Streit um Quecksilber : Gut gemeint, aber gefährlich

Nächste Woche will das Umweltprogramm der UN über ein Verbot von Quecksilber beraten. Das würde allerdings den Impfschutz aufs Spiel setzen.

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Lebensretter in Gefahr. Wenn das Konservierungsmittel Thiomersal in Impfstoffen verboten wird, trifft das vor allem Kinder in der Dritten Welt.
Lebensretter in Gefahr. Wenn das Konservierungsmittel Thiomersal in Impfstoffen verboten wird, trifft das vor allem Kinder in der...Foto: AFP

Zuerst spielten die Katzen verrückt. Sie rannten gegen Wände, manche sprangen ins Meer. Dann, im Jahr 1954, klagten Fischer in der japanischen Stadt Minamata über Sehstörungen. Ihr Körper zitterte so sehr, dass ihnen das Gehen schwerfiel. Als ein Mädchen mit tauben Gliedmaßen ins Krankenhaus kam und weder essen noch sprechen konnte, bekam das Syndrom den Namen Minamata-Krankheit.

Das Mädchen, die Fischer und die Katzen hatten eines gemeinsam: Sie ernährten sich fast nur von Fisch. Doch die Tiere hatten keinen Keim übertragen. Ihr Fleisch war voller Methylquecksilber, der giftigsten Quecksilberverbindung. Der Körper kann das Gift kaum ausscheiden, es greift die Nerven an und schädigt Ungeborene. Schuld war die Chemiefabrik der Stadt. Sie hatte verseuchtes Abwasser ins Meer geleitet. Während die Fabrik bis 1969 weitermachen durfte, verloren die etwa 50 000 Opfer Gesundheit und Einkommen. Sie mussten lange um Entschädigung kämpfen.

Bis heute ist Minamata der gravierendste Fall von Quecksilbervergiftung. Zwar begannen viele Regierungen in den 60er Jahren, die Verwendung von Quecksilber zu regulieren; in den 90er Jahren folgten internationale Verhandlungen. Doch nach wie vor werden jedes Jahr 2000 Tonnen Quecksilber in die Umwelt eingetragen, schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, UNEP.

Laut einem gestern in Genf vorgestellten UNEP-Bericht wird ein Drittel davon in kleinen Goldminen in der Dritten Welt verwendet. Auch bei der Verbrennung von Kohle, in der Metallurgie und bei der Produktion von Zement und PVC würden Quecksilberverbindungen freigesetzt. Viele Alltagsgüter wie Elektronik, Energiesparlampen und selbst Wimperntusche enthielten zumindest kleine Mengen Quecksilber. Früher oder später gelange es in Flüsse und Meere. In den letzten 100 Jahren habe sich in den oberen 100 Metern Meerwasser die Menge des vom Menschen produzierten Quecksilbers verdoppelt. Fische tragen es in die Nahrungskette, die Gesundheit von Millionen Menschen sei gefährdet.

Ab Sonntag berät in Genf das „Internationale Verhandlungskomitee zu Quecksilber“ der UNEP. Regierungsvertreter von 147 Staaten wollen Ende nächster Woche ein verbindliches Abkommen beschließen. Es soll sich nicht auf Grenzwerte beschränken, sondern die Nutzung von Quecksilber weitgehend untersagen. Damit schießen die Delegierten jedoch über das Ziel hinaus, warnen Weltgesundheitsorganisation, Kinderärzte und die Gavi-Allianz für Impfstoffe und Immunisierung, die unter anderem von der Weltbank, Unicef und der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unterstützt wird. Denn ein Entwurf sieht vor, auch Thiomersal zu verbieten. Ohne dieses Konservierungsmittel für Impfstoffe laufen Millionen Kinder in der Dritten Welt Gefahr, an Infektionskrankheiten zu sterben.

Thiomersal erhöht die Sicherheit von Impfstoffen. Wenn aus einer Ampulle mehrere Spritzen aufgezogen werden, können Bakterien oder Pilze in den Impfstoff gelangen. Thiomersal tötet sie ab. Für den Menschen dagegen ist der Stoff unschädlich. Es enthält kein Methyl-, sondern Ethylquecksilber. Der fehlende Buchstabe ist für den Körper ein großer Unterschied. Es wird rasch in anorganisches Quecksilber umgewandelt und über den Stuhl ausgeschieden. Somit kann es sich viel schlechter als Methylquecksilber im Körper festsetzen und eine Konzentration erreichen, die giftig ist. Die Grenzwerte für Thiomersal entsprechen trotzdem denen von Methylquecksilber. Als sie festgelegt wurden, lagen für Ethylquecksilber keine Daten vor.

Studien belegten, dass Thiomersal in Impfstoffen selbst für kleine Kinder sicher ist. Ein Zusammenhang zwischen Autismus oder anderen Entwicklungsstörungen besteht nicht, haben Weltgesundheitsorganisation, die amerikanische Zulassungsbehörde FDA, das Institute of Medicine der Nationalen Akademien in den USA und die europäischen Zulassungsbehörden übereinstimmend festgestellt.

In den Industrieländern spielt Thiomersal kaum noch eine Rolle. Um besorgten Eltern entgegenzukommen, könne man Kinder in Deutschland thiomersalfrei impfen, sagt die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, Susanne Stöcker. Kombinationsimpfstoffe gebe es in Einzelspritzen ohne Konservierungsmittel. Bei einer Pandemie brauche man aber schnell Impfstoff. Um die größeren Ampullen steril zu halten, könne man nicht grundsätzlich auf Thiomersal verzichten.

Für die Entwicklungsländer dagegen sind die größeren Ampullen – etwa mit dem Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Haemophilus influenzae und Hepatitis B – immer eine preiswerte Möglichkeit, viele Kinder zu impfen. „Wir haben im letzten Jahr 130 Millionen Dosen mit dem Fünffachimpfstoff in 120 Ländern finanziert“, sagt Gavi-Sprecher Dan Thomas. „2010 konnten wir dank Impfstoffen mit Thiomersal 1,4 Millionen Kinderleben retten.“ Die Lobbygruppen der Impfkritiker verbreiteten jedoch falsche Informationen über den Zusatzstoff. Sollten die in Genf versammelten Regierungsvertreter darauf hören, hätte das katastrophale Folgen, meint Thomas. „Dann wird es ungerecht. In armen Ländern würde so vielen der Zugang zu Impfungen verwehrt.“

Auch die Weltgesundheitsorganisation und die US-Fachgesellschaft der Kinderärzte warnen vor einer Fehlentscheidung. Einzeldosen wären um mindestens 200 Prozent teurer und sie verbrauchen bei der Auslieferung mehr Platz in den Kühlräumen, schreibt ein Team um Walter Orenstein vom Impfzentrum der Emory-Universität in Atlanta im Fachblatt „Pediatrics“. Letztlich produzierten sie auch mehr Müll. Andere Konservierungsmittel gebe es nicht, da sie Impfstoffbestandteile beeinflussten. Würde eine Alternative gefunden, müssten die Impfstoffe neu zugelassen werden. Auch das triebe die Kosten in die Höhe.

Dan Thomas ist optimistisch, dass es nicht so weit kommt: „Ich bin davon überzeugt, dass sich der gesunde Menschenverstand durchsetzt.“

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