USA-Studien : Abschied von Amerika

Das Zentrum für USA-Studien der Uni Halle-Wittenberg verfügt über die bedeutendste Sammlung zur Amerikanistik in Ostdeutschland. Doch nun droht dem Zentrum das Aus.

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Gelehrt. Das bedrohte Zentrum für USA-Studien beherbergt 30 000 Medien. Es gehört zur Universität Halle-Wittenberg (hier deren Audimax).
Gelehrt. Das bedrohte Zentrum für USA-Studien beherbergt 30 000 Medien. Es gehört zur Universität Halle-Wittenberg (hier deren...Foto: Uni Halle

Eine altehrwürdige Erscheinung sind die über 300 Jahre alten Häuser der Leucorea-Stiftung, in denen das Zentrum für USA-Studien und Amerikanistik (ZUSAS) in Wittenberg untergebracht ist. Seit 1995 forscht, sammelt und lehrt das Zentrum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zur Geschichte und Politik der USA, bildet Lehrer fort und baute eine 30 000 Medien umfassende Bibliothek auf. Laut Zentrums-Direktor Hans-Jürgen Grabbe ist es die größte amerikaspezifische Sammlung östlich des ehemaligen eisernen Vorhangs.

Doch die Fassaden täuschen, denn die dahinterliegenden Räume des ZUSAS sind verwaist, fast alle Mitarbeiterstellen wurden gestrichen oder nicht mehr wiederbesetzt, die Bibliothek hatte mangels Personal am 1. April 2012 schließen müssen. Auch Grabbes Stelle, der das Zentrum mitgegründet hatte und derzeit als letzter Mitarbeiter ehrenamtlich leitet, läuft am 30. September aufgrund seiner Pensionierung aus; ein Nachfolger ist noch nicht gefunden. Das ZUSAS, das zu Hochzeiten bis zu sieben feste Mitarbeiter hatte, stehe faktisch vor dem Aus, fürchtet Grabbe: „Damit würde es in Sachsen-Anhalt keine wissenschaftliche Beschäftigung mit Geschichte und Politik der Vereinigten Staaten von Amerika mehr geben.“ Es werde dann das einzige Bundesland sein, das seine Englisch-Lehrer mit überwiegend philologischem Wissen ausbilde, ohne gesonderten Bezug auf Politik und Geschichte der USA.

Hintergrund ist, dass das Land Sachsen-Anhalt seit einigen Jahren in der Wissenschaft jenseits der großen Einrichtungen nur noch zeitlich begrenzte Projekte fördern will. Dieser Auflage unterliegt auch die vom Land mit Mitteln ausgestattete Leucorea-Stiftung in der Lutherstadt Wittenberg, die sich auf Wissenschaftsförderung konzentriert und bislang die ZUSAS-Stellen finanzierte. Für das Zentrum habe längere Zeit eine Sonderregelung bestanden, sagt Leucorea-Vorstand Ernst-Joachim Waschke. Die konnte jedoch nicht ewig aufrechterhalten werden, denn die Gelder der Stiftung fließen derzeit verstärkt in Projekte rund um das 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017. „Unser Schwerpunkt bis 2017 ist die Wirkung der Reformation“, sagt Waschke.

Auch vonseiten der Universität gibt es derzeit keine Mittel, denn das ZUSAS gehört zwar seit 2006 zur Uni Halle-Wittenberg, die Finanzierung liegt jedoch weiter bei der Leucorea-Stiftung. Davon abgesehen könne der Uni-Haushalt ohnehin keine Gelder für Einrichtungen wie das ZUSAS bereitstellen, so Udo Sträter, Rektor der Universität Halle-Wittenberg.

Doch obwohl alles darauf hindeutet, gibt es bislang weder von der Leucorea-Stiftung noch von der Universität eine offizielle Ansage zur Schließung des ZUSAS, das bereits jetzt seine Arbeit nicht mehr fortführen kann. Rektor Sträter bekräftigt vielmehr seinen Wunsch, das ZUSAS zu erhalten: „Wir wollen so eine Institution nicht aufs Spiel setzen“, sagt er. „Wir überlegen nicht, ob wir es schließen sollen, sondern wie man es erhalten kann. Zudem befinden sich viele Entscheidungen um das ZUSAS derzeit noch in der Beratungsphase.“ Mitte dieser Woche will sich die Fakultät mit dem Fall befassen.

Sollte das ZUSAS am Ende nicht zu retten sein, wäre dies ein Verlust für die deutsche Amerikanistik: Zu den erfolgreichsten Projekten des Zentrums zählt die Herausgabe der Online-Zeitschrift „American Studies Journal“, das mit circa 28 000 Artikel-Downloads im Monat laut Grabbe das erfolgreichste seiner Art in Deutschland ist. Zudem betreut das Zentrum das Archiv der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien, richtete zahlreiche internationale Summer Schools aus und war aktiv in der Lehrerfortbildung für die Länder Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Auch die amerikanische Botschaft, die bereits in den vergangenen Jahren mehrmals besorgte Briefe über die Situation des ZUSAS an den Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts gesendet hatte, betont die „Bedeutung des ZUSAS bei der Vermittlung amerikanischer Geschichte, Kultur und Politik“: „Zusammen mit dem U.S.-Konsulat Leipzig ist die U.S.-Botschaft gewillt, die Arbeit des ZUSAS zu fördern“, hieß es vonseiten der Botschaft. „Wir vertrauen darauf, dass gemeinsam mit der Universität Halle-Wittenberg und dem Land Sachsen-Anhalt die Zukunft des ZUSAS gesichert werden kann.“

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