Wissen : Strom gegen Muskelschwäche

Patienten im künstlichen Koma sollen vor Gewebsabbau geschützt werden

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Es ist meist ein glücklicher Moment, wenn Menschen auf der Intensivstation aus einer Dauernarkose, dem „künstlichen Koma“, erwachen. Die Angehörigen können wieder Kontakt mit ihnen aufnehmen, auch wenn die Folgen eines schweren Unfalls oder einer lebensbedrohlichen Erkrankung noch nicht überstanden sind. Dass die Patienten noch schwach sind, verwundert die Besucher zunächst nicht. Schließlich haben sie einige Zeit bewegungslos im Krankenhausbett gelegen. An Maschinen angeschlossen, beatmet und künstlich ernährt.

Einige der Patienten werden aber auch Wochen nach dem Erwachen kaum kräftiger: Sie können nicht aufstehen, nicht ganz ohne Hilfe atmen, oft nicht einmal nach einer Tasse greifen. Die ausgeprägte Muskelschwäche nach dem Erwachen aus dem künstlichen Koma ist nicht selten, Intensivmediziner bezeichnen sie etwas ratlos als „intensive care unit acquired weakness“, kurz „Icuaw“.

Was genau dazu führt, dass die Muskeln nach der Intensivbehandlung so schwach werden, ist nämlich nicht restlos geklärt. Zur schweren Erkrankung, die mit Entzündungen im ganzen Körper und Veränderungen im Stoffwechsel einhergeht, kommt auf jeden Fall die völlige Bewegungslosigkeit während des künstlichen Komas.

Das Problem dieser ausgeprägten, auf der Intensivstation erworbenen Muskelschwäche beschäftigt Intensivmediziner der Berliner Uniklinik Charité. Sie arbeiten mit Wissenschaftlern des klinischen Forschungszentrums ECRC von Charité und Max-Delbrück-Centrum zusammen, die das Skelettwachstum untersucht. „Ergebnisse von Muskelstrom-Messungen weisen darauf hin, dass bereits in den ersten Tagen auf der Intensivstation Prozesse ablaufen, die zu Muskelverlust führen“, sagte Steffen Weber-Carstens von der Klinik für Anästhesiologie der Charité kürzlich beim Hauptstadtkongress für Anästhesiologie und Intensivtherapie im Berliner ICC.

Es würden genetische Programme aktiviert, die zum Abbau von Eiweiß in Skelettmuskeln führen und den Stoffwechsel in den Zellen der Muskulatur durcheinanderbringen. „Die Muskeln verdauen sich praktisch selbst“, erläuterte Weber-Carstens.

Betroffen sind vor allem Patienten, die mit einer schweren Blutvergiftung (Sepsis) auf der Intensivstation liegen und bei denen mehrere Organe gleichzeitig versagen. Auch bei diesen lebensbedrohlich Erkrankten gehört es heute zur guten Behandlung, die Zeit der Beatmung unter tiefer Narkose möglichst kurz zu halten und zügig mit der Physiotherapie zu beginnen.

So wach und bewegt wie möglich, heißt die Devise auf modernen Intensivstationen. Denn seit einer großen Studie, die 2009 im Fachblatt „Lancet“ erschien, ist erwiesen: Frühe Bewegung verbessert die Chancen, später wieder leistungsfähig zu werden. „Doch in der ersten Woche können wir meist beim besten Willen noch nicht mit der aktiven Bewegungstherapie beginnen, weil unsere Patienten dann noch nicht wach sind“, sagt Weber-Carstens.

Seine Arbeitsgruppe wollte sich nicht damit abfinden, dass so wertvolle Zeit verstreicht. Die Forscher haben ein Konzept entwickelt, um die Muskeln von Patienten schon während der Phase des künstlichen Komas zu aktivieren. Es wird nun zunächst in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie an 100 geeigneten Patienten auf der Intensivstation getestet.

Alle Teilnehmer bekommen von Anfang an zweimal am Tag Krankengymnastik. Doch die eine nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Hälfte von ihnen wird noch mit einer zweiten Methode behandelt: Sie werden auf einem Spezialbrett oder notfalls auf einem Sessel positioniert, so dass die Beine auf einer vibrierenden Platte stehen. Elektrische Stimulation und Vibration sorgen dafür, dass die Muskeln unwillkürlich mit Kontraktionen reagieren.

Bei gesunden Freiwilligen, die Muskelkraft eingebüßt hatten, weil sie zu Studienzwecken wochenlang bewegungsfaul im Bett liegen mussten, hat sich das Prinzip des Vibrationstrainings in der Berliner „Bettruhe“-Studie des Charité-Radiologen Dieter Felsenberg schon vor Jahren bewährt. Seitdem hat es nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Fitness-Szene Einzug gehalten. In der Intensivmedizin ist es noch neu, doch inzwischen interessieren sich weltweit mehrere Arbeitsgruppen dafür.

Untersuchungen der Arbeitsgruppe belegen, dass bei elektrischer Muskelstimulation mit sichtbarer Kontraktion einige der gefürchteten Veränderungen nach der Langzeitnarkose nicht auftreten. „Der Stoffwechsel der Muskeln verbessert sich, ihre Membranen sind besser erregbar“, sagte Weber-Carstens. Möglicherweise kann auf diesem Weg also die Entwicklung einer dauerhaften Muskelschwäche verhindert werden. „Wir hoffen jedenfalls, dass die frühe Aktivierung der Muskeln auf Intensivstationen in zehn Jahren genauso selbstverständlich sein wird wie die Beatmung.“

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