Technologiescouts in Berlin und Potsdam : Detektive für Innovation

Detektive der Zukunft: An den Hochschulen in Berlin und Brandenburg helfen Technologiescouts Wissenschaftlern und Unternehmern, zusammenzukommen. Die Zahl der Ausgründungen aus Unis nimmt extrem zu.

Eckart Granitza
Draht zur Wirtschaft. Patrick Bröker und Kollegen der Universität Potsdam.
Draht zur Wirtschaft. Patrick Bröker und Kollegen der Universität Potsdam.Foto: Uni Potsdam/Thilo Bergemann

Die deutschen Hochschulen haben schon länger ein Problem: unzählige gute Ideen und Forschungsergebnisse landen, anstatt in der Wirtschaft, in der Schublade, oder werden gar geklaut. Vice versa ist es für die Industrie, aufgrund eines Wusts an unübersichtlicher Hightechforschung an den Unis, schwer universitäre Ansprechpartner für ihre Problemstellungen zu finden. Abhilfe sollen sogenannte Technologiescouts schaffen. Der promovierte Biochemiker Patrick Bröker arbeitet an der Universität Potsdam als ein solcher Technologiescout. Bröker ist so etwas wie ein Detektiv der Zukunft – er berät und managt Wissenschaftler mit innovativen Forschungsergebnissen, diese auch marktfähig zu machen. Dafür muss er nicht nur das Zukunftspotenzial der Erfindung einschätzen können, er muss den Forschern auch auf Gebieten helfen, von denen diese meist keine Ahnung haben: das Ausgründen einer Start-up-Firma, die Kapitalbeschaffung, den Umgang mit Behörden und dem Patentamt sowie die Analyse möglicher Zielgruppen.

Warum werden so viele gute Ideen nicht realisiert?

Genau das reizt Bröker auch immer wieder an seinem Job: „Schon während meines Studiums hat mich der Transfer der vielen Ideen aus der Wissenschaft in die Gesellschaft interessiert, und ich hab mich gefragt warum so viele gute Ideen und Forschungsergebnisse am Ende nicht realisiert werden und in der Schublade landen. Irgendwann dachte ich dann: Ich studiere einfach noch ein paar Jahre Betriebswirtschaft und dann kann ich diese Transfers selber machen“, sagt Bröker. Beim Betriebswirtschaftsstudium in Potsdam lernte er dann die Uni-Gründungseinrichtung Potsdam Transfer kennen, die genau das für die Uni Potsdam verwirklicht.

Derzeit zeigt sich die Zukunft in Potsdam blühend: So erhöhte die Universität die Zahl der Ausgründungen seit Einführung der Technologiescouts 2012 von 34 auf 55 im Jahre 2014 und steigt weiter an. Bundesweite Zahlen gibt es nicht. Eine Umfrage in Berlin-Brandenburg über den Zeitraum von 1980 bis 2013 zeigt, dass die Anzahl der Gründungen seit 2005, mit Unterstützung der Gründungsservices an den Hochschulen, extrem zunimmt. Tendenz steigend. Auch für die Wirtschaftskraft der Region sind solche Ausgründungen ein wichtiger Motor. Allein in der Region Berlin-Brandenburg wurden dadurch seit 1980 etwa 17 000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Beispiel Medikamente

Ein schönes Beispiel ist das Gründungsprojekt der QPA GmbH. Die ursprünglich in der Uni Potsdam beheimateten Forscher hatten eine Technologie entwickelt, die erstmals Hochdurchsatz-Analysen – also sehr schnelle automatisierte Tests – von möglichen Medikamenten direkt an den Zellmembranen durchführen kann. Sie erhofften sich dadurch neue, bisher nicht zugängliche Medikamente zu entwickeln und können zeitgleich die Kosten massiv reduzieren. Denn bisher konnten nur Medikamente mit Zielwirkung im Blut oder anderen Körperflüssigkeiten im Hochdurchsatz untersucht werden. Bröker half der QPA, Fördermittel einzuwerben sowie Kontakte mit Geldgebern und den richtigen Kooperationspartnern herzustellen. Marc Hovestädt, einer der Gründer, hält viel von Brökers Engagement: „Der Förderantrag wäre vermutlich nicht ohne sein Input durchgegangen, denn wir trauten uns zuerst gar nicht zu sehr ins technische Detail zu gehen.“ Und Bröker hilft noch immer: „So gehen wir gemeinsam immer noch mal die Präsentationen für die Suche nach weiteren Investoren, die sogenannten Piches, durch und versuchen, sie auch für den Laien verständlich zu machen“, sagt der Scout.

Doch die Scouts helfen nicht nur beim Ausgründen einer Firma aus der Uni, sie sind auch Ansprechpartner für Betriebe aus der Wirtschaft, die ein Problem haben und sich für die Lösung desselben an die Universität und ihre Forscher wenden. Deshalb müssen sie bestens vernetzt sein, möglichst viele Publikationen lesen und immer Bescheid darüber wissen, was an den Unis gerade passiert.

Firmen und Unis verknüpfen

So hatte Bröker beispielsweise mal eine Anfrage einer Firma aus dem südlichen Brandenburg bei Spremberg, ob er Spezialisten für das Recyceln von Edelmetallen kenne. Er kannte welche, denn am Chemischen Institut der Uni Potsdam in Golm forschte eine Gruppe um den Professor Hans Jürgen Holdt an einem hocheffizienten Verfahren zum Recyceln des sehr seltenen Platinmetalls Palladium, das für Autokatalysatoren, Uhren und Brennstoffzellen verwendet wird. Bröker stellte den Kontakt mit der Brandenburger Firma ReMetal Drochow her. Gewonnen haben am Ende beide – die Firma und die Universität: „Das ist eine echte Win- win-Situation“, sagt Holdt. Die Universität erhielt Personalmittel für zwei Stellen und Sachmittel von der ReMetall für Chemikalien und Geräte. Auf der anderen Seite könne das neue Verfahren nun von ReMetall kostengünstig genutzt werden, ohne langwierige Forschungsarbeiten machen zu müssen. Und auch die Umwelt hat gewonnen: da das Palladium, wenn es nicht aus Katalysatoren recycelt wird, unter großem Einsatz von Energie aus Kanada und Südafrika herangeschafft werden müsste.

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