Streit um teure Wissenschaftsjournale : Showdown zwischen Bücherregalen

Teure Fachjournale: Der Kampf zwischen Hochschulen und Großverlagen spitzt sich zu. Die Uni drohen mit Boykotten und Kündigungen – in Berlin erwägt die TU, alle Elsevier-Journale abzubestellen.

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Erschwerte Forschung. Unis kritisieren hohe Abopreise der Großverlage, die TU Berlin etwa gibt 60 Prozent ihres Bibilothekserwerbsbudgets für nur drei Verlage aus. Helfen soll eine bundesweite Lizenz, zunächst mit Elsevier. Doch die Verhandlungen stocken.
Erschwerte Forschung. Unis kritisieren hohe Abopreise der Großverlage, die TU Berlin etwa gibt 60 Prozent ihres...Foto: TUB/Boeck

Jürgen Christof nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wir sind in einer höchst angespannten Situation, die Versorgung mit Literatur und Datenbanken ist nicht mehr gewährleistet.“ Der leitende Direktor der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin (TU) ist eigentlich dafür zuständig, dass Studierende und Wissenschaftler in der TU-Bibliothek alles finden, was sie zum Forschen brauchen: Monografien, Sammelbände, Fachzeitschriften. Doch lange schon reicht der Etat nicht mehr aus. Gedruckte Bücher schaffen es nur noch selten auf den Bestellzettel.

Das hat nicht nur damit zu tun, dass die TU ihren Schwerpunkt bei Neuanschaffungen seit Jahren auf elektronische Publikationen legt. Schuld an den Budgetproblemen sind vor allem die Fachjournale, die die TU wie jede andere Universität über ein Subskriptionsmodell bestellen muss. Ein Großteil stammt aus drei Verlagshäusern: Elsevier, Springer Nature und Wiley. Viele dieser Journale werden Jahr um Jahr teurer. „Das Problem ist, dass die Verlage die Universitäten erpressen, um ihre exorbitanten Preissteigerungen durchzusetzen“, erklärt Christof. Nach dem Motto: Ihr könnt ja kündigen, wenn euch die Konditionen nicht gefallen. Nur sind die Zugänge zu aktuellen Artikeln für Forscher aller Fachrichtungen leider unverzichtbar.

Die TU Berlin fühlt sich erpresst

Trotzdem hat TU-Präsident Christian Thomsen sich nun zu einem deutlichen Signal entschlossen: „Die TU erwägt, den Vertrag mit Elsevier zu Ende 2017 zu kündigen“, sagt Thomsen. Mittlerweile würden die Ausgaben für die drei Verlage bereits rund 60 Prozent des Erwerbsbudgets der Bibliotheken binden. Denn die Verlage nutzten ihre „monopolistische Stellung“ und „genießen durch die Subskriptionskosten Gewinnmargen von 40 Prozent und mehr“.

Thomsen will die Wissenschaftler der TU, die als Herausgeber oder Gutachter für Elsevier-Journale tätig sind, um Unterstützung bitten, „zum Beispiel, indem sie androhen, ihre Tätigkeit niederzulegen, wie es bereits tausende Forscher in Finnland und anderen europäischen Ländern vorgemacht haben“. Thomsen selbst hat die Herausgeberschaft eines Elsevier-Journals bereits vor Jahren beendet, weil seine intellektuelle Arbeit „von dem Verlag in keiner Form honoriert wurde, sondern einem prekären Beschäftigungsverhältnis glich“, wie er sagt.

Für die deutsche Forschungslandschaft, die seit Jahren mit den Verlagen, allen voran mit Elsevier, um deren Preispolitik streitet, ist der Vorstoß von großer symbolischer Bedeutung. Denn die TU hat keinen Einzelvertrag mit Elsevier abgeschlossen, sondern verhandelt als regionales Konsortium gemeinsam mit der Humboldt-Universität, der Freien Universität und der Charité ihre Journalpakete. Gut möglich also, dass die anderen drei Berliner Schwergewichte es in den kommenden Monaten der TU gleichtun. Das würde – auch auf der internationalen Bühne – seine Wirkung nicht verfehlen.

Verhandlungen zwischen Elsevier und Hochschulen stocken

Der Druck aus Berlin kommt nicht zufällig just zu diesem Zeitpunkt. Bisher verhandelte in Deutschland mehr oder weniger jede Forschungsinstitution separat mit den Großverlagen. Das sollte sich 2016 ändern. Die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, vertreten durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), wollte bundesweit gültige Lizenzen aushandeln – also einen Rahmenvertrag für alle. Die Verhandlungen übernahm eine eigens gegründete Gruppe mit dem schönen Namen „Project Deal“. Dahinter stehen rund 600 deutsche Forschungseinrichtungen. 60 davon wollen die Lizenz sofort für sich in Anspruch nehmen. Die weiteren 540 Institutionen haben ebenfalls Interesse, den „Deal“-Vertrag, wenn er zustande kommt, zu übernehmen.

