Wagners jüdischer Dirigent : „Ein fortwährendes seelisches Sich-Verbeugen“

Kapellmeister Hermann Levi dirigierte die Meistersinger und den Parsifal, war häufiger Gast in Bayreuth. Doch der Antisemitismus des Wagner-Clans traf ihn schwer. Garmisch-Partenkirchen will seinem in der NS-Zeit geächteten Ehrenbürger jetzt wieder eine Straße widmen.

Stephen Tree
Unschöne Angriffe aus der Clique. Hermann Levi (Mitte) im Haus Wahnfried.
Unschöne Angriffe aus der Clique. Hermann Levi (Mitte) im Haus Wahnfried.Foto: picture alliance / akg-images

Im Winkel eines großen Grundstücks in Garmisch-Partenkirchen liegt unter einer roh gezimmerten Holzabdeckung, die vor den danebenlagernden Baumaterialien schützen soll, eine laubbedeckte Grabplatte für „Hermann Levi. Königlich Bayerischer Hofkapellmeister. 1839–1900.“ Er war Ehrenbürger von Garmisch-Partenkirchen, hatte postum der Straße, die am Grundstück vorbeiführte, den Namen gegeben. Doch nach Hitlers „Machtergreifung“ wurde das im Garten seiner Villa errichtete Mausoleum verwüstet und die Straße umbenannt. Hermann Levi war einst ein gefeierter Wagner-Dirigent. „Zuerst muss ich sagen, dass Levis Orchester Wagner zu Wagner macht. Bei einer solchen fast überirdischen Schönheit der Wiedergabe ist die Wirkung kein Wunder“, schrieb eine Chronistin der Zeit, Henriette Feuerbach.

Nun hat Wagner alles getan, einer von seiner Musik hingerissenen Welt seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen zu predigen: von einer judenfreien, vegetarischen, nach Süden gewanderten Menschheit. Für Juden sieht Wagner in „Das Judentum in der Musik“ von 1869 nur einen Ausweg „von dem auf (ihnen) lastenden Fluche“ – „die Erlösung Ahasver’s – der Untergang!“. Der Fluch fiel, wie in seinen Opern, auf ihn zurück und belastet sein Werk und seine Familie bis heute. Im Jubiläumsjahr 2013, zweihundert Jahre nach Wagners Geburt, wird sein Werk in Israel nicht öffentlich aufgeführt, während die Erben peinlich darauf achten, jede Assoziation mit Nazisymbolik zu vermeiden.

Und doch hat der Judenfeind die Uraufführung seiner letzten Oper, in deren Mittelpunkt die christliche Taufe steht, dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi anvertraut. Eine künstlerisch produktive, menschlich fragwürdige Beziehung.

Hermann Levi wird 1839 als drittes Kind des liberalen Landesrabbiners von Gießen im Großherzogtum Hessen geboren. Früh als Hochbegabung erkannt, findet Levi in Vinzenz Lachner, dem Mannheimer Hofkapellmeister, einen verständnisvollen Lehrer und Förderer, der ihm mit 21 Jahren zu seiner ersten Dirigentenstelle verhilft. 1864 dirigiert Levi bereits in Karlsruhe, wo er die verwitwete Clara Schumann und den jungen Johannes Brahms kennenlernt, dessen Duzfreund er wird. Levi ist ein Mann der Moderne, der Schumann, Berlioz und seinen Freund Brahms durchsetzen hilft, später auch Bizet, Chabrier, Mascagni, Verdi, Tschaikowski und Richard Strauss.

Kurz vor dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, in dem er als Sanitäter dient, kann Levi in Karlsruhe die „Meistersinger“ dirigieren – die dortige Erstaufführung eines revolutionären, an Sänger und Orchester ungewohnte Anforderungen stellenden Werks. Und zwar so gut, dass sich Wagner schriftlich dafür bedankt.

1873 wird er, mit nur dreiunddreißig Jahren, von Ludwig II. in München zum „Königlich-Bayerischen Hofkapellmeister“ ernannt. Die Religion seines Dirigenten kümmert den großen Kunstmäzen nicht. Er war bereit, für Richard Wagner den finanziellen und politischen Ruin zu riskieren, doch den von diesem geforderten Antisemitismus lehnt der Monarch als „unköniglich“ ab.

Levi wird in München ein wichtiger künstlerischer Impulsgeber. Er führt „Manfred“ von Schumann zum Erfolg, und leitet stilgerechte Aufführungen von Mozarts drei Da-Ponte-Opern auf der Rokoko-Bühne des Cuvillé-Theaters.

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