Wissen : Trotz Herzfehler oft gute Chancen Mit Ultraschall wird die Störung früh erkannt

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Beim Neugeborenen ist das Herz nicht größer als eine Walnuss. Bei einem von 100 Babys hat das Organ von Geburt an eine Fehlbildung: Herzklappen fehlen oder können sich nicht öffnen, Löcher machen die Herzwand durchlässig, Gefäße sind falsch angelegt. Die Chancen, trotz eines solchen angeborenen Herzfehlers groß zu werden, sind in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Höchstens jedes zehnte Kind mit einem Herzfehler stirbt heute daran, bevor es erwachsen ist. „In den 60er Jahren waren es noch 70 Prozent“, sagte Roland Hetzer, Direktor des Deutschen Herzzentrums, gestern vor Journalisten in Berlin.

Anders als früher werden die winzigen Herzen heute, wenn das nötig ist, schon in der ersten Lebenswoche operiert. Das steht auch der kleinen Anna Lena bevor, die vorgestern mit einem schweren Herzfehler in der Charité auf die Welt gekommen ist. Mit drei bis vier Monaten, später noch einmal mit drei bis vier Jahren, werden weitere Eingriffe folgen, berichtete ihr Vater. „Wahrscheinlich wird ihr Herz später mit nur einer Kammer arbeiten müssen“, erläuterte Felix Berger, Direktor der Klinik für angeborene Herzfehler.

Dass ihre Tochter mit einem Herzfehler auf die Welt kommen würde, wussten Anna Lenas Eltern schon Monate vor der Geburt. Es wurde bei einer Ultraschalluntersuchung festgestellt. Die bessere Früherkennung habe den größten Anteil am Fortschritt bei der Behandlung kleiner Herzpatienten, fügte Wolfgang Henrich von der Klinik für Geburtsmedizin der Charité hinzu. Mehrere Studien zeigen, wie sie den Betroffenen nützt: Ist schon vor der Geburt klar, dass im Herzen des Babys die großen Blutgefäße vertauscht sind, dann sind die Überlebenschancen deutlich besser, es gibt weniger Komplikationen bei der Operation, es muss seltener nachoperiert werden. Außerdem kann der Kinderkardiologe mit den Eltern in Ruhe besprechen, welche Behandlungen nötig werden.

Allerdings hänge das stark von der Qualifikation des Arztes ab, der die Ultraschalluntersuchung macht, sagte Henrich. „In Berlin leben wir in dieser Beziehung im Schlaraffenland, fast 95 Prozent der Herzfehler werden vor der Geburt erkannt.“ In anderen Landesteilen betrage diese Quote nur 20 bis 25 Prozent.

Möglicherweise wird Anna Lena später selbst den Wunsch haben, ein Kind zu bekommen. „Wenn das irgendwie möglich erscheint, raten wir nicht ab“, sagte Herzspezialist Hetzer. Das sei vor 20 Jahren noch anders gewesen. Allerdings kommen auf werdende Mütter mit einer schweren Herzkrankheit besondere Belastungen zu. Das Blutvolumen wird deutlich größer, der Blutdruck steigt, neben dem eigenen Körper muss auch der des Ungeborenen über das Blut mit genug Sauerstoff und Nahrung versorgt werden. Oft verschärft sich die Lage, weil die Herzkranken Mittel zur Blutverdünnung einnehmen müssen, die nach der Entbindung zu schweren Blutungen führen können. Mit einem fähigen Team von Spezialisten ließen sich diese Schwierigkeiten meist in den Griff bekommen, sagten die Ärzte.Adelheid Müller-Lissner

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