Zum Tod der Historikerin Brigitte Hamann : Akribische Enthüllungen

Die österreichische Historikerin Brigitte Hamann wurde mit ihrer Dissertation über Kronprinz Rudolph bekannt, es folgten Bestseller unter anderem über Hitler und Sissi.

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Ein Porträt der Historikerin Brigitte Hamann.
Brigitte Hamann (1940 - 2016).Foto: dpa

Mitunter mischen sich bei Sachbüchern, die für die Bestsellerlisten geschrieben werden, Fakten und Fiktion. Warum aus mühsam zu entziffernden Urkunden oder staubtrockenen Akten zitieren, wenn es doch wesentlich interessanter ist, sich auszumalen, was in den Köpfen von, sagen wir, Nero, Karl dem Großen oder Wittgenstein passiert?

„Der Leser soll sich also gefälligst selbst bemühen, das Riesenknäuel von Wahrheit und Dichtung zu entwirren“, empörte sich Brigitte Hamann 1998 im Tagesspiegel. „Wahrscheinlich ist das ganze Buch ohnehin nur ein großer Spaß des Autors, der testen will, was sich Buchkäufer an falschen Märchen so alles andrehen lassen.“ Um welches Buch es in ihrer Suada ging, darüber schweigen wir lieber. Es ist ohnehin längst vergessen.

Ihre These zu Hitler: Er war österreichischer als vermutet

Damals war Hamann gerade mit ihrem Buch „Hitlers Wien“ berühmt geworden. Hitler, so ihre These, war österreichischer als bis dato vermutet. Der spätere Diktator hatte von 1908 bis 1913 als Mischung aus Stadtstreicher und Bohemien in Wien gelebt, drei Jahre davon im Männerheim Brigittenau, das sich zum Großteil aus Spenden wohlhabender jüdischer Familien finanzierte. Als Künstler scheiterte er an der Aufnahmeprüfung für die Akademie. In den Wiener Jahren formte sich seine spätere Ideologie, ihre Bestandteile entstammten den Schriften der alldeutschen Sekten und Splittergruppen, deren Parolen der Berufspolitiker beinahe wörtlich in seinen Reden wiederholen sollte.

Hitler sah sich als germanischer Messias. Kein „normaler Politiker“, sei er gewesen, so Hamann, sondern von der Überzeugung getrieben, „dass das deutsche Volk erlöst werden muss“.

Hamann wühlte tief in der Asche des verglühten k.u.k. Reiches

Hamann, 1940 in Essen geboren, war im Anschluss an ihr Münsteraner Geschichtsstudium und eine Zeit als Ruhrgebiets-Journalistin nach Wien gezogen, wo sie den Historiker Günther Hamann heiratete, dessen Hochschulassistentin sie wurde. Gleich ihre Doktorarbeit über den Kronprinzen Rudolf wurde, um die Hälfte auf 500 Seiten gekürzt, ein Publikumserfolg. Der Selbstmord des Prinzen mit einer jungen Baroness auf Schloss Mayerling zählt bis heute zu den österreichischen Nationalmythen. Oder hat er sie ermordet? Hamann lieferte unbekannte Fakten, unter anderem, dass Rudolf als Julius Felix liberale Texte für das „Neue Wiener Tagblatt“ geschrieben hatte.

Hamann wühlte tief in der Asche des verglühten k.u.k. Reiches, veröffentlichte eine Biografie über die als „Sisi“ verkitschte Kaiserin Elisabeth und ein Kinderbuch über Maria Theresia. Sie schrieb das enthüllende Buch „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“ und stritt für die Öffnung des Wagner-Archivs. Am Dienstag ist die Historikern gestorben, die akribischer arbeitete und besser schreiben konnte als viele Professoren. Sie wurde 76 Jahre alt.

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