Wissenschaftshistoriker Mark Geller : Die Lehren des babylonischen Medicus

Der Wissenschaftshistoriker Mark Geller erforscht in Berlin Medizin und Magie des Alten Orients. Dafür bekam er jetzt über zwei Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat.

Mark Geller
Zeichen und Wunder. Mark Geller arbeitet mit Abschriften von Keilschrifttafeln und aramäischen Texten aus dem Babylonischen...Foto: Mike Wolff

Jeden Mittwoch werden der Altorientalist Mark Geller, 64, und seine Doktoranden zu Detektiven. Geller holt seine Zeichnungen antiker Keilschrifttafeln aus einer schwarzen Mappe, setzt sich mit seinem Team um den ovalen Tisch in der Mitte seines Büros, und alle beugen sich über die Papiere. Die Texte, mit denen sie sich befassen, verlangen solche Rituale und Routinen. Die rund 4000 Jahre alten Schriften zu entschlüsseln und ihnen Zeichen für Zeichen Erkenntnisse über das Leben im antiken Babylon zu entlocken, erfordert unendlich viel Zeit und Geduld.

Seit drei Jahren forscht Mark Geller, gebürtiger Amerikaner, an der Freien Universität (FU) über Heilkunde in Mesopotamien. Er ist Gastprofessor am Exzellenzcluster Topoi, unter dessen Dach Wissenschaftler von FU, HU und verschiedenen außeruniversitären Einrichtungen die Transformation von Wissen in der Antike erkunden. Er ist gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Anthropologin Florentina Badalanova Geller, an die FU gekommen, sie arbeiten ein paar Büros voneinander entfernt.

Geller, ein freundlicher Mann mit grauem Bart und runder Brille, gilt als Pionier auf seinem Fachgebiet. Er hat die erste umfassende Abhandlung über Medizin in Mesopotamien verfasst. Jetzt hat er Fördergelder in Höhe von über zwei Millionen Euro aus dem Topf des Europäischen Forschungsrats (ERC) gewonnen. Ein großer Erfolg, denn solche Orchideenprojekte der geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung hat der ERC bislang kaum gefördert.

Medizin und Magie waren eng verwoben

In seinem Buch konnte Mark Geller belegen, dass Medizin und Magie in Babylon viel enger verwoben waren als bislang bekannt. Zwei Berufsstände beschäftigten sich in Mesopotamien mit Kranken, sagt Geller: Beschwörer und Ärzte. Die Babylonier glaubten, dass Dämonen oder wütende Götter einen Menschen mit Krankheit bestrafen. Beschwörer waren Priestern gleichgestellt, sie versuchten, die Kranken durch Zauber von ihrem Leiden zu befreien. Geller glaubt, dass die Beschwörer damit eine wichtige psychologische Funktionen erfüllten: „Sie kümmerten sich um die geistige Gesundheit der Patienten.“

Die Ärzte im alten Babylon ähnelten eher freischaffenden Apothekern, sie linderten die Symptome mithilfe von Salben oder Pulvern, die sie aus Samen, Wurzeln oder Ölen herstellten. Viele Rezepte sind dank der Keilschrifttafeln überliefert. Welche Pflanzen oder Mineralien die Babylonier in den Rezeptanleitungen beschreiben, wissen Geller und seine Fachkollegen aber nicht, weil sich die Begriffe nicht genau übersetzen lassen.

Die babylonische Medizin kam ohne Instrumente und Chirurgie aus. Weil die Babylonier aus Angst vor ansteckenden Krankheiten und vermutlich auch aus religiösen Gründen Leichen nicht aufschnitten, besaßen sie keine Kenntnisse über die Anatomie des Menschen. „Die Babylonier wussten mehr über die Anatomie von Schafen als über den menschlichen Körper“, schreibt Geller in seinem Buch. Trotzdem glaubt er, dass die Menschen in Mesopotamien durch Ausprobieren wirksame Heilmittel entwickelten.

Geller sucht in jüdischen Texten nach Hinweisen zur Keilschrift

Mit seinem neuesten Projekt, das nun der Europäische Forschungsrat fördert, möchte Geller die Medizin der Babylonier noch tiefer erkunden. Und er möchte belegen, dass die Keilschrift viel länger verbreitet war als bislang angenommen. Hinweise hofft er in jüdischen Texten wie dem Babylonischen Talmud zu finden. Diese sind auch auf Aramäisch überliefert, einer Sprache, gebräuchlich in der Zeit Jesu, die den in Keilschrift niedergeschriebenen Sprachen nachfolgte. Wenn es ihm gelänge, Begriffe und Ideen aus der Zeit der Keilschrift in aramäischen Texten nachzuweisen, wäre das ein Beleg für das längere Überleben der Keilschrift, glaubt Geller.

