Wirksam oder nicht : Das zähe Ende der Homöopathie

Seit 200 Jahren gibt es die Homöopathie. Aber klare Beweise für ihre Wirksamkeit fehlen bis heute. Nicht alle sehen sie deshalb als widerlegt an.

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Kraft der Kügelchen. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die homöopathische Arzneitherapie bei Kindern unter zwölf.
Kraft der Kügelchen. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die homöopathische Arzneitherapie bei Kindern unter zwölf.Foto: dpa

Schon das erste Experiment wirft Fragen auf. Als Samuel Hahnemann vor mehr als 200 Jahren die Homöopathie entwickelte, begann er mit dem „Chinarindenversuch“. Er nahm das Mittel, das damals bereits gegen Malaria eingesetzt wurde, zu sich und stellte fest, dass er alle Symptome der Malaria bekam. Daraus entwickelte er seine Ähnlichkeitsregel: dass Krankheiten durch Mittel bekämpft werden können, die bei Gesunden dieselben Symptome auslösen. Seine Reaktion auf die Chinarinde war aber offenbar sehr speziell. Denn die Beobachtung, dass Chinarinde die Symptome von Malaria auslöst, konnte nie wiederholt werden.

Dem Geburtsfehler zum Trotz entwickelte sich aus der Homöopathie in kurzer Zeit eine wichtige Richtung der Medizin. Millionen Menschen in Europa, Indien, Amerika schwören heute auf die Heilkraft der kleinen Kügelchen. Immer mehr Ärzte bieten auch in Deutschland eine homöopathische Behandlung an.

Dabei lässt sich die Theorie von Hahnemann kaum begründen. Seine Erklärung war simpel: Wenn im Körper zwei Krankheiten mit denselben Symptomen, aber unterschiedlichen Ursachen auftreten, dann heben sie sich auf. Doppelt krank ist gesund. Die moderne Medizin hat diesen Effekt nicht nachweisen können. Im Gegenteil: Symptome werden in der Regel verstärkt, wenn sie durch mehrere Ursachen ausgelöst werden. Deshalb sollten etwa Asthmatiker nicht rauchen.

Auch das andere Prinzip Hahnemanns, dass Mittel umso stärker wirken, je stärker sie verdünnt sind, ist mit der modernen Wissenschaft nicht vereinbar. So lässt sich leicht errechnen, dass sich schon nach wenigen Verdünnungsschritten kein Wirkstoffmolekül mehr im Fläschchen befindet. Wissenschaftler verballhornen die Vorstellung gerne mit der Idee eines homöopathischen Kaffees, eines Getränks, in dem kein Molekül Koffein vorhanden ist, das aber unendlich stark ist.

„Die Prinzipien der Homöopathie sind völlig unplausibel“, sagt Edzard Ernst, der an der Universität von Exeter in England eine Professur für Komplementärmedizin innehat. Ernst, der in München an einem Krankenhaus für Naturheilkunde arbeitete, stand der Homöopathie ursprünglich positiv gegenüber. „Ich war sehr beeindruckt von dem, was ich gesehen habe.“ Dann wandte er sich der wissenschaftlichen Erforschung der Alternativmedizin zu – und wurde enttäuscht.

Der Lackmustest für jede medizinische Intervention ist heute die klinische Studie. Dabei werden Patienten in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe erhält den zu untersuchenden Wirkstoff, die andere eine Zuckerpille ohne Wirkstoff. Keiner weiß, wer in welcher Gruppe ist. Am Ende wird untersucht: Wem geht es besser, wem nicht? Danach wird aufgelöst, wer den Wirkstoff erhielt und wer nur die Scheintherapie.

„Die Datenlage war nie besonders positiv, aber es gab einzelne Studien, die beachtlich waren, die gut gemacht waren und zu positiven Ergebnissen führten“, sagt Ernst. „Die ließen sich aber nicht wiederholen. In den letzten zehn Jahren haben sich immer mehr Studien angehäuft, die keinen Effekt der Homöopathie haben nachweisen können.“

Stefan Willich von der Charité sieht das anders. An seinem Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie gibt es einen Lehrstuhl zur Erforschung der Komplementärmedizin. Gestiftet wurde er von der Carstens-Stiftung, die die Homöopathin und Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, Veronica Carstens, zur Förderung von Naturheilkunde und Homöopathie ins Leben gerufen hatte. „Die Studien fallen ganz unterschiedlich aus, da gibt es kein einheitliches Bild“, sagt Willich. Bei einzelnen Indikationen sei die Homöopathie der Schulmedizin durchaus ebenbürtig, vor allem bei Kindern, die unter Durchfall oder Neurodermitis leiden. „Man kann sich immer aus einem gemischten Kuchen die Rosinen rauspicken“, erwidert Ernst. „Sie müssen sich die Gesamtdatenlage angucken. Das tut man in Metastudien, und die sind in den letzten zehn Jahren ohne Ausnahme negativ ausgefallen.“

In Metastudien werden die Ergebnisse zahlreicher klinischer Studien zusammengefasst. Dadurch haben sie eine besonders hohe Aussagekraft. Im September 1997 verursachte eine solche Metastudie zur Homöopathie großen Wirbel. Der deutsche Mediziner Klaus Linde kam darin zu dem Schluss, dass die Homöopathie im Mittel besser abschneide als eine Scheintherapie. Kritiker monierten, in die Veröffentlichung seien zahlreiche mangelhafte Studien eingeflossen. 1999 reagierte Linde mit einer zweiten Veröffentlichung, in der er nur die hochwertigsten Studien untersuchte. Das Ergebnis: „Es scheint wahrscheinlich, das unsere erste Metastudie den Effekt der Homöopathie mindestens überschätzt hat.“

Tatsächlich gibt es einen klaren Trend: Je hochwertiger die Studien sind, die herangezogen werden, desto schwerer fällt es, irgendeinen Effekt der Homöopathie nachzuweisen. Den Höhepunkt markiert eine Studie von Aijin Shang der Universität Bern, die im August 2005 im Fachmagazin „Lancet“ veröffentlicht wurde. Danach hat die Homöopathie denselben Effekt wie eine Scheintherapie. Das Magazin rief daraufhin das Ende der Homöopathie aus. Dem folgte auch ein Komittee des englischen Parlaments. In dessen Abschlussbericht heißt es, Homöopathie sei nutzlos, unplausibel und ethisch fragwürdig.

Aber das Ende verläuft zäh. „Ich sehe die Homöopathie nicht als widerlegt. Bei einigen Indikationen gibt es durchaus Effekte, die wir nicht erklären können“, sagt Willich. Klar sei nur, dass schwere Erkrankungen nicht nur homöopathisch behandelt werden dürfen. „Das wäre ein Kunstfehler.“ Bei leichteren Erkrankungen habe die Homöopathie aber den Vorteil, dass sie keine Nebenwirkungen habe. Viele Mediziner dürfte das an den Leitsatz der Pharmakologie erinnern: „Ein Mittel, das keine Nebenwirkungen hat, steht unter dem dringenden Verdacht, auch keine Hauptwirkung zu haben.“

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