Umgang mit Überresten von möglichen NS-Opfern : Bitte keine Ausflüchte!

Es wäre nicht unethisch gewesen, die auf dem Campus der Freien Universität Berlin gefundenen Knochen, die möglicherweise zu NS-Opfern gehören, weiter zu untersuchen. Eine Replik auf Reinhard Bernbeck.

Götz Aly
Götz Aly, Berliner Historiker.
Götz Aly, Berliner Historiker.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wie bekannt wurde am 1. Juli 2014 bei Tiefbauarbeiten auf dem Gelände der Freien Universität eine große Zahl menschlicher Knochen gefunden. Der Universitätsleitung war sofort klar, was es damit auf sich haben könnte, denn der Fundort befindet sich in unmittelbarer Nähe zum einstigen Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Dorthin hatte Josef Mengele 1943 und 1944 Skelettteile von Menschen geschickt, die er in Auschwitz gezielt für erbbiologische Forschungszwecke hatte ermorden lassen.

Die Bauarbeiter riefen die Polizei. Die schickte die Polizeikommissarin R., die ihrerseits das Institut für Rechtsmedizin der Charité verständigte, einer gemeinsamen Einrichtung von FU und HU. In dem am 17. Juli fertiggestellten Routinegutachten steht: „Es handelt sich um ca. 250 Liter Knochenfragmente“, die „größtenteils menschlichen Ursprungs“ seien, sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen stammten und seit mehreren Jahrzehnten im Erdreich gelegen hätten. Außerdem wurden zwischen den Knochen „zehn runde Plastikmarken unterschiedlicher Farben mit handschriftlich beschriften Zahlen“ gefunden.

Aufmerksamkeit in Yad Vashem, Oxford und Harvard

Anders als die FU-Spitze beachteten weder die Polizei noch die Gerichtsmediziner die Nähe des Fundortes zu dem einstigen an den medizinischen Verbrechen der NS-Zeit massiv beteiligten Institut. Unabhängig davon kamen die Gutachter zu dem Schluss: „Die aufgefundenen Plastikmarken erinnern an Markierungen für biologische/medizinische Präparate, so dass es sich aufgrund der Lage der Knochen im Erdreich und der Unvollständigkeit der Skelette um Reste solcher handeln könnte.“ Spätestens jetzt hätten die Verantwortlichen der Freien Universität alarmiert sein, hätten genauere Untersuchungen und eine interdisziplinäre wissenschaftliche Diskussion des Fundes veranlassen müssen.

Seitdem dieses Versagen öffentlich diskutiert wird und über Berlin hinaus zwischen Yad Vashem, Oxford und Harvard kritische Aufmerksamkeit findet, äußern Vertreter der FU seltsamste Ausreden. Die jüngste war am 18. Februar an dieser Stelle zu lesen, verfasst von Reinhard Bernbeck, Professor für Vorderasiatische Archäologie an der FU. Bernbeck behauptet, wenn man die Knochen, so wie ich in der „Berliner Zeitung“ eingewandt hatte, genauer untersucht hätte, hätte man „die Menschen, die damals umkamen, zum zweiten Mal zu Opfern gemacht“. Ich betrachtete die Knochen als „Forschungsgegenstände, um die historische Wahrheit zu ergründen“, und liefe so Gefahr, dass „die schändlich Ermordeten ein weiteres Mal zu Objekten degradiert“ würden.

Das Alter der Plaketten analysieren

Ich halte diesen Einwand für pseudoethisch und gedankenlos, um das Mindeste zu sagen. Die Knochen mussten gerichtsmedizinisch untersucht werden, um ein Kapitalverbrechen auszuschließen. Fundort und forensischer Befund wiesen auf das Menschheitsverbrechen Auschwitz hin. Auch das hätte zwingend untersucht werden müssen. Leicht hätte sich prüfen lassen, ob an den 30 geborgenen Oberschenkelknochen Pathologien sichtbar waren, die zum Beispiel zu Mengeles Forschungsthema „Erblichkeit von Hüftluxationen“ passten; man hätte das Alter der Plaketten mit kriminaltechnischen Methoden analysieren können, schließlich wären anhand winziger Proben DNA-Analysen möglich gewesen. All das haben die Verantwortlichen monatelang versäumt. Sie ließen zu, dass die sterblichen Reste von Menschen, die vermutlich in Auschwitz ermordet worden sind, im Dezember 2014 einfach würdelos verascht und so anonym unter die Erde gebracht wurden.

Der Autor ist Politikwissenschaftler, Historiker und Publizist.

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