UN-Bericht zur Reaktorkatastrophe : Das Vermächtnis von Fukushima

Über die Opfer von Fukushima wurde viel spekuliert. Fachleute der Vereinten Nationen haben die Informationen zusammengetragen und kommen zu einem überraschenden Schluss.

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Am 11. März 2011, gegen 14 Uhr 46 Ortszeit, ereignete sich vor der Ostküste Japans das schwerste Beben, das das Land jemals erlebt hatte. Tausende Gebäude stürzten zusammen, die Küste wurde von einer gewaltigen Tsunamiwelle überflutet. Fast 19 000 Menschen starben. Der Tsunami führte zu einer Kernschmelze in drei Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi, die Folge war die größte Atomkatastrophe seit Tschernobyl. 160 000 Menschen in der Umgebung mussten ihre Heimat verlassen, viele können bis heute nicht zurückkehren. Es war die Reaktorhavarie, die auch in Deutschland bald die größte Aufmerksamkeit auf sich zog.

Im Zentrum der Berichterstattung stand die Frage, welche Folgen der radioaktive Fallout für die Gesundheit der Japaner und der Weltbevölkerung haben würde. Bald gab es erste Prognosen, in denen von Tausenden von Opfern die Rede war. So behaupteten zwei amerikanische Forscher im Dezember 2011, allein in den USA seien 14 000 Menschen an den Folgen des Fukushima-Fallouts gestorben.

Umso überraschender dürfte für viele die Einschätzung der zuständigen UN-Kommission UNSCEAR sein (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation). Am 31. Mai verkündete der Physiker Wolfgang Weiss, bei UNSCEAR zuständig für Fukushima, dass die bei dem Zwischenfall frei gewordene Strahlung keine unmittelbaren Effekte auf die Gesundheit der Bevölkerung gehabt habe.

Auch für die Zukunft rechnen Weiss und seine Kollegen nicht mit statistisch nachweisbaren Gesundheitsfolgen durch Fukushima, etwa einer erhöhten Krebsrate. Das heißt: Wenn ein Tumor als Folge von Fukushima auftritt, ist dieses Ereignis so selten, dass es angesichts der hohen Zahl von Krebserkrankungen nicht auffällt. Es geht im statistischen Rauschen unter.

Rasches Evakuieren und Maßnahmen wie das Überwachen von Grenzwerten bei Nahrungsmitteln hätten die Strahlenbelastung um den Faktor zehn verringert, sagt Weiss. Schwerwiegender als Strahlenschäden sind womöglich die seelische Belastung und die sozialen Probleme. Depressionen, Suizide, Stigmatisierung und Suchterkrankungen können die Folge sein. „Die Menschen werden aus Angst krank“, sagt Weiss. Aus Angst vor einer Gefahr, die man nicht sehen, hören, schmecken oder riechen kann.

80 Wissenschaftler haben im Auftrag von UNSCEAR den bislang umfassendsten Bericht über die Gesundheitsfolgen von Fukushima verfasst, 200 weitere Experten unterstützten die Arbeit. Der Bericht wurde beim UNSCEAR-Jahrestreffen in Wien diskutiert, er wird aber erst im Herbst veröffentlicht. Zu den Hauptaufgaben der Forscher gehörte es, die Verunreinigung der Umwelt durch radioaktive Isotope und die mit ihnen verbundene Belastung der Bevölkerung abzuschätzen, berichtet Peter Jacob vom Helmholtz-Zentrum München, einer der Mitarbeiter am Bericht. Am wichtigsten waren dabei das kurzlebige Jod-131 (Halbwertszeit acht Tage), Caesium-137 (30 Jahre) und Caesium-134 (zwei Jahre).

Grundsätzlich werden zwei Arten von Strahlenschäden unterschieden. „Deterministische“ Schäden treten frühzeitig nach hoher Dosis auf, etwa Verbrennungen oder die mit Übelkeit und Kopfschmerzen einhergehende Strahlenkrankheit. Solche Effekte hat man selbst bei den Kraftwerksarbeitern in Fukushima nicht gefunden, die am stärksten belastet waren. In Tschernobyl dagegen traten 134 Fälle von Strahlenkrankheit bei Arbeitern auf, 28 endeten tödlich.

