Turbulenzen um HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz : Rücktritt für 30 Minuten

Für dreißig Minuten tritt HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz zurück. Doch dann brachte ihn die Universität wieder von seinem Schritt ab - nach einer turbulenten Sitzung.

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Jan-Hendrik Olbertz.
Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, in Nöten.Foto: Mike Wolff

Die Stimme von HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz brach, als er im Akademischen Senat zum Kern seiner Erklärung kam: „Ich lege mein Amt nieder. Auch wenn ich gerne Präsident dieser Universität bin.“ Mit voller Kraft habe er sich für Veränderungen an der Humboldt-Universität eingesetzt, doch jetzt gehe es nicht so weiter wie bisher. „Ich folge nicht meinem Herzen und meinem Willen. Aber ich kann nicht erkennen, wie wir unser Schiff auf Kurs halten können. Niemanden schmerzt das so wie mich selbst.“ Olbertz stand auf, setzte sich an die Seite und übergab die Sitzungsleitung an einen Vizepräsidenten.

Vorausgegangen war ein Veto der Studierenden gegen ein Kernvorhaben Olbertz'

Vorangegangen war eine dramatische Sitzung des Gremiums. Der Streit Olbertz’ mit den Studierenden über eines seiner Kernvorhaben, die Reform der Fakultäten, war eskaliert. Die Studierenden hatten nach stundenlangen Diskussionen ein suspensives („aufschiebendes“) Gruppenveto gegen das Projekt eingelegt. Das Thema war damit zum großen Ärger von Olbertz zum wiederholten Male vertagt, obwohl es eigentlich eine Mehrheit unter den AS-Mitgliedern für das Projekt gab.

Auf die Erklärung des Präsidenten folgten turbulente Szenen. Die Sitzung wurde unterbrochen. Michael Seadle, Dekan der Philosophischen Fakultät I, rief unter lautem Klatschen der Professoren: „Bitte nehmen Sie ihren Entschluss zurück. Wir brauchen Sie!“ Professoren redeten auf die Studierenden ein, das Veto zurückzunehmen, auch Olbertz sprach mit ihnen. Mit Erfolg: Die Studierenden zogen ihr Veto zurück – und Olbertz erklärte nach einer halben Stunde den Rücktritt von seinem Rücktritt. Einige im Saal jubelten, die Professoren sprangen zum Klatschen auf. Selbst die Studierenden klopften lange zustimmend auf ihren Tisch. Diese seien offenbar von seiner Reaktion überrascht gewesen und hätten den Rücktritt nicht gewünscht, sagte Olbertz. Jetzt gehe es darum, mit dem „Crash“ intelligent umzugehen: „Noch einmal kann ich in dieser Legislaturperiode nicht zurücktreten.“

Olbertz legte das Amt "nicht im Affekt" nieder

Olbertz legte sein Amt „nicht im Affekt“ nieder, wie er dann selber erklärte. Vielmehr habe er bereits in den Tagen zuvor bei den Verhandlungen um die Reform „deutlich gemacht“, dass ihm bei einer weiteren Verzögerung des Projekts der nötige Handlungsspielraum für sein Amt fehle. Doch die Studierenden hatten das nicht ernst genommen – auch weil Olbertz häufiger intern mit Rücktritt drohe, wie ein Studentenvertreter später auf Nachfrage sagte.

Eigentlich hatte die Sitzung am Morgen gut für Olbertz begonnen: Eine Mitarbeiterin hatte Glücksschweine aus Marzipan an ihn und seine Vizepräsidenten verteilt. Um die Fakultätsreform streitet die HU seit Monaten. Olbertz will Fakultäten zusammenlegen. Verwaltung und Leitung der Uni sollen gestrafft werden. Intern heißt es, selbst viele Professoren fürchteten, durch die Reform entstehe eine zu starke Managementorientierung durch ein Bündnis von Präsidium und starken Dekanen. Angesichts der knappen Haushaltslage könne das für die Reform nötige Geld (nämlich 2,9 Millionen Euro in den Jahren 2014/15 für zusätzliches Personal und Umbauten) besser woanders eingesetzt werden, wie der Studierendenvertreter Enno Hinz kritisierte: „Mittel werden gebunden, die in der grundständigen Lehre gebraucht werden“. 

Unimitglieder klagen über immensen Druck durch das Präsidium

Dabei hatte Olbertz bereits Zugeständnisse gemacht. Schon in der letzten Sitzung war die Reform durch ein Gruppenveto der wissenschaftlichen Mitarbeiter aufgeschoben worden. Ein Vermittlungsausschuss des AS hatte jetzt einen veränderten Antrag vorgelegt, den auch das Präsidium mittrug. Darin verzichtet Olbertz zunächst auf eines seiner Kernanliegen: Die Einrichtung einer „erweiterten Universitätsleitung“ aus Präsidium und Dekanen. Diese wie andere Leitungsfragen sollen in einer gesonderten Kommission noch einmal diskutiert werden.

Die Studierenden machten in der Sitzung aber klar, dass sie sich auch damit vom Präsidium übergangen fühlten. Olbertz habe einen „immensen Zeitdruck“ bei den Verhandlungen im Vermittlungsausschuss aufgebaut, der gar nicht nötig gewesen sei. Für die Studierenden sei immer noch nicht klar, was die Reform der Lehre bringe, das Präsidium habe sie viel zu spät eingebunden. „Uns fehlt die Transparenz“, begründete der Studierendenvertreter Matthias Geisler die Ablehnung.

Auch sonst ging es in der Sitzung stark um atmosphärische Fragen. Maren Huberty von den wissenschaftlichen Mitarbeitern zeigte sich „befremdet“ über den Druck, den Olbertz aufgebaut habe. Thomas Morgenstern (nicht-wissenschaftlicher Mitarbeiter) sprach von einem „tiefen Riss“, der durch die Uni gehe. Aus der Professorenschaft gab es dagegen keine offene Kritik. Ganz im Gegenteil drängten viele die AS-Mitglieder auf grünes Licht für die Reform. „Sie blockieren aus allgemeinem Unwohlsein“, rief die Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Blömecke zögernden Mitgliedern zu.

Nach den Turbulenzen ist zumindest ein Teil der Reform beschlossen: Zum 1. April werden drei neue Fakultäten eingerichtet. Die HU bleibe handlungsfähig, hieß es bei den Professoren am Ende der Sitzung.

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