Zum Tod des Germanisten Eberhard Lämmert : Ein Diplomat der Literatur

Mit Eberhard Lämmert, der jetzt mit 90 Jahren in Berlin gestorben ist, verliert die deutsche Germanistik einen herausragenden Kopf. An sein Wirken auch als Präsident der Freien Universität und als "Diplomat der Literatur" erinnert der heutige FU-Präsident Peter-André Alt.

Peter-André Alt
Eberhard Lämmert.
Eberhard Lämmert (1924-2015).Foto: Mike Wolff

Vor hundert Jahren mussten Germanisten, die an der Universität Karriere machen wollten, das ganze Spektrum ihrer Disziplin ausmessen. Von ihnen wurde erwartet, dass sie Sprachgeschichte, ältere und neuere Literatur gleichermaßen beherrschten. Das war gemeint, wenn es mit einer bis heute verbreiteten Formel hieß, Professoren hätten das Fach „in seiner ganzen Breite“ zu vertreten. Eberhard Lämmert, der am Sonntag in Berlin neunzigjährig verstorben ist, gehörte zu den Letzten, die der hier formulierten Erwartung noch gerecht wurden.
Als Germanist und Komparatist hat Lämmert seit seiner zum Standardwerk gewordenen Dissertation über Bauformen des Erzählens (1955) die ganze Bandbreite des deutschen und europäischen Literaturkanons ab dem Mittelalter durchschritten. Seinem Selbstverständnis als Vertreter des Fachs Deutsche Philologie entsprach es, dass er sich nach einer neugermanistischen Dissertation 1960 in Bonn mit einer Untersuchung über Reimsprecherkunst im Spätmittelalter habilitierte. Das war schon damals, im Anschluss an eine Arbeit zur neueren Erzähltheorie, durchaus ungewöhnlich und verriet viel über das fachliche Selbstverständnis, das Eberhard Lämmert vertrat.

Lämmert war ein Meister des Beziehungsdenkens

In seinen Arbeiten hat Lämmert stets die Gesamtheit des europäischen Literatur-Ensembles beleuchtet. Die Legitimation für diesen hohen Anspruch liegt in der Sache selbst. Wer die Welt der Fiktion analytisch erfassen möchte, benötigt ein profundes Wissen über die Querverbindungen und Netzwerke, die sie ausbildet. Er muss die verschlungenen Strebungen und Gitterlinien kennen, die Texte miteinander verknüpfen und in ein manchmal schwebendes, manchmal stabiles Gefüge von Korrespondenzen versetzen. Lämmert war ein Meister des Beziehungsdenkens, der eine umspannend gelehrte Literaturwissenschaft als vergleichende Philologie betrieb.
Nach Professuren in Berlin und Heidelberg kehrte Eberhard Lämmert 1976 an die Freie Universität zurück – in der Doppelfunktion als ihr Präsident und Ordinarius. Der Weg in die Hochschulpolitik verlief bei ihm über die Beschäftigung mit der Geschichte der Deutschen Philologie und ihrer zahlreichen Verirrungen, auch jenen zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Erforschung der Fachgeschichte führte Lämmert zur Rolle des öffentlichen Intellektuellen, des kritischen Reformators und Gestalters. Aus ihr hat er ab Mitte der 60er Jahre die Konsequenz gezogen und in wachsendem Umfang Verantwortung für Institutionen übernommen.

Die FU befand sich in heilloser politischer Zerrüttung

Als Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes (1964-1976), als Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft, als Kuratoriumsmitglied und Angehöriger des Vorstands im DAAD (1970-1999), als Chef der Deutschen Schillergesellschaft (1988-2002) und, nicht zuletzt, als Präsident der Freien Universität (1976-1983) hat Lämmert sein intellektuelles Gewicht und seinen Einfluss auf institutioneller Ebene zur Geltung gebracht. Er tat das, in oft schwierigen Zeiten, mit der festen Überzeugung, dass Dialog und Diskurs auch im politischen Feld die einzig angemessenen Formen der Auseinandersetzung beim Ringen um die richtigen Argumente und die besten Lösungen sind. Er hat dabei, geduldig und eloquent, fair und offen, zahlreiche Konflikte moderiert, Kompromisse auch in kompliziertesten Konstellationen gefunden und sich höchstes Ansehen als Hochschulpolitiker, Reformator und Impulsgeber erworben.

Eberhard Lämmert in jüngeren Jahren.
In seiner Zeit als FU-Präsident von 1976 bis 1983 gelang es Lämmert, die Universität aus jahrelangen Dauerquerelen zu befreien.Foto: Freie Universität

Die Freie Universität befand sich, als sie ihn 1976 zu ihrem Präsidenten wählte, in einer Situation heilloser politischer Zerrüttung. Denunziationen, Intrigen, öffentliche Anfeindungen, Dauerstreiks und Gesinnungsterror von links wie rechts ließen einen geregelten Lehrbetrieb in diesen Jahren kaum noch zu. Gemeinsam mit Peter Glotz, der seit 1977 als Wissenschaftssenator in Berlin wirkte, trat Lämmert für ein neues Hochschulrahmengesetz ein, das eine verfasste Studierendenschaft vorsah, zugleich aber auf eine Verkürzung der exorbitant angewachsenen Studienzeiten zielte. Durch engagierten Einsatz gelang es Lämmert, die Freie Universität aus ihren jahrelangen Dauerquerelen zu befreien und die Berufungspolitik am Maßstab strikter Qualität neu zu entwickeln. Als er 1983 die Leitungsfunktion abgab, war es ihm geglückt, das akademische Leben zu konsolidieren, ohne kritische Ideen zu unterdrücken.

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