Uwe Kamenz : Hat der Plagiatsjäger selbst plagiiert?

Der Dortmunder FH-Professor Uwe Kamenz wollte Deutschland plagiatsfrei machen, von ihm kamen die Vorwürfe gegen Frank-Walter Steinmeier. Jetzt stellt sich die Frage: Hat der Plagiatsjäger selbst getäuscht?

Jonas Krumbein
Saubermann. Mit seiner eigenen Software wollte der Dortmunder Professor Uwe Kamenz Deutschland von der „Mogel-Seuche“ befreien. Jetzt steht Kamenz, Autor des Buches „Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“ selbst unter Verdacht.
Saubermann. Mit seiner eigenen Software wollte der Dortmunder Professor Uwe Kamenz Deutschland von der „Mogel-Seuche“ befreien....Foto: picture alliance / dpa

„Wenn man sich die Indizien anguckt, dann sind genügend Plagiate drin, dass man ihm formal den Doktortitel entziehen kann“, hat Uwe Kamenz über Frank-Walter Steinmeier in der "Welt" gesagt. Kurz nach der Bundestagswahl hat der Dortmunder Fachhochschulprofessor den sozialdemokratischen Spitzenpolitiker im „Focus“ der Täuschung bezichtigt. Das Ziel des Plagiatsjägers, der das Ein-Mann-Institut „ProfNet“ betreibt: Deutschland soll in wenigen Jahren plagiatsfrei sein, angefangen beim Deutschen Bundestag. Nun darf Steinmeier den Doktorgrad behalten, wie die Universität Gießen gerade entschieden hat. Und es sieht so aus, als habe der Plagiatsjäger selbst plagiiert.

Auf zehn Seiten seiner 1997 erschienen Einführung in die Marktforschung hat der BWL-Professor Abbildungen, Tabellen und Text anderer Autoren ganz oder teilweise übernommen. Dies haben Stichproben des Tagesspiegels ergeben. Demnach hat Kamenz besonders aus einem Werk des Berliner Marketingprofessors Alfred Kuß von der FU Berlin abgeschrieben, das 1990 als zweibändiges Kursheft nur für Studenten der Fernuniversität Hagen erschienen ist. Kamenz selbst studierte von 1978 bis 1980 an der Hochschule. Sieben Abbildungen und Tabellen hat Kamenz allein aus Kuß’ schwer zugänglichen Werk übernommen, ohne Quellenangabe.

"Klar gegen Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen"

Aus Sicht des Juraprofessors Gerhard Dannemann von der Humboldt-Universität, der intensiv auf der Plagiatsplattform VroniPlag Wiki mitarbeitet, hat Kamenz „klar gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen“ – und in mindestens einem Fall wohl auch gegen das Urheberrecht. Besonders befremdlich findet Dannemann, „dass die Arbeit von Kuß bei Kamenz nirgends erwähnt wird“. Zwar sei die Zahl der bisher festgestellten Verstöße verhältnismäßig klein. Aber: „Es wurden auch erst drei Quellen abgeglichen.“ (Hier finden Sie eine Übersicht über die auffälligen Stellen und die gesamte Analyse Dannemanns.)

Kamenz reagiert mit einem Verweis auf seine – unter Plagiatsjägern umstrittene – Software: „Sollten Ihre Angaben stimmen, dann würde das innerhalb unseres Ratings im Bereich Grün (=Bagatelle) enden, nicht wie bei Steinmeier rot“, schreibt er auf Anfrage. „Sie werden in allen Lehrbüchern Plagiatsindizien finden“, fährt er fort – und macht dem Tagesspiegel ein Angebot: „Wenn Sie die Kosten (für Literaturbeschaffung und Einscannung) übernehmen oder uns alle Bücher digital zur Verfügung stellen, werden wir gerne eine solche Studie für Sie durchführen.“ Er kenne schon jetzt zwei Bücher, deren Autoren bei ihm abgeschrieben hätten.

Nimmt die Wissenschaft es bei Lehrbüchern mit dem Zitieren generell nicht so genau? Im Gegenteil, sagt der Ökonom Kuß: Gerade die Autoren von Lehrbüchern hätten „eine Vorbildfunktion, um Plagiaten in Abschlussarbeiten und Dissertationen vorzubeugen“. Noch deutlicher wird Dannemann: „Dass alle Autoren von Lehrbüchern abschreiben ist eine unhaltbare Generalisierung, die sich angesichts der großen Anzahl von Lehrbüchern nicht verifizieren, aber schon mit einem einzigen Gegenbeispiel falsifizieren lässt.“ Dannemann hält es für ausgeschlossen, „dass Herr Kamenz damit recht hat“.

Nicht ausgeschlossen sind hingegen Konsequenzen für Kamenz. Die Fachhochschule Dortmund will die Vorwürfe „intern prüfen“. „Eingehend“ untersuchen werde man, „ob dienstliche Belange durch die Vorwürfe betroffen sind“.

Kamenz rechnete früher mit faulen, aber geldgierigen Kollegen ab

Kamenz ist schon früher als jemand hervorgetreten, der sich um die Solidität der deutschen Hochschulen Sorgen macht. In seinem Buch „Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“ (2007, zusammen mit Martin Wehrle) rechnet er mit faulen, aber geldgierigen Kollegen ab.

Nach der Guttenberg-Affäre rief Kamenz dann das Projekt „Plagiatsfreies Deutschland“ aus. Sämtliche Doktorarbeiten wollte er mit einer eigens entwickelten Software auf Plagiate prüfen. Dem Bundesbildungsministerium bot er an, für unter 50 000 Euro die Dissertationen sämtlicher aktueller und ehemaliger Bundespolitiker nach Plagiaten zu durchsuchen. Das Ministerium lehnte ab. Auch Universitäten mochten Kamenz’ Dienste nicht nutzen. „Wirtschaftlich motiviert und unseriös“, urteilte etwa ein Sprecher der Universität Münster.

Kamenz gab nicht auf, schrieb 400 Politiker an, bat um ihre Dissertationen, zur Prüfung. Kaum Resonanz. Kamenz kündigte ein Ranking der 100 verdächtigsten Politiker-Dissertationen an. Zur Bundestagswahl blies er zur Jagd: Interessierte sollten ihm ihren ganz persönlichen Politiker-Plagiatsverdacht nennen und einen Betrag ab 100 Euro überweisen. Er wolle vor der Wahl „den medialen Druck auf Bundestagsmitglieder erhöhen, endlich den Massenbetrug an den Hochschulen abzuschaffen“. Wie jede andere Seuche könne man „die Plagiatsseuche nur durch eine flächendeckende Impfung ausrotten“, hatte Kamenz getönt. In einem Interview hatte er erklärt: Es dürfe nicht akzeptiert sein, „dass diejenigen, die korrekt vorgehen, am Ende die Dummen sind“. Der Plagiatsjäger beklagte „eine regelrechte Mogel-Seuche, die abgeschafft werden muss“. Kamenz könnte damit bei sich selbst anfangen.

Die Aberkennung des Doktortitels muss der Plagiatsjäger dabei nur fürchten, wenn auch in seiner Dissertation Plagiate entdeckt werden. Denn Kamenz wurde 1986 an der Universität Münster promoviert – und die aktuelle Promotionsordnung sieht den Entzug des Doktortitels nur bei promotionsbezogenem Fehlverhalten vor. Kamenz’ Glaubwürdigkeit als Plagiatsjäger indes ist erschüttert.

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