Stress : Krank unter Kollegen

Arbeit tut gut. Aber Überlastete und psychisch Kranke brauchen Hilfe, um wieder Freude am Job zu finden. Je früher das Problem erkannt wird und je mehr Unterstützung es später für die Rückkehr zum Arbeitsplatz gibt, desto besser ist es für den Einzelnen und die Firma.

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Alleingelassen. Menschen mit psychischen Problemen sollten sich nicht scheuen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Alleingelassen. Menschen mit psychischen Problemen sollten sich nicht scheuen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.Foto: picture alliance / dpa

„Eine Stunde konzentrierter Arbeit facht die Lebensfreude besser an als ein Monat dumpfen Brütens“, riet Benjamin Franklin einem schwermütigen Freund. Mehr als 100 Jahre später bestätigte das nun der leitende Arbeitsmediziner bei Audi in Ingolstadt, Joachim Stork: „Wir brauchen die Arbeit dringend. Wenn alles gut geht, schwimmen wir darin wie der Fisch im Wasser.“ Doch die Beziehungen zwischen Arbeitsleben und menschlicher Seele sind nicht immer so unbeschwert. Sie waren in der vergangenen Woche eines der Schwerpunktthemen beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

„Wir waren erstaunt, unter welch großen seelischen Belastungen und mit wie langen Krankheitsgeschichten Menschen immer noch arbeiten können“, sagte dort Harald Gündel, Psychotherapeut an der Universitätsklinik Ulm. Er berichtete von Ergebnissen eines Projekts, für das er und seine Kollegen zur Sprechstunde in drei mittelständische Betriebe ihrer Region kommen und Kurzzeittherapien anbieten. „Wir müssen bei psychischen Problemen früher gegensteuern und dürfen nicht warten, bis Arbeitnehmer von selbst den Schritt tun, zu uns in die Klinik zu kommen“, mahnte Gündel.

Tatsächlich hatten drei von vier Patienten vorher noch keinen Kontakt zu einem Psychotherapeuten oder einem Psychiater gehabt. Mehr als sieben Prozent von ihnen hatten wegen teilweise massiver Probleme Hilfe gesucht, aber statt eines Termins nur Kontakt mit dem Anrufbeantworter einer Praxis bekommen. Vier von fünf Patienten gaben als Ursache für ihre psychischen Probleme die Arbeit an, bei der Hälfte von ihnen lag auch nach Meinung der Untersucher hier der ausschließliche Grund.

Haben die seelischen Belastungen am Arbeitsplatz wirklich zugenommen? Bei den meisten Arbeitnehmern finde heute die Arbeit „mehr im Kopf“ statt, das „dauerhafte Arbeiten im Grenzbereich der Leistungsfähigkeit“ werde zur Regel, sagte Antonius Reifferscheid vom Werksärztlichen Dienst der Firma Henkel in Düsseldorf. Wolfgang Maier, Direktor der Uniklinik für Psychiatrie in Bonn, sieht die besondere Belastung im „Verwischen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit“, das zur Selbstausbeutung führen könne.

Dann ist es zur Modediagnose „Burn-out“ nicht mehr weit – zumindest in Deutschland. Mathias Berger, Psychiater an der Uniklinik Freiburg und federführend bei einem Positionspapier der DGPPN zum Thema, sprach von einem Begriffschaos, das es andernorts nicht gebe. Weltweit werde Burn-out nicht als Krankheit, sondern als belastungsbedingter Risikozustand gesehen. Dauert er länger an, kann er zu seelischen, aber auch körperlichen Krankheiten führen. Positiv an der Diskussion um den Begriff findet Berger, dass berufliche Überlastung zum Thema geworden sei.

Dass Menschen bereits mit leichten seelischen Problemen weniger leistungsfähig sind, ist mittlerweile belegt. Gesichert ist auch, dass Menschen, die unter einer Depression leiden, ihre Arbeit als besonders verdichtet erleben, sich dabei weniger als andere sozial unterstützt fühlen und ihre Handlungsspielräume als gering einschätzen.

Doch bekommen Arbeitnehmer leichter eine Depression, wenn die Arbeitsbedingungen schlecht sind, oder schätzen sie sie als schlecht ein, weil die Depression ihren Blick auf die Wirklichkeit schon getrübt hat? Die Arbeits- und Organisationspsychologin Renate Rau von der Uni Halle ist mit ihrem Team dieser Henne-oder-Ei-Frage nachgegangen. Für ihre Studie haben die Psychologen die Arbeitssituation von 517 Beschäftigten (Altersdurchschnitt: 43 Jahre) im Gesundheitswesen, im öffentlichen Dienst und in Banken und Versicherungen einerseits von diesen selbst erfragt, andererseits aber auch vor Ort nach festgelegten Kriterien objektiv geprüft.

Außerdem wurden die Studienteilnehmer medizinisch untersucht, dabei fand sich bei 91 von ihnen eine mittelschwere bis schwere Depression. Überdurchschnittlich viele dieser Arbeitnehmer waren nach Einschätzung der objektiven Beobachter durch eine hohe Arbeitsintensität belastet. „Bei der höchsten objektiven Belastungsstufe sahen wir ein 4,5-fach erhöhtes Risiko für eine Depression“, berichtete Rau beim Kongress.

Bei den beiden anderen Kriterien, nach denen die Psychologen die Arbeitsplätze beurteilten, nämlich sozialer Stress und Tätigkeitsspielraum, gab es für sie keine erkennbaren Auffälligkeiten. Hier fiel allein die subjektive Einschätzung der depressiven Mitarbeiter besonders negativ aus. Möglicherweise könnten sie vorhandene Entfaltungsspielräume aufgrund ihrer Krankheit nicht nutzen, vermutete Rau.

Inzwischen liegt in Deutschland bei rund 40 Prozent der Frühberentungen ein psychisches Leiden zugrunde. „Diese Erkrankungen haben nicht unbedingt zugenommen, sie werden aber anders wahrgenommen“, sagte Niklas Baer, Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation im Schweizerischen Liestal. Er stellte bei dem Kongress eine OECD-Studie zum Thema vor. Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass es sehr wichtig ist, längere Krankschreibungen wo immer möglich zu vermeiden. „Sie sind eine Falle, die Rückkehr an den Arbeitsplatz wird dadurch immer schwieriger. Doch Erwerbstätigkeit schadet nicht, sie hilft“, sagte Baer. Psychiater und Psychotherapeuten sollten die Arbeitgeber unterstützen, wenn Mitarbeiter nach der Behandlung wiederkommen.

Dass eine gute Begleitung den Weg zurück in den Betrieb entscheidend verkürzt, belegt eine niederländische Studie von Christina van der Feltz-Cornelis aus dem Jahr 2010. Dass es noch viele Vorurteile zu überwinden gibt, zeigt indes eine Schweizer Befragung von Personalchefs, die Baer vorstellte: Sie würden mehrheitlich lieber einen gesunden, etwas unzuverlässigen Bewerber einstellen als einen anerkannt zuverlässigen Menschen mit einer chronischen Krankheit. Am skeptischsten sind sie, wenn der „Neue“ schon mit einer Depression oder einer Schizophrenie zu kämpfen hatte. „Dabei sind Menschen, die einmal psychisch krank waren, eine Bereicherung für die Firma“, sagte Audi-Betriebsarzt Stork.

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