Umstrittene Philosophin : Judith Butler: "Israel repräsentiert nicht alle Juden"

17.09.2012 10:14 Uhrvon
Heikler Auftritt. Seit Wochen wird Butler in Deutschland „Israel-Hass“ und „Antisemitismus“ vorgeworfen. Jetzt diskutierte sie im Jüdischen Museum Berlin. Foto:
Heikler Auftritt. Seit Wochen wird Butler in Deutschland „Israel-Hass“ und „Antisemitismus“ vorgeworfen. Jetzt diskutierte sie im Jüdischen Museum Berlin.

Seit Wochen wird Judith Butler "Israel-Hass“ und Antisemitismus vorgeworfen. Jetzt erklärt die umstrittene jüdische Star-Philosophin, warum sie Israel boykottiert und wie sie zum Zionismus steht.

Da sitzt sie nun, Judith Butler, und scherzt mit den Fotografen, die das Bild machen wollen: Die vermeintlich „bekennende Israel-Hasserin“ und angebliche „Antisemitin“ auf einem Sofa mitten im Jüdischen Museum – bereit, gleich über die provokante Frage zu diskutieren: „Gehört der Zionismus zum Judentum?“ Ein heikler Auftritt, nach allem, was passiert ist.

In der vergangenen Woche ist Butler, Professorin für Rhetorik und Komparatistik in Berkeley und wegen ihrer Geschlechtertheorie seit 25 Jahren ein akademischer Star, nach Deutschland gereist, um den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main entgegen zu nehmen.

Doch die Ehrung, die vor ihr Größen wie Norbert Elias, Jürgen Habermas, Jacques Derrida oder György Ligeti erhalten haben, aber noch nie eine Frau, wurde für die amerikanische Philosophin zu einem Spießrutenlaufen. Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, nannte die Jüdin eine „Israel-Hasserin“, die wegen ihrer „moralischen Verderbtheit“ des Preises nicht würdig sei. Auch der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman bedauerte den Preis für Butler. Ein Bündnis mit dem Namen „Kein Adorno-Preis für Antisemiten“ protestierte vor der Frankfurter Paulskirch

In Zeitungen wurde über Butlers Sympathien für Hamas und Hisbollah debattiert. Sie werde es fortan „schwer haben, von Humanisten ernst genommen zu werden“, schrieb Sonja Vogel in der „Taz“. Marko Martin erklärte in der „Welt“, die Palästinenser hätten „bessere Fürsprecher“ verdient als die „selbstbestimmt ignorante“ „Miss Butler“ („Fräulein Butler“). Und „Welt“-Autor Henryk M. Broder, der bei Butler eine „Affinität zu Terrororganisationen“ erkennt, zog einen Vergleich zwischen ihren geschlechtertheoretischen Schriften und einem Pamphlet aus dem Jahr 1900 „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“.

Seit sechs Jahren klebt eine mündliche Äußerung bei einem Teach-in in Berkeley an Butler. Aus dem Publikum gefragt, ob sie Hamas und Hisbollah zur „globalen Linken“ zähle, hatte Butler geantwortet, es handle sich um soziale Bewegungen, die progressiv und Teil einer globalen Linken sind. Das klingt nach einer Sympathiebekundung – wenn man den Kontext der Bemerkung und Butlers Werk ignoriert. Tatsächlich hatte sie unmittelbar vorher erklärt, sie lehne jeden gewaltsamen Widerstand ab, auch den der Palästinenser.

Das passt zu Butlers gesamtem wissenschaftlichem Werk, das zutiefst humanistisch ist. Seit Jahrzehnten kreist ihr Denken um das Thema Gewalt, um die Verletzbarkeit des Einzelnen und um die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um das Individuum in seinem Ausgesetztsein zu schützen. Trotzdem musste sie nun in langen Zeitungsartikeln erklären, sie werde niemals ein Bündnis mit einer Person oder Gruppe eingehen, „die antisemitisch, gewalttätig, rassistisch, homophob oder sexistisch ist“. Außerdem bedeute „links“ nicht immer „gut“. Im Übrigen gebe es eine „globale Linke“ überhaupt nicht: „Das hätte ich einfach sagen sollen.“

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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