Verhaltensbiologie : Von wegen diebisch

Das räuberische Verhalten von Elstern ist sprichwörtlich. Forscher sprechen die Tiere jetzt frei von der uralten Verdächtigung. Vorerst.

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Elster hält ein Stück Aluminiumfolie im Schnabel
Mieser Ruf. Elstern wird nachgesagt, dass sie besonders gern Glänzendes klauen. Britische Forscher finden dafür in einer ersten...Foto: IMAGO

Goldringe, Löffel, Schlüssel oder andere glitzernde Gegenstände dürfen nicht am offenen Fenster herumliegen – sonst holen sie die „diebischen Elstern“. Das lernt wohl irgendwann jedes Kind. Schließlich ist der räuberische Ruf der schwarz-weißen Pica pica tief verwurzelter Bestandteil europäischer Kultur: Rossini hat das Verhalten in einer Oper „Die diebische Elster“ verarbeitet. Und in Großbritannien steht das Wort „Magpie“ nicht nur für Elster, sondern laut Collins Dictionary auch für „eine Person, die kleine Objekte hortet“.

Vor Gericht hätten die gefiederten Verdächtigen allerdings gute Karten, denn Beweise gibt es für ihr diebisches Verhalten kaum. Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachblatt „Animal Cognition“, spricht die Rabenvögel nun sogar vom Vorwurf frei, eine Vorliebe für das Stehlen von Gegenständen zu haben, ob nun glänzend oder nicht.

Schwarzer Milan sammelt Glänzendes zur Abschreckung

Die Verhaltensforscher Toni Shephard, Stephen Lea und Natalie Hempel de Ibarra von der englischen Unversität Exeter fanden trotz intensiver Literatursuche lediglich zwei dokumentierte Diebstähle: 2008 soll ein Verlobungsring im Nest einer Elster gefunden worden sein, schrieb die Zeitung „Telegraph“. Laut „Manchester Evening News“ hat eine Elster 2007 in Rochdale Schlüssel, Münzen und einen (glänzenden) Maulschlüssel aus einer Autowerkstatt gestohlen. Eine eher dünne Indizienlage, denn darüber hinaus gab es bislang nicht einmal eine wissenschaftliche Studie, ob Elstern zu Recht eine diebische Vorliebe für glänzenden Plunder nachgesagt wird. Lediglich für andere Vogelarten, wie zum Beispiel den Schwarzen Milan, ist derartiges Verhalten nachgewiesen: Der Greifvogel legt gern glänzende Objekte zur Abschreckung in sein Nest.

Shepards Team beobachtete deshalb das Verhalten von Elstergruppen, die frei auf dem Universitätscampus leben, und gefangenen Vögeln, die aber in der Wildnis geboren wurden. Dazu fütterten die Forscher die Vögel zunächst regelmäßig am selben Ort und stellten dann etwa 30 Zentimeter vom Futternapf entfernt zwei Schälchen mit Schrauben und Ringen auf – in dem einen Schälchen im original glänzenden Zustand, in dem anderen angemalt mit matter Farbe.

Keine Vorliebe für Glitzerkram

Laut Shepard zeigten die Vögel kein größeres Interesse: „Wir haben bei den Elstern keine Beweise für eine besondere Vorliebe für glänzende Objekte gefunden.“ Im Gegenteil, die Vögel reagierten eher ängstlich auf die ihnen fremden Schrauben und Ringe und näherten sich den Futternäpfen erkennbar vorsichtiger.

Aber so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, ist es nach einer ersten Studie wohl noch zu früh, Elstern von jeglicher Vorliebe für glänzende Gegenstände freizusprechen.Fraglich sei, ob die Forscher die „richtigen“ Objekte für ihre Studie auswählten, um das Interesse der Elstern zu wecken, sagt Simone Pika vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen. Denn eine gewisse Neugier für herumliegende Objekte hätten Rabenvögel, zu denen auch Elstern gehören, durchaus, sagt die Forscherin, die sich mit dem kommunikativen und kognitiven Verhalten der Vögel beschäftigt. „Sicher ist es eine sehr menschliche Interpretation, diese generelle Neugier gegenüber neuen Objekten als ,diebisches‘ Verhalten zu deuten.“ Insbesondere junge Rabenvögel finden neue Objekte, die die Forscher in die Volieren des Instituts legen, „cool“, so die Forscherin. Das Interesse wird vor allem dann geweckt, wenn sich vertraute  Menschen oder Artgenossen dafür interessieren. „Das ist so ähnlich wie bei Kindern. Ein Spielzeug kann mehrere Wochen unangetastet herumliegen, kaum greift es sich das Geschwisterkind, wird es plötzlich wieder höchst interessant.“ 

Intelligenter als andere Vögel

Rabenvögel gelten als besonders intelligent. Sie gehören neben Menschenaffen, Delfinen und Elefanten zu den wenigen Tierarten, die sich selbst im Spiegel erkennen und in Artgenossen hineinversetzen können. Ihr Gehirn ist, ähnlich wie beim Menschen, im Bereich des Frontallappens vergrößert. Vermutlich brauchen Rabenvögel diese Hirnkapazität, da sie in einem sehr komplexen sozialen Verbund leben und sich die soziale Stellung vieler Artgenossen in der Gruppe merken müssen, meint Pika. Dazu gehört auch, auf Objekte zu zeigen, um so das Interesse von Artgenossen zu gewinnen, wie Pika 2011 herausfand und im Fachblatt „Nature Communications“ beschrieb – eine Fähigkeit, die sonst nur bei Menschen und Menschenaffen nachgewiesen ist. Zukünftige Studien, die das Verhalten von Elstern gegenüber glänzenden oder nichtglänzenden Objekten klären sollen, müssten also testen, ob die Ringe oder Schrauben erst dann interessant für die Vögel werden, wenn sie vorher von Menschen oder Elstern berührt wurden.

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