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Stressforschung : Warum wir den Druck brauchen

20.04.2013 00:00 Uhrvon
Zum Hinter-, aber nicht zum Davonlaufen. News, E-Mails, Telefonate, Video-Konferenzen und Geistesblitze - er braucht es, um kreativ und erfolgreich zu sein.Bild vergrößern
Zum Hinter-, aber nicht zum Davonlaufen. News, E-Mails, Telefonate, Video-Konferenzen und Geistesblitze - er braucht es, um kreativ und erfolgreich zu sein. - Foto: alphaspirit Fotolia

Stress gilt in unserer Gesellschaft zu Unrecht als etwas Negatives. Er ist nicht nur notwendig, sondern auch erstrebenswert, sagen Forscher – wenn man mit ihm und sich umzugehen weiß.

Im Grunde ist das mit dem Stress ein einziges großes Missverständnis. Er habe sich schlicht vertan, gestand Hans Selye, der Forscher, der den Begriff prägte, 1977 in seinen Memoiren. In der Physik beschreibt das englische Wort „stress“ die Kraft, die auf ein Objekt wirkt. „Strain“ hingegen steht für die daraus resultierende Verformung dieses Körpers, für seine Reaktionen auf eine Belastung – genau das, was Selye analog beim Menschen zu benennen suchte.

Er habe nicht gut genug Englisch gesprochen, um den Unterschied zu kennen, erklärte Selye, der aus Wien stammend ins kanadische Montreal gekommen war. Klar definiert in der Physik, begann die Geschichte des Stresses in der Psychologie also mit einer Verwechslung.

Es sollte eine Karriere voller Missverständnisse werden, die den Stress zum meistbeklagten Ärgernis der westlichen Hemisphäre gemacht hat. Zu Unrecht.

Als im Januar die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin den „Stressreport 2012“ veröffentlichte, war es einmal mehr so weit, schien dieser doch zu bestätigen, was viele Menschen längst zu wissen glaubten: Das Arbeitspensum in der modernen Welt überfordert immer mehr Menschen, macht sie krank. Mehr als die Hälfte der fast 18 000 Befragten gab darin etwa an, verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen zu müssen und unter „starkem Termin- und Leistungsdruck“ zu leiden. Eine „Anti-Stress-Verordnung“ müsse her, forderten die Gewerkschaften.

Was genau starker Termindruck ist oder welche Arbeitsbelastung unzumutbar ist, das wurde in der Studie aber nicht näher definiert – und offenbar auch nicht in der zugrunde liegenden telefonischen Befragung. Die objektive Arbeitsbelastung ließ sich auf dieser Grundlage also gar nicht feststellen. Und auch von einer Zunahme der subjektiven Bewertungen konnte bei näherer Betrachtung keine Rede sein: Im Vergleich zu einer vorangegangenen Erhebung vor sechs Jahren sind die Zahlen sogar leicht gesunken. Die Überzeugung vieler Menschen, dass das Leben „immer stressiger“ wird, ist also mitnichten eine Tatsache.

Ohnehin dürfte das Klageniveau höchst unterschiedlich sein. „Keiner kann von außen bestimmen, was für den Einzelnen Stress ist“, sagt Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen. „Entscheidend ist die subjektive Bewertung.“ Ob etwas als Stressor eingestuft wird, hängt von den Erfahrungen ab, die der Mensch gesammelt hat, sagt der Hirnforscher. Was für den einen aufgrund seiner Erlebnisse handhab- und überwindbar ist, was er einordnen und mit Sinn versehen kann, kann einem anderen gänzlich überfordernd erscheinen und infolgedessen zu Stressreaktionen führen. Doch so anders die Anlässe auch sein mögen: Die Reaktionen, die dann im Körper ausgelöst werden, sind die gleichen, wie sie schon unsere ältesten Urahnen erlebt haben.

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