Virusforschung : Wenn Krebs ansteckend ist

25.05.2010 02:00 UhrVon Adelheid Müller-Lissner
Ein Papillomavirus unter dem Elektronenmikroskop. Foto: Phanie
Ein Papillomavirus unter dem Elektronenmikroskop. - Foto: Phanie

Risiko Rindfleisch? Harald zur Hausen über die Fahndung nach Tumor-Viren. Der Nobelpreisträger verfolgt eine neue Spur.

„Untersuchungen über Infektionen als Ursache von Krebs werden in Zukunft noch mit einigen Überraschungen aufwarten.“ Das sagt einer, der es wissen muss: Auch die Untersuchungen von Harald zur Hausen haben in der Wissenschaftler-Community schon für einige Überraschung gesorgt. 2008 bekam der Virusforscher den Medizin-Nobelpreis für seine Entdeckung, dass Infektionen mit Papillomaviren (HPV) die Ursache für den Gebärmutterhalskrebs bilden. Er kenne keinen Wissenschaftler, der so unbeirrbar über Jahrzehnte ein Thema verfolgt habe, sagte Constantin Orfanos, Generalsekretär der Berliner Stiftung für Dermatologie, bei einem Symposium der Stiftung am Sonnabend.

Der Nobelpreisträger legte dar, welche neue heiße Spur er verfolgt. Diesmal geht es um die Krebsgefahr, die von roh verzehrtem Rindfleisch ausgehen könnte. Schon länger ist bekannt, dass Menschen, die häufig große Portionen „rotes“ Fleisch zu sich nehmen, ein höheres Risiko tragen, Dickdarmkrebs zu bekommen. Auch die Gefahr für Brustkrebs, Krebs an der Bauchspeicheldrüse und an der Lunge ist erhöht. Sie alle treten häufiger in Regionen dieser Erde auf, in denen saftige Steaks auf den Speisekarten stehen, so in Argentinien, Neuseeland und den USA. Doch was ist der Grund dafür?

Eine Erklärung, die inzwischen durch Studien untermauert wurde: Bei der Zubereitung entstehen Substanzen, die als chemische Krebsverursacher wirken. Zur Hausen möchte sich damit nicht zufrieden geben. Die Gefahr sei offensichtlich auf Rindfleisch beschränkt, es müsse also Gefahren geben, die uns allein von diesem Fleisch drohen und von Grill oder Pfanne unabhängig sind.

Die Spur führte den Virusspezialisten wiederum zu den Viren. In diesem Fall zu Viren, die drei Bedingungen erfüllen: Sie sind für ihren ursprünglichen Wirt, das Rind, nicht gefährlich und können sich dort vermehren, ohne das Tier krank zu machen. In einem anderen, „unnatürlichen“ Wirt wie dem Menschen dagegen können sie sich nicht vermehren, allerdings Gene ablagern und zu Zellveränderungen führen. Und sie können, drittens, etwas Hitze vertragen. Im Inneren eines saftigen Steaks wird es meist nicht heißer als 50 Grad Celsius. Auch wenn es durchgebraten wird, werden allenfalls 70 Grad erreicht, rechnete zur Hausen vor.

Polyomaviren können aber für eine halbe Stunde Temperaturen von 80 Grad ertragen. Weil solche Viren auch das Pasteurisieren überstehen, könnte auch Kuhmilch ein Risikofaktor sein, so vermutet zur Hausen. Untersuchungen dazu sind allerdings schwierig, weil es keine guten Kontrollgruppen gibt. Schließlich nehmen fast alle Menschen im Lauf ihres Lebens Kuhmilch zu sich. Zur Hausen plädiert beim Fleisch keineswegs für den radikalen Verzicht. Seine Vision ist eher eine Rinderzucht, die dem menschlichen Konsumenten den Kontakt mit den schädlichen Keimen erspart. Hier wäre auch der Einsatz von Impfungen denkbar.

Seine HPV-Forschung konnte zur Hausen mit der Entwicklung einer Impfung krönen. „Inzwischen wurden in aller Welt mehr als 50 Millionen junge Frauen geimpft“, berichtete er.

Dass in Deutschland die Impfrate bei den zwölf- bis 17-jährigen Mädchen und jungen Frauen nur bei etwa einem Drittel liegt, vor allem aber, dass sie nach Erscheinen eines kritischen Memorandums Ende 2008 deutlich gesunken ist, enttäuscht den Forscher sichtbar. Er wünscht sich, dass die Impfungen gegen die zwei wichtigsten Krebs-Erreger HPV 16 und 18 früher starten und auch die Jungen umfassen. Nicht nur aus Solidarität mit dem weibliche Geschlecht, sondern auch aus Selbstschutz und wegen der Möglichkeit, das Virus auszurotten.

Was die Impfstoffe betrifft, die heute in Deutschland gegeben werden, so ist inzwischen klar, dass der Schutz mindestens acht Jahre vorhält. Weil Gebärmutterhalskrebs erst 15 bis 30 Jahre nach einer HPV-Infektion entsteht, ist noch nicht erwiesen, dass die Impfung wirklich einen Schutz vor Krebs darstellt. Nach menschlichem Ermessen dürfte es aber keine böse Überraschung geben.

Heinz Sielmann Stiftung

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