Wohnungsmangel bei Studierenden : Obdachlos zum Semesterstart

Die Wohnungsnot für Studierende in Berlin hat sich zum Wintersemester noch einmal verschärft. 2500 junge Menschen warten auf einen Wohnheimplatz.

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Platz zum Wohnen. Eine Studentin hat im privaten Studentendorf Plänterwald ein Zimmer gefunden. Viele andere suchen noch.
Platz zum Wohnen. Eine Studentin hat im privaten Studentendorf Plänterwald ein Zimmer gefunden. Viele andere suchen noch.Foto: picture alliance / dpa

Die Zeit drängt. „Student sucht dringend kleine Wohnung“, schreibt der angehende Architekt Johannes auf der Internetplattform WG-Gesucht.de. Große Ansprüche hat er nicht, „man sollte schlafen und lernen können“. Tom hat zum Semesterstart in Berlin ebenfalls noch keine Wohnung. „Dringend: Nette WG für netten Studenten gesucht“, inseriert der 28-Jährige. Darunter ein Bild von ihm mit Kaffeetasse. Und auch Katharina, eine 25-jährige Kulturwissenschaftsstudentin, braucht ein Zimmer. „Jetzt, hier, ab sofort mit guten Menschen.“

Die Wohnungsnot für Berliner Studierende ist zum Start des Wintersemesters in der kommenden Woche noch größer als in den vergangenen Jahren. „Die Situation hat sich drastisch verschärft“, sagt Jürgen Morgenstern, Sprecher des Berliner Studentenwerks. Etwa 2500 Studierende warten derzeit auf einen Wohnheimplatz. Das sind 900 mehr als im Vorjahr. Wer auf eines der insgesamt 9400 Zimmer hofft, braucht Geduld: Die Wartezeiten betragen je nach Lage bis zu 24 Monate.

Zahl der Studierenden steigt kontinuierlich

Das Problem zeichnet sich bereits seit mehreren Jahren ab: In Berlin ist die Zahl der Studierenden kontinuierlich gestiegen. Auch wenn die endgültigen Zahlen noch nicht vorliegen, schätzt Morgenstern, dass ab dem kommenden Wintersemester 180 000 Menschen in Berlin studieren werden. 2011 waren es noch 152 000. Aktuell stünde demnach für nicht einmal sechs Prozent der Studierenden ein Wohnheimplatz zur Verfügung. Bundesweit liegt der Durchschnitt laut Morgenstern bei zehn Prozent.

Um die Wohnungsnot für Studierende zu lindern, hat der Senat im Juli nach langen Diskussionen den Bau von 5000 Wohnplätzen beschlossen. Dabei sollen die städtischen Wohnungsbaugesellschaften 2800 Wohnplätze errichten, die Fertigstellung ist für das Jahr 2018 geplant. Auch das landeseigene Unternehmen Berlinovo plant den Bau von 2500 Apartments und 300 Wohngemeinschaftsplätzen. Diese werden nicht vor 2017 fertig.

„Die Idee, 5000 neue Wohnungen für Studierende zu bauen, lag schon seit mehr als zwei Jahren auf dem Tisch“, kritisiert Wibke Werner, Mitarbeiterin der Geschäftsführung im Berliner Mieterverein. „Viel Zeit ist verloren gegangen, weil der Senat den Beschluss dazu erst in diesem Jahr gefällt hat.“ Ein Streitpunkt ist zudem, ob auch das Berliner Studentenwerk neue Wohnheime errichten sollte. Momentan ist das nicht möglich, weil es als Anstalt des öffentlichen Rechts für den Bau selbst keine Kredite aufnehmen darf.

Konkurrenzkampf um kleine, preiswerte Wohnungen

Zur Verschärfung der Lage auf dem studentischen Wohnungsmarkt trägt auch bei, dass in Berlin immer mehr Menschen um kleine, günstige Wohnungen konkurrieren. „Minijobber, ALG-II-Empfänger, Rentner, Auszubildende – das ist ein nicht unerheblicher Teil der Berliner Bevölkerung“, sagt David Eberhart vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). Dazu kämen nun Asylbewerber mit anerkanntem Status, die in Berlin eine Wohnung suchen.

Für viele Studierende ist deshalb die Wohngemeinschaft eine Alternative zur eigenen Wohnung. Doch auch hier ist die Konkurrenz groß: Auf WG-Gesucht.de erhält ein Angebot im Durchschnitt etwa 30 Zuschriften. In Neukölln sind es sogar 77. Auf ein besonders günstiges Zimmer in attraktiver Lage kommen teilweise mehrere hundert Interessenten. Dagegen sind Bezirken außerhalb des S-Bahnrings deutlich weniger nachgefragt. In Johannistal oder Niederschönhausen etwa erhält ein Angebot im Schnitt nur 13 Anfragen. „Studenten, die kurzfristig etwas suchen, sollten bereit sein, Kompromisse einzugehen“, sagt Annegret Mülbaier, Pressesprecherin von WG-Gesucht.de.

Anderswo ist es noch schlimmer

Auch Morgenstern vom Studentenwerk rät dazu, sich außerhalb des S-Bahnrings umzusehen. Dort betragen die Wartezeiten für einen Wohnheimplatz oft nur zwei bis drei Monate. Preislich lägen diese außerdem deutlich unter den voll ausgestatteten Wohnheimen in Uni-Nähe. So koste ein Wohnheimplatz direkt an der TU bis zu 340 Euro monatlich. Durchschnittlich seien es 219 Euro.

Trost für Berliner Studierende kann nur der Blick in andere Städte bringen: In München und Frankfurt ist die Lage noch einmal angespannter, wie ein bundesweites Ranking des Immobilienentwicklers GBI AG ergab. Berlin taucht im Ranking erst auf Platz 7 auf.

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