TU München führt Tenure Track ein : Geregelter Aufstieg für Nachwuchsforscher

Vorbild USA: Die TU München führt den echten Tenure Track ein. Ohne Habilitation können sich dort künftig Nachwuchswissenschaftler als "Assistant Professor" bewerben. Wer sich bewährt, wird später erst "Associate Professor", dann "Full Professor".

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Wie weiter nach der Promotion. Für die Juniorprofessur wird ein geregelter Tenure Track schon lange gefordert. Foto: dapd
Wie weiter nach der Promotion. Für die Juniorprofessur wird ein geregelter Tenure Track schon lange gefordert.Foto: dapd

Gut 250 deutsche Nachwuchswissenschaftler, die an Unis in den USA arbeiten, wollen sich Anfang September in Boston über Karrieremöglichkeiten in Deutschland informieren. „Gain“, die Rückholagentur der Alexander-vonHumboldt-Stiftung und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, kann die begehrten Kräfte mit einer guten Nachricht begrüßen: Als erste deutsche Universität führt die TU München (TUM) jetzt einen echten Tenure Track ein. Das Verfahren ist in den USA eine Selbstverständlichkeit: Wer sich als Assistant Professor bewährt, steigt nach sechs bis sieben Jahren zum Associate oder Full Professor auf – exzellente Leistungen in Forschung und Lehre vorausgesetzt.

Für die 2002 in Deutschland eingeführten Juniorprofessoren gibt es zwar an etlichen Universitäten eine Tenure-Track-Option wie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Schon bei der Berufung des Juniors wird geprüft, ob nach sechs Jahren eine passende W-2- oder W-3-Lebenszeitstelle frei wird, zur Überbrückung kann eine befristete Stelle angeboten werden. Einen Automatismus gibt es aber nicht. Doch an vielen anderen Unis hat der Nachwuchs gar keine geregelte Perspektive. Auch wem beste Leistungen bestätigt werden, muss sich meist in einem offenen Verfahren um freie Stellen bewerben.

Das Münchner Modell, das Teil des neuen Zukunftskonzepts der im Juni als Eliteuni bestätigten TU ist, orientiert sich an den in den USA üblichen Karrierestufen und Grundsätzen. Promovierte Nachwuchswissenschaftler (Postdocs) mit mindestens zwei Jahren Forschungserfahrung – möglichst im Ausland – können sich in der ersten Stufe auf eine „Assistant Professur“ auf der Gehaltsstufe W 2 bewerben; in Bayern entspricht das einem Grundgehalt von rund 4200 Euro brutto. Damit sind sie besser gestellt als die Juniorprofessur, die mit W 1 besoldet ist. Eine Habilitation brauchen die Assistenzprofessoren nicht, auch nicht für den weiteren Aufstieg. Ihre Lehrverpflichtung liegt mit fünf Semesterwochenstunden auf dem Niveau der Juniorprofessur, die nach drei Jahren allerdings sieben Stunden leisten müssen, und deutlich unter dem von Vollprofessuren mit neun Stunden.

„Assistant“ bedeutet nicht, dass man einem höher Gestellten zuarbeitet. Die Nachwuchsprofs hätten „die volle Selbstständigkeit und Verantwortung“, heißt es. Sie bekämen die Freiheit, ein eigenes Forschungsprofil zu entwickeln. Davon hängt auch der nächste Karriereschritt ab: Nach zwei, vier und sechs Jahren wird ihre Arbeit von unabhängigen Experten bewertet. Wer auch die dritte Evaluation besteht, erhält eine unbefristete Anstellung als „Associate Professor“ und steigt automatisch auf die höchste Gehaltsstufe W 3 auf. Am Ende winkt der „Full Professor“, ganz wie in den USA. Bis 2020 will die TU München 100 solcher neuen Professuren mit Tenure Track schaffen.

Das neue System wird einen großen Teil der Professorenschaft erfassen. 30 Prozent aller Lehrstühle (W 3) und alle W-2-Professuren sollen künftig so besetzt werden. Die Juniorprofessur läuft aus. 40 Prozent der Nachwuchswissenschaftler will die Uni aus dem Ausland anwerben. Bislang sei die TUM Gefahr gelaufen, „die besten Forschertalente an ausländische Universitäten zu verlieren“, die den Tenure Track selbstverständlich anbieten, sagt Unipräsident Wolfgang A. Hermann.

Die TUM löse ein großes Problem für Nachwuchswissenschaftler, sagt Anke Burkhardt vom Institut für Hochschulforschung Wittenberg. „Weil sie nach der Habilitation oder der Juniorprofessur meist keine neue Beschäftigungsposition anbieten könnten, verlieren die Unis gut eingearbeitete Leute.“ Das Münchner Beispiel zeige, dass die Hochschulen sich bewegen könnten, wenn sie nur wollten. Die Einführung einer Assistenzprofessur mit Aufstieg zur vollen W-3-Professur hatte im Mai dieses Jahres die Regierungskoalition im Bund von Ländern und Unis gefordert; die Münchner Pläne seien allerdings viel älter, betont man dort.

„Der echte Tenure Track ist ein mutiger Schritt“, sagt auch Andreas Keller, Hochschulexperte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Problematisch sei allerdings, dass gegenüber der Juniorprofessur die Karrierewege verlängert würden. Weil die TU nach der Promotion eine zweijährige Postdoc-Stelle verlangt, entstehe eine zusätzliche Karrierestufe. Zudem drohe durch die Hierarchisierung in Assistant-, Associate- und Full Professoren „ein Rückfall in die Zeit der Ordinarienuniversität“.

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