Während „deterministische“ Schäden von einer bestimmten Dosis „mit Sicherheit“ zu erwarten sind, erhöhen „stochastische“ Strahlenschäden lediglich das Risiko, etwa von Krebs. Je höher die Dosis, umso höher das Risiko. Grundlage der Gefahrenabschätzung sind Beobachtungen bei den Opfern von Hiroshima und Nagasaki und von anderen Atomkatastrophen. Vom erhöhten Krankheitsrisiko bei hohen Dosen schließt man zurück auf die Bedrohung durch niedrige Strahlendosen.

Bis heute streiten Forscher jedoch darüber, ob dieser Rückschluss legitim ist. Manche Wissenschaftler glauben, dass niedrige Dosen sogar einen gewissen Schutzeffekt haben, weil sie Reparaturprozesse in der Zelle anregen. Andere weisen auf gegenteilige Vorgänge hin. Der Streit wird auch deshalb weitergehen, weil man einer Krebszelle nicht ansieht, was ihren genetischen Umbau verursacht hat, seien es nun Strahlen, Tabakrauch oder Alterungsprozesse.

Bei einer Dosis von 100 Millisievert (mSv) steigt das Krebsrisiko um ein Prozent, berichtet der Strahlenexperte Jacob. Bei 167 Arbeitern sei diese Dosis überschritten worden, deshalb sei mit wenigen zusätzlichen Fällen zu rechnen. Bei den anderen Bewohnern der Region sei die Belastung deutlich geringer, bei den meisten Japanern lag sie im ersten Jahr nach Fukushima niedriger als die natürliche durchschnittliche Jahresdosis von 2,1 mSv.

Bereits im Frühjahr 2013 hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Abschätzung der strahlenbedingten Gesundheitsfolgen veröffentlicht. Die WHO kam zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie UNSCEAR, nahm aber für stärker betroffene Regionen ein leicht erhöhtes Krebsrisiko an. Allerdings berücksichtigte man bei der WHO nur bis September 2011 gesammelte Informationen. „Der UN-Bericht ist in Bezug auf die Strahlendosen wesentlich genauer“, sagt Jacob, der an beiden Gutachten mitwirkte.

Auf Kritik stoßen die Berichte bei Greenpeace. „Die abschließende Bewertung ist eher ein politisches Statement als ein wissenschaftliches“, sagt der Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. „Bei Atomunfällen sind frühe große Freisetzungen von Radioaktivität ein entscheidendes Problem, das alle bisherigen UN-Bewertungen auszublenden scheinen.“ Der Fukushima-Beauftragte Weiss weist die Kritik zurück. Schon kurz nach dem Unfall habe man die Belastung von mehr als 1000 Kindern durch radioaktives Jod gemessen und zudem Modellrechnungen mit höheren Belastungen durchgespielt. „Auch wenn man diese Daten berücksichtigt, bleiben unsere Aussagen richtig“, sagt Weiss.

Wie vorsichtig man mit der Bewertung von Untersuchungsbefunden sein muss, zeigen Ultraschallkontrollen von Schilddrüsen bei Kindern. In den Organen lagert sich radioaktives Jod ab und kann Tumorwachstum hervorrufen. Allerdings werden die Ultraschallmessungen überwiegend Tumoren entdecken, die sich unabhängig von der Strahlenbelastung entwickelt haben. Denn verborgener Schilddrüsenkrebs ist häufig. Autopsien in europäischen Ländern fanden bei etwa jedem Zehnten Schilddrüsenkrebs, ohne das dieser zu Lebzeiten eine Rolle gespielt hätte.

Dementsprechend oft fallen bei Reihenuntersuchungen krankhafte Befunde auf. Knoten und Zysten sind bei 40 Prozent der Kinder von Fukushima vorhanden. Erst als man Vergleiche mit anderen Regionen Japans anstellte, zeigte sich, dass diese vermeintlichen Krankheitsherde andernorts sogar häufiger auftraten. Für die aufgewühlte Bevölkerung ist das wohl eher ein schwacher Trost.

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