• „Wir müssen auch auf das Wohl der Mutter achten“ Mediziner fordert neue Rechtsgrundlage

Wissen : „Wir müssen auch auf das Wohl der Mutter achten“ Mediziner fordert neue Rechtsgrundlage

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Herr Professor Kentenich, Sie sind selbst Reproduktionsmediziner. Welche Bedeutung hat der Preis aus Ihrer Sicht?

Ich kenne Robert Edwards persönlich als netten Menschen und akribischen Wissenschaftler. Trotzdem, als ich das damals gehört habe, habe ich's für einen Schwindel gehalten. Aber dann sind seine Arbeiten in der Medizinzeitschrift „Lancet“ erschienen und Edwards konnte schnell weitere Erfolge vorweisen. Man muss vor ihm als Mensch und vor seiner Leistung wirklich den Hut ziehen. Außerdem ist das ein hoher Preis für etwas, was in der öffentlichen Debatte immer auch etwas negativ gesehen wird.

Aber spielt man mit der künstlichen Befruchtung nicht doch Schicksal?

Wir greifen so in die Natur ein, wie wir es ähnlich machen, wenn wir einen Blinddarm entfernen oder Antibiotika geben.

Wie hat sich die künstliche Befruchtung seit damals weiterentwickelt?

Vor über 30 Jahren führte nur ein Prozent der Versuche zur Schwangerschaft, heute sind es 30 Prozent. Man weiß heute genauer, welcher Embryo zur Schwangerschaft fähig ist und welcher nicht. In vielen Ländern kann man die Embryos entsprechend auswählen, mit entsprechend größeren Erfolgen als in Deutschland, wo das nicht möglich ist.

Gerade aber hat der Bundesgerichtshof die Präimplantationsdiagnostik (PID), also die genetische Analyse von Embryos in der Petrischale, in bestimmten Fällen für rechtens erklärt.

Das Urteil war gut, weil es auf die Frau fokussiert hat. Viele in Deutschland sehen ausschließlich auf den Embryo und die Frage, ob er Menschenwürde hat. Aber hier ging es um Schicksale von Frauen, die Fehlgeburten hatten, genetische Veränderungen in der Familie und ein hohes Risiko für Schwangerschaft und Kind. Doch dieses Urteil kann noch nicht mit Leben gefüllt werden. Es wäre sinnvoll, im Einzelfall zu prüfen, ob eine genetisch bedingte Erkrankung vorliegt. Es geht darum, der Frau eine Schwangerschaft „auf Probe“ zu ersparen. Der rechtliche Rahmen für das Urteil ist nicht vorhanden. Deshalb brauchen wir ein Fortpflanzungsmedizingesetz.

Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein?

Vielleicht steigen sie mit dem Nobelpreis.

Welche Probleme gibt es abgesehen von der unklaren Rechtslage bei der PID?

Schwerwiegend ist, dass das Recht in Bezug auf die Auswahl von Embryos unklar ist. Optimal wäre es, nur diejenigen der Frau zurückzugeben, die erkennbar zur Schwangerschaft fähig sind. Das ist nach der jetzigen Rechtslage offenbar nicht möglich. Einmal erzeugte Embryos müssen verwendet werden, und es werden mehrere Embryos eingesetzt. Das Resultat sind viel höhere Mehrlingsraten als anderswo. Wir müssen das Wohl der Mutter im Auge behalten. Es geht nicht ausschließlich darum, Schwangerschaften zu erzeugen.

Was sollte ein Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin enthalten?

Zum einen die Möglichkeit, geeignete Embryos auszuwählen, zweitens klare Regelungen zur PID und drittens die Möglichkeit der Eizellspende.

Wie hoch sind die Chancen?

Man kann das an den Reaktionen auf das PID-Urteil ablesen. Von der FDP gab es positive Stimmen, SPD, CDU/CSU und die Grünen sind gespalten und sehr zurückhaltend. Man schiebt schwierige ethische Fragen an den Rand, möchte keine grundsätzliche Debatte über die Schutzwürdigkeit des Embryos. Aber man vergisst das Notwendige: Wir müssen im Interesse von Mutter und Kind die Mehrlingsschwangerschaften reduzieren.

Die Kosten für eine künstliche Befruchtung werden von den gesetzlichen Krankenkassen seit 2004 nur noch eingeschränkt übernommen. Welche Konsequenzen hat das?

Die Zahl der Geburten infolge künstlicher Befruchtung ist seit 2004 von etwa 20 000 auf rund 12 000 zurückgegangen. Die Ursache ist, dass die Kasse statt vier Versuche nur noch drei bezahlt, und auch das nur zur Hälfte. Das führt zu einer Zweiklassenmedizin, denn Geringverdiener können sich die Behandlung nicht leisten. Für den Eigenanteil müssten sie etwa einen Nettomonatsverdienst pro Versuch hinlegen. Immerhin, in Sachsen und Sachsen-Anhalt werden Paare aus Steuermitteln unterstützt, die sich die Behandlung nicht leisten können. Außerdem übernehmen die Kassen nur bei Ehepaaren einen Teil der Kosten. Gerade in Städten wie Berlin sind viele Paare nicht verheiratet. Es gibt keinen Hinweis, dass das Kindeswohl darunter litte.

Das Nobelpreiskomitee sagt, künstlich gezeugte Kinder hätten gesundheitlich keine Nachteile. Stimmt das?

Da kann ich dem Komitee nicht folgen. Kinder, die aus einer künstlichen Befruchtung hervorgingen, haben statistisch gesehen mehr Auffälligkeiten, vor allem Fehlbildungen im Bereich der ableitenden Harnwege, und kommen im Mittel auch früher zur Welt. Vielleicht liegt das an den Ursachen der Sterilität oder aber an dem Verfahren, vermutlich an beidem.

Die Fragen stellte Hartmut Wewetzer.

Im „Arztpraxenführer Berlin 2010/2011“ von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin finden Sie ein Kapitel zu Reproduktionsmedizinischen Praxen in Berlin. Das Buch kostet für Tagesspiegel-Abonnenten 9,80 Euro (Normalpreis: 12,80 Euro) und ist erhältlich unter www.tagesspiegel.de/shop oder per Telefon 030/29021-520.

HERIBERT

KENTENICH
(64),

Reproduktionsmediziner, ist Chefarzt an der Berliner DRK-Frauenklinik Westend sowie Mitbegründer des privaten Fertility-Centers Berlin.

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