50 Jahre Anwerbeabkommen : Türkischstämmige Berliner nehmen Diskriminierung nicht mehr hin

22.10.2011 00:00 Uhrvon
Echter Berliner. Die Kinder und Enkel der türkischen Berliner, die einst als Gastarbeiter in die Stadt kamen, fühlen sich hier längst zu Hause – und bekennen sich dennoch selbstbewusst zu ihren familiären Wurzeln. Foto: dpa
Echter Berliner. Die Kinder und Enkel der türkischen Berliner, die einst als Gastarbeiter in die Stadt kamen, fühlen sich hier längst zu Hause – und bekennen sich dennoch... - Foto: dpa

Auch 50 Jahre nach dem Anwerbeabkommen werden türkischstämmige Berliner benachteiligt. Doch immer weniger nehmen Diskriminierungen im Alltag klaglos hin.

Es war ein Versehen, dass der Besitzer eines Gewerbegrundstücks in Moabit das Fax nicht an seinen Partner, sondern an ein von türkischstämmigen Berlinern geleitetes Taxiunternehmen schickte, das die Immobilie mieten wollte. „Da war die Rede von osmanischen Besatzern, die man im Gegensatz zu den Alliierten leider nicht mehr los würde – wir dachten, wir lesen nicht richtig“, erzählt ein Geschäftsführer der Taxifirma: „Man vermutet ja schon hin und wieder ethnische Ressentiments, aber dass sie so offen dargelegt werden, ist selten.“

In dem Fax stand auch, dass der Grundstücksbesitzer, ein Handwerksmeister, ein großes Maklerbüro mit der Suche nach einem Mieter beauftragt habe – und zwar ausdrücklich mit der Maßgabe, dass es sich dabei um „keine Osmanen und Co“ handeln dürfe.

Er sei nicht bereit, in dieser Hinsicht Zugeständnisse zu machen, hieß es in dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, „egal, ob das rassistisch oder sonst etwa angebliches ausländerfeindliches Verhalten ist“.

Der Fall, der auch von türkischen Zeitungen aufgegriffen wurde, erregt auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil er genau in die Wochen der Feiern anlässlich des am 30. Oktober 1961 unterzeichneten Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Türkei fällt. Auch wenn der türkenfeindliche Handwerksmeister, der auf Nachfrage des Tagesspiegels sagte, er stehe zu dem Schreiben, keinesfalls repräsentativ ist, erleben türkischstämmige Berliner selbst 50 Jahre nach Beginn der Einwanderung immer noch Diskriminierungen.

Erst vor zwei Jahren stellte der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann eine von ihm betreute empirische Studie der Sozialwissenschaftlerin Emsal Kilic an der Humboldt-Universität vor. Darin hatten sich eine deutsche und eine türkische Frau mit nahezu gleichen ökonomischen Voraussetzungen um freie Wohnungen in Wilmersdorf und Neukölln beworben. Der türkischen Frau wurde keine einzige Wohnung in Wilmersdorf angeboten, der deutschen Frau ein halbes Dutzend.

„Das sind keine Einzelfälle“ behauptet Grünen-Politiker Özcan Mutlu, an den sich türkischstämmige Berliner oft mit ähnlichen Erfahrungen und Beschwerden richten. „Immerhin tun sie es inzwischen“, sagt Serdar Yazar, Sprecher des Türkischen Bunds in Berlin-Brandenburg. Er kennt den Fall von Moabit, aber auch andere Beispiele für alltägliche Diskriminierungen durch Behörden.

Da habe sich in den vergangenen Jahren nicht viel verbessert, meint Yazar, aber immer mehr türkischstämmige Berliner begehrten inzwischen dagegen auf: „Die haben begriffen, dass sie nicht nur Gäste sind, sondern die gleichen Rechte haben wie alle Berliner. In Sachen wirklicher Gleichberechtigung erleben wir erst jetzt, 50 Jahre nach dem Anwerbeabkommen, die Stunde null.“

Das liegt auch daran, dass in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), besser bekannt als Antidiskriminierungsgesetz, in Kraft ist. Danach sind Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Lesen Sie auf Seite 2, in welchen Bereichen türkischstämmige Berliner subtiler diskriminiert werden

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