Geduld gehört zu den wichtigsten Tugenden eines Altorientalisten. Zehn Jahre hat Geller gebraucht, um die Keilschrift zu erlernen. Er vergleicht das mit der Ausbildung eines Musikers, der auch erst mühsam üben muss, bis er sein Instrument beherrscht. Zu Beginn seiner Laufbahn widmete er sich einer Serie sumerischer Tontafeln, auf denen die Babylonier Beschwörungsformeln gegen böse Dämonen festgehalten haben. Jahrelang lagen ihm nur ein paar schlechte Schwarz-Weiß-Fotos der Tafeln vor, die Originale ruhten im Archiv des Archäologischen Museums in Istanbul. Aber Geller wusste: Wenn er die Texte wirklich verstehen wollte, müsste er irgendwann die echten Tafeln sehen. Nach zähem Ringen bekam er schließlich die Erlaubnis, im Istanbuler Museumsdepot zu forschen. Andernfalls wäre die Arbeit von sechs Jahren umsonst gewesen, sagt er.

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Geboren wurde Geller in Texas, die Mutter war Wienerin, der Vater Rabbi in achter Generation. Neben klassischer Philologie studierte Geller Judaistik. Doch Hebräisch hatte er ja schon seit seiner Kindheit gelernt, die wahre Herausforderung entdeckte er in der Keilschrift, über die sich Sprache, Geschichte und Kultur des Alten Orients vermittelt. In Altorientalistik unterrichtet wurde er in den 70er Jahren von Wilfried George Lambert an der University of Birmingham, berühmt für seine Entdeckungen zum Gilgamesch-Epos.

Bis 2018 kann Geller in Berlin bleiben

Jeden Dienstag um halb elf trafen sich die beiden zum Kaffee und zum Studium, nie verpasste Geller einen Termin. Nur einmal, als seine erste Frau hochschwanger war, musste Geller absagen. Lambert, „ein exzentrischer Brite“, fragte später nie nach dem Kind. „Wir haben immer nur über unsere Texte gesprochen.“ Der Ursprung eines Rituals, das Geller heute mit seinen Doktoranden an der Freien Universität pflegt.

Nach dem Studium in Princeton, Brandeis und an der Hebrew University in Jerusalem fand Geller in Großbritannien eine dauerhafte wissenschaftliche Heimat, am University College London (UCL) leitet er das Institute of Jewish Studies. Immer wieder haben ihn Universitäten und Forschungseinrichtungen aus ganz Europa zu sich geholt, darunter die LMU München und das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Vor drei Jahren stellte ihn das UCL für die Mitarbeit bei Topoi frei, bis 2018 kann er bleiben.

Die Fördersparte, in der Geller den Europäischen Forschungsrat nun überzeugt hat, unterstützt „Hochrisiko-Projekte“, die auf bahnbrechende Forschungsergebnisse hoffen lassen. Der Nachweis, dass die Keilschrift viel länger überlebt hat als gedacht, wäre so ein Vorstoß. Es ist in jedem Fall ein ambitioniertes Vorhaben – mit offenem Ende, wie Geller sagt. Mit dem Geld des ERC finanziert er in den kommenden fünf Jahren zwei Doktoranden- und vier Post-Doc-Stellen. Jeder seiner Mitarbeiter soll eine Monografie über ein Gebiet der babylonischen Medizin verfassen – etwa über Lungenleiden, Gynäkologie oder Impotenz.

Geller kann sich gut daran erinnern, was er dachte, als er in den Siebzigern zum ersten Mal nach London kam und Zugang zum Archiv des British Museum erhielt. Er sei sich vorgekommen wie in einer Schatzkammer, erzählt er, „massenhaft Tontafeln, die noch niemand studiert hat“. Noch heute, 40 Jahre später, fühle sich die Entschlüsselung jedes Satzes aus dem Alten Orient für ihn an wie eine große Entdeckung. „Es ist, als würde das Altertum zu mir sprechen.“

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