-Tagung am vergangenen Wochenende in Berlin wurden herbe Vorwürfe erhoben: Die Ausgabe, die Deutschlehrern und Germanistikstudenten für die kommenden Jahrzehnte als Zitier- und Arbeitsgrundlage dienen sollte, tauge nichts. Sogar von grober „Schlampigkeit“ war die Rede.

Der Konflikt schwelt schon eine Weile. Der erste, der Fehler in der Hanser-Ausgabe bemerkte, war der Germanist Michael Ott, der in München lehrt. Bei der Lektüre des „Zerbrochnen Krugs“ waren ihm zunächst nur kleine Ungenauigkeiten aufgefallen. Zu einer genauen Überprüfung entschloss er sich erst, als im Frühling 2012 ein Plagiatsstreit unter Kleist-Experten ausbrach.

Es ging um die neue Reclam-Ausgabe des „Zerbrochnen Krugs“, editiert von Bernd Hamacher, Germanist in Hamburg. Die Edition sei ein Plagiat, hatte der Rechtswissenschaftler Volker Rieble in der „FAZ“ behauptet. Geklaut habe Hamacher bei der BKA von Reuß und Staengle. Es gab zu den Vorwürfen etliche Pro- und Kontra-Artikel, abschließend geklärt werden konnte der Sachverhalt nicht. In Erinnerung blieb vor allem der scharfe Ton der Debatte. Vor allem die Professoren sparten nicht an Abfälligkeiten gegenüber den jüngeren Kollegen. „Sollte es sich um den respektlosen Versuch eines Privatdozenten halten?“, fragte Rieble. Hamacher gehe es vermutlich um „Karriereplanung“, ergänzte Staengle, auch dass „ein Michael Ott“ sich mittels eines „Internet-Organs“ (gemeint war die Seite Literaturkritik.de) in die Diskussion einmischen wollte, passte ihm nicht.

Dieser Michael Ott machte sich nun daran, die verschiedenen Versionen des „Zerbrochnen Krugs“ zu vergleichen. Dabei fielen ihm weniger bei Reclam als vielmehr bei der Hanser-Ausgabe Unregelmäßigkeiten auf. Die nämlich stimmte an vielen Stellen nicht mit der angeblich zugrunde liegenden historisch-kritischen BKA-Ausgabe überein. Die Auflistung der Abweichungen, die Ott zusammenstellte, ist drei Seiten lang und für Reuß und Staengle peinlich. „Textkritisch auf höchstem Standard“, wie die Herausgeber immer behauptet hatten, sei das Lustspiel in der Hanser-Ausgabe mitnichten. „Beim ‚Zerbrochnen Krug’ fehlen gegenüber der akribischen Ausgabe in der BKA zwei ganze und zwei halbe Verszeilen, ferner mehrere Kommata und nicht weniger als 21 Ausrufezeichen“, heißt es in einem Brief, den Ott kürzlich an Staengle schickte. Eine Reaktion bekam er bislang nicht.

Und so brauchte es am vergangenen Wochenende, an dem die Kleist-Gesellschaft sich zu ihrer Jahrestagung an der FU Berlin traf, erst einen Laien, um den Streit endgültig öffentlich zu machen: Günter Dunz-Wolff, Inhaber einer Druckerei in Hamburg, ist sozusagen ein Mann, der auf das Finden von Druckfehlern spezialisiert ist. Als Hobby-Philologe und passioniertes Mitglied der Kleist-Gesellschaft treibt ihn seit Jahren ein ehrgeiziger Plan um: Er will das Kleist’sche Werk digitalisieren. Am Freitagabend stellte er den anwesenden Wissenschaftlern sein Projekt vor, samt einiger „Nebenbemerkungen“ zu bisherigen Ausgaben.

Denn Dunz-Wolff hat alle Abweichungen aller verfügbaren Kleistausgaben in sein digitales Textkorpus eingepflegt. Mit einem Klick kann der Leser nun sehen, welche Eingriffe in welcher Edition vorgenommen wurden. Bei seiner Fleißarbeit fielen Dunz-Wolff weitere eklatante Unterschiede zwischen den beiden hochgelobten Reuß-Staengle-Ausgaben auf. Mal wurde in der Hanser-Ausgabe aus Kleinschreibung Großschreibung, einmal steht ein „hätte“ anstelle eines „hatte“, ein andermal werden „Götter u. Heroen“ zu „Gärten und Heroen“. 36 Briefe hat Dunz-Wolff nach eigenen Angaben bereits digital aufbereitet, dabei habe er „auf 91 Druckseiten 35 Fehler gefunden“. Das sind keine Kleinigkeiten mehr. Im Saal raunte und rumorte es.

Schnell entspann sich eine hitzige Diskussion darüber, wo die Fehler überhaupt herkommen. Wurde die BKA-Ausgabe schlecht eingescannt oder hektisch abgetippt, haben wissenschaftliche Hilfskräfte eigenmächtig nachbearbeitet, gab es kein Geld oder blieb keine Zeit für ein ordentliches Lektorat? Muss der Verlag diese eilig fürs Jubiläumsjahr produzierte Ausgabe, die selbst die Herausgeber offenbar nicht mehr näher unter die Lupe nahmen, vom Markt nehmen? Fragen über Fragen. Die wichtigste warf schließlich Klaus Müller-Salget, Germanistik-Professor aus Innsbruck und Vorstandsmitglied der Kleist-Gesellschaft, in die Runde: „Wie können zwei angesehene Wissenschaftler das Risiko eingehen, ihren mühsam erworbenen Ruf derart leichtsinnig zu verspielen?“

Die Angesprochenen selbst waren am Freitag in Berlin nicht anwesend, um auf die Vorwürfe zu reagieren. Nach dem Plagiatsstreit im Frühling stehen Kleist-Gesellschaft und Kleist-Herausgeber sich ohnehin eher misstrauisch gegenüber. Möglicherweise könne ein runder Tisch helfen, schlug Günter Blamberger, Präsident der Kleist-Gesellschaft, vor. „Mir tut es vor allem leid um Kleist“, resümiert Müller-Salget. Und um die Kleist-Leser, für die es nun – 201 Jahre nach dem Tod des Dichters – doch keine authentische und bezahlbare Werkausgabe gibt.

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