Verschwörungstheorien in der EU-Krise : Dem Bösen ein Gesicht geben

Die europäische Krise hat vor allem in Südeuropa Verschwörungstheorien beflügelt. Im Fokus sind "die Deutschen", aber auch antisemitische Ressentiments florieren.

Christoph David Piorkowski
Ein aufgebrachter griechischer Rentner zeigte Kanzlerin Merkel 2012 in einer Nazi-Uniform.
Aufgeheizte Stimmung. Ein aufgebrachter griechischer Rentner zeigte Kanzlerin Merkel 2012 in einer Nazi-Uniform.Foto: picture alliance / dpa

Die portugiesische Finanzministerin schnurrt als Miezekatze auf dem Schoß des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble (CDU). Diese Karikatur in einer der großen Tageszeitungen Portugals brachte es für viele Leser auf den Punkt: Ihnen gelten die Deutschen als Verursacher und Nutznießer der europäischen Krise. Das Wuchern verschwörungstheoretischer Diskurse sehen die portugiesischen Kulturwissenschaftler Eduardo Camillo und Isabel Marcos als ein markantes Symptom der Krise. Die komplizierte Realität, die den Menschen vielfach zum Nachteil gereicht, heize die Produktion simplifizierender Geschichten an, die die Welt in Gut und Böse teilen. Vor allem die Finanzkrise sei erst einmal vollkommen gesichtslos, die abstrakte Macht werde deshalb mit einer Maske bekleidet, sagten die Forscher jetzt bei einer Tagung der Uni Potsdam über „Verschwörungstheorien in der aktuellen europäischen Krise“.

Besonders an der südlichen Peripherie des Kontinents haben Verschwörungstheorien derzeit Konjunktur. Hintergrund sei vor allem die prekäre sozioökonomische Lage in diesen Regionen, war man sich bei einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend einig. In dieser Situation sehnten sich die Menschen nach einfachen Erklärungen. Grundsätzlich gehen diese Narrative mit der Beschwörung alter oder neuer Feindbilder zusammen, die als Projektionsflächen kollektiver Angst funktionieren.

Kompensation für die empfundene Demütigung

In Griechenland ist die Wahrnehmung ähnlich wie in Portugal – die deutsche Politik gilt pauschal als Auslöserin und Nutznießerin der Krise. Seit 2008 würden aber auch verstärkt nationale Mythen verbreitet, die eine angebliche Überlegenheit des griechischen Volkes aus dessen Geschichte erklären, sagte der Sozialwissenschaftler Evangelos Kourdis aus Thessaloniki. Auch dabei handele es sich um Kompensationsstrategien für die empfundene Demütigung durch nordeuropäische Länder.

Neben dem relativ neuen Feindbild des Deutschen beziehungsweise Nordeuropäers floriert nach wie vor das uralte antisemitische Stereotyp vom weltbeherrschenden Juden, der seinen Reibach macht und im Hintergrund die Fäden zieht. Antisemitismus, sagt der Turiner Kulturwissenschaftler Ugo Volli, schlage in nahezu jeder Krise seine Wellen. Durch das Internet habe sich aber eine Veränderung vollzogen, was die Kommunikation des Ressentiments betrifft. So haben verschwörungstheoretische Erzählmuster massiv in den öffentlichen Raum gestreut und stehen im informationspolitisch egalitären Netz quasi gleichberechtigt neben seriösen Nachrichten.

Der Verschwörungstheoretiker schmückt sich mit abseitigen Wahrheiten

Auf eine Wortmeldung aus dem Publikum, die ein „zu wenig“ an Information und eine mangelhafte Arbeit der Medien im Allgemeinen für das Aufkommen von Verschwörungstheorien verantwortlich machte, erklärte der Turiner Kulturtheoretiker Massimo Leone, es gebe heute eher ein „zu viel“ an Information. Demnach benötigen wir neue Techniken des Lesens, um die Informationsflut zu bewältigen.

Der große Fehler des Verschwörungstheoretikers ist eben der doppelte Standard, mit dem er die Diskurse bewertet. Die „offizielle Information“ wird grundsätzlich beargwöhnt, wohingegen das „Inoffizielle“ allein dadurch als richtig gilt, dass es inoffiziell ist. So schmückt sich der Verschwörungstheoretiker letztlich mit dem „Radical Chic“ der geheimen und abseitigen „Wahrheit“.

Im Zeitalter des Individualismus gebe es zudem vermehrt das Bedürfnis nach einem eigenen Weltbild, „nach einer Wahrheit, die zu mir passt“, betonte Gastgeberin Eva Kimminich, Professorin für die Kulturen romanischer Länder an der Uni Potsdam. Diese „Wahrheit“ gehöre dann zum Erscheinungsbild der eigenen Person – wie die bevorzugte Wohneinrichtung oder Schuhmarke. Im Internet gibt es längst einen Markt der individuellen Welterklärungssysteme.

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