Was ist Wahrheit? : Geglückte Verabredungen

Der Philosoph Volker Gerhardt über den wachsenden Wert der Wahrheit in der modernen Welt.

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Auf der Suche. Was „Wahrheit“ ist, ist stets umstritten.
Auf der Suche. Was „Wahrheit“ ist, ist stets umstritten.Foto: TUB/Böck

Das Wahre gebe es nicht, hat Gustave Flaubert gesagt, es gebe nur verschiedene Arten des Sehens. „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen“, befand Pablo Picasso. Alles nur Ansichtssache? Künstler sehen es schon länger so, und auch in der Philosophie häufen sich von Nietzsche bis zu Postmoderne und Konstruktivismus die Einwände gegen den Gedanken einer einzigen, objektiven, kulturunabhängigen Wahrheit.

Ein Denker, der die Existenz der Wahrheit abstreite, habe zumindest ein logisches Problem, wenn es um die Wahrheit dieser Aussage selbst gehe, meint dagegen Volker Gerhardt. Der HU-Philosophieprofessor sprach jetzt im Rahmen einer Vorlesungsreihe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Sein Vortrag trug den programmatischen Titel „Der Wert der Wahrheit wächst“.

Gerhardts Ansatzpunkt liegt dabei zunächst recht pragmatisch im Alltag, bei gelingenden Verabredungen zwischen Menschen, die sich dabei auf Orte und Uhrzeiten einigen: „Wir könnten uns an keinem Ort der Welt treffen, wenn die Wahrheitsfähigkeit unseres Denkens das nicht zuließe.“ Doch zeigt sich „Wahrheit“ schon in der Übereinstimmung unserer Uhren, der Zuverlässigkeit von Zugfahrplänen und Vorlesungszeiten? Wie kann man sie definieren? Die Idee des Aristoteles, dass etwas als wahr gelten kann, wenn Begriff und Gegenstand übereinstimmen, hatte schon Kant als ungenügend empfunden. Auch dass eine Äußerung mit den Regeln von Logik und Grammatik vereinbar ist oder dass alle eine Ansicht teilen, reicht wohl nicht, um eine „Wahrheit“ daraus zu machen. In Gerhardts Augen sind diese erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten mit dem Wahrheitsbegriff jedoch kein Grund, ganz auf ihn zu verzichten. „In der pluralen Weltgesellschaft ist die Wahrheit so wichtig wie das tägliche Brot. Je mehr Menschen aus unterschiedlichen Lebensverhältnissen genötigt sind, sich auf berechenbare Weise zu verständigen, umso größer wird die Notwendigkeit, dies auf exakte Weise zu tun.“ Vor allem aber komme die Wissenschaft nicht ohne die Grundannahme aus, dass es „zutreffende Sachverhalte“ gebe, die einen Rahmen der Verbindlichkeit schaffen. Dass wir in der Lage sind, uns über „exakt Dasselbe“ zu verständigen, ist seiner Ansicht nach auch Voraussetzung für politisches Handeln von selbstbewussten Individuen: Nur wenn wir gemeinsame Probleme erkennen, können wir sie lösen. Zum Beispiel in der Umwelt- oder Wirtschaftspolitik: „Die Wahrheit ist eine wichtige Ressource, ohne die es noch nicht einmal möglich ist, das Schwinden der anderen Ressourcen zu kennen.“

Der Mensch ist für Gerhardt deshalb „das Tier, das Wahrheit braucht“. Nicht unbedingt eine metaphysisch begründete und unveränderliche, aber „revidierbares Wissen“ über Tatbestände, die der Überprüfung zugänglich sind. „Dass die Welt sich ändert, ist schließlich das Ziel unseres Handelns.“ Die Bereitschaft, sich und seine Einsichten ständig der Prüfung durch andere zu stellen, gehört für den Philosophen zum „Humanismus einer fortgesetzten Aufklärung“. Auch wenn es anstrengend ist. Gerhardt hat sich unter anderem als Mitglied des Nationalen und des Deutschen Ethikrates immer wieder bioethischen Fragestellungen gewidmet und zusammen mit dem Mediziner Detlev Ganten und seinem Philosophenkollegen Julian Nida-Rümelin die Arbeitsgruppe „Humanprojekt“ ins Leben gerufen.

Dass es Bereiche gibt, in denen Neigungen und kulturelle Traditionen Menschen zu unterschiedlichen Überzeugungen bringen können, und dass auch subjektive Ansichten ihre Berechtigung haben, räumt Gerhardt durchaus ein. „Je mehr wir uns in bestimmten Punkten auf eine Wahrheit einigen können, umso leichter ist es, allen in anderen Fragen ihre Meinung zu lassen.“ Die Rücksicht auf die Empfindlichkeit von Einzelnen und von Gruppen gebiete es zudem, nicht zu jeder Zeit „alles“ zu sagen und damit dem von Hans Blumenberg kritisierten „Absolutismus der Wahrheit“ zu verfallen. Dagegen hilft Voltaires Rat: „Alles, was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, solltest du auch sagen.“

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