Wissen : Vorsprung durch Technik

02.11.2010 20:34 UhrVon Reinhold Leinfelder

Die Welt ist noch zu retten: Ein neues Sachbuch mit Visionen für die Zukunft des Menschen

„Menschenzeit“ handelt von unserer eigenen Zukunft. Allerdings ist es ein echtes Querdenker-Buch: Agrogentechnik, Geo-Engineering und molekularbiologische Menschenoptimierung werden die Welt schon retten – wer nur kursorisch durchs Buch blättert, könnte diesen Eindruck gewinnen. Vieles klingt nach der oft verteufelten „Adaptation“, also der Anpassung an die nicht mehr aufzuhaltende Umweltzerstörung mit technischen Mitteln. Hat der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl eine Fibel des technophilen Größenwahns geschrieben, für diejenigen, die meinen, die Erde sei genügend verstanden, sodass man sie nun ingenieursmäßig steuern könne?

In der Gentechnik sieht Schwägerl tatsächlich eine wesentliche Möglichkeit, künftig neun Milliarden Menschen zu ernähren.

Selbst „intelligente Gase“ in die Atmosphäre zu pumpen, kann der Autor sich vorstellen, zudem führt er aus, wie wir zukünftig Gene des Menschen stilllegen oder aktivieren könnten. Am Schluss skizziert er sogar noch einen neuen Menschen, der, wann auch immer, dem Homo sapiens nachfolgen könnte.

Aber das Buch ist nicht schwarz-weiß, sondern bunt. Die Notwendigkeit von Vermeidungsmaßnahmen fällt nicht unter den Tisch: weg von fossilen Energien, Effizienzsteigerung und Lebensstiländerung, Fleischverzehr als Ausnahme, das sind Notwendigkeiten. Schwägerl ist trotz seiner schonungslosen Bestandsaufnahme der Zerstörungskraft des Menschen ein Kulturoptimist: Die bald sieben Milliarden Gehirne unserer Art, so Schwägerl, könnten eine Vielfalt an Gedanken, Träumen, Wissen und Ideen generieren, die es mit jener des Regenwalds aufnimmt.

Allerdings stünden wir nun an einer entscheidenden Schwelle. Der Mensch müsse sich vom Nutzer zum Hüter des Erdsystems wandeln. Dazu müssten, ganz humboldtianisch, Wissenschaft und Kultur zusammenfinden. Den Menschen sieht der Autor als Teil der Natur und Gärtner dieser Natur. Nachhaltigen Wohlstand gebe es vor allem aus dem Sich-Hineindenken in die Natur, Herausnehmen allein kann nicht funktionieren.

Hierzu entwirft Schwägerl einen „Biofuturismus“. Es geht ihm darum, so zu leben und Produkte so zu bepreisen, dass der Mensch nicht nur keine Spur der Zerstörung hinterlässt, sondern dass vielmehr sein Geld dazu dient, technologisch mit den Ökosystemen der Natur zu wachsen, anstatt gegen sie. Der Autor schwärmt von abfallfreien, je nach Bedarf neu zusammensetzbaren Bioprodukten, von einer neuen Nachhaltigkeitstechnik. Gene in Datenbanken wären öffentlich zugänglich, die Nutzung würde in demokratischen Entscheidungsprozessen geregelt. Sogar zur Islamdebatte gibtes einen Beitrag: Die islamische Welt besinnt sich in Schwägerls Vision auf ihre einstigen wissenschaftlichen Großtaten zurück und gestaltet ein „bionisches Kalifat“.

Das hervorragend recherchierte Buch macht Lust auf eine kommende Menschenzeit, in der das Prinzip Verantwortung für die Zukunft ins Grundgesetz aufgenommen wurde und von jedermann selbstverständlich akzeptiert wird. Vor allem aber ist es ein subtiles, reflektiertes Mutmacherbuch. Und das können Gesellschaft und Politik derzeit wirklich dringend gebrauchen.

Reinhold Leinfelder ist Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde.

Christian Schwägerl: Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten. Riemann, München 2010. 320 Seiten, 19,95 Euro.

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