Seit Sommer wurde verhandelt, bisher ohne Einigung. „Die Verhandlungen mit Elsevier gestalten sich leider nach wie vor sehr schwierig“, erklärt Antje Kellersohn, „Deal“-Sprecherin und leitende Bibliotheksdirektorin der Uni Freiburg. Als Elsevier im November das erste Angebot vorlegte, war die Gegenseite konsterniert: „Alle Angebotskomponenten beliefen sich aufsummiert auf einen Betrag im dreistelligen Millionenbereich.“ Damit hätte Elsevier gegen „alle Prinzipien für eine faire Preisgestaltung“ verstoßen, meint Kellersohn. Ein neues Angebot gab es trotz Nachfrage nicht. Im Januar habe zwar erneut ein Gespräch stattgefunden, doch „leider konnten in diesem Gespräch keinerlei Fortschritte erzielt werden“.

Bei Elsevier sieht man die Sache anders: „Die HRK ist an uns mit der Bitte herangetreten, ein Angebot zu machen, nach dem erheblich mehr Einrichtungen Zugang zu Elsevier-Literatur erhalten würden als bisher – rund 600 Institutionen statt bisher rund 300 – und auch der Zugang zu erheblich mehr Material ermöglicht würde, nämlich zurück bis zu 1995“, erklärt Hannfried von Hindenburg, Senior Vice President Global Communication des Unternehmens. Elsevier habe daraufhin ein Angebot vorgelegt, „das aus unserer Sichtweise attraktiv ist und Vergünstigungen enthält, die einen deutlichen Mehrwert für die Nutzer darstellen würden.“ Man sei aber weiterhin verhandlungsbereit: „Wir sind sehr daran interessiert, die Verhandlungen konstruktiv weiterzuführen, sind uns aber bewusst, dass dieser Prozess Zeit bedarf“.

Druckmittel: Boykotte und Kündigungen

Doch erhöhte Zugriffsvolumen und erweiterte Archivzugänge sind nicht der einzige Streitpunkt. Die „Deal“-Gruppe will noch etwas anderes erreichen. Die wissenschaftlichen Verlage sollen zu einem grundsätzlichen Richtungswechsel hin zu mehr Open Access gedrängt werden. Das funktioniert so: Wenn ein Wissenschaftler einen Artikel in einem elektronischen Journal Open Access publizieren möchte, wird bei der Veröffentlichung eine Gebühr, meist rund 2000 Dollar, fällig. Die Nutzung des Artikels ist anschließend kostenfrei.

Die „Deal“-Gruppe möchte, dass Open-Access-Gebühren, die von den Unis in Richtung Verlage fließen, bei den Subskriptionskosten quasi gutgeschrieben werden – eine Art Verrechnungsmodell also. Doch hier scheiden sich noch die Geister.

Die Druckmittel der Wissenschaft heißen nun: Boykott und Kündigung. Die ersten 60 Institutionen hatten ihre Elsevier-Verträge bereits Ende 2016 gekündigt. Zunächst reagierte der Verlag ab Januar mit teilweisen Zugangssperren. Die Unibibliothek Göttingen meldete im Januar, dass über 400 Elsevier-Zeitschriften nicht mehr verfügbar seien. Elsevier-Sprecher Hindenburg betont, dass lediglich „kurzfristig kein Zugang zu neustem Material bestand“. Seit einigen Tagen sind die Artikel in Göttingen wieder freigeschaltet. „Elsevier hat diese Freischaltung zuvor nicht an uns kommuniziert; auch hat es keine Verhandlungen unserer Bibliothek mit Elsevier zu Kulanzregelungen gegeben“, erklärt Uni-Sprecherin Silke Glitsch. „Derzeit können wir die Situation nur als eine unverlangte Dienstleistung werten, deren Konsequenzen wir aufgrund zurzeit noch fehlender Informationen noch nicht bewerten können.“

"Es wird zum Showdown kommen"

Wird sich das Blatt in diesem Jahr also wenden – in Richtung geringerer Subskriptionskosten, moderaterer Preissteigerungen, höherer Open-Access-Anteile? Das ist die entscheidende Frage. Elsevier ist nur der erste von drei Großverlagen, mit dem „Deal“ verhandeln will. Auch im Ausland werden die Ereignisse aufmerksam verfolgt: Deutschland könnte, wenn die Einigung gelingt, zum Vorreiter für attraktive nationale Lizenzen werden.

Die HRK hat sich inzwischen mit einem persönlichen Schreiben an preisgekrönte deutsche Wissenschaftler und Elsevier-Herausgeber gewandt hat und sie gebeten, ihre Tätigkeiten niederzulegen, solange kein besseres Angebot auf dem Tisch liegt. Außerdem hofft man, dass die Kündigungen Wirkung zeigen: „Nach unseren Abschätzungen entsteht dem Verlag hierdurch ein Umsatzverlust im sechsstelligen Bereich – pro Woche“, sagt „Deal“-Sprecherin Antje Kellersohn. „Es wird zu einem Showdown kommen“, prophezeit auch TU-Bibliotheksdirektor Christof. Die nächste Verhandlungsrunde ist für Ende März angesetzt.

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