Ahmet Külahci, Redaktion Hürriyet : "Türken sind besser integriert als Ossis"

Seit 40 Jahren wird die türkischsprachige Zeitung Hürriyet in Berlin verkauft. Redaktionschef Ahmet Külahci sagt, dass viele seiner Landsleute den Deutschen immer ähnlicher werden.

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Ahmet Külahci -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Külahci, angefangen hat Hürriyet vor 40 Jahren als Blatt für Gastarbeiter. Brauchen Türken in Berlin heute noch eine Zeitung aus der Heimat?



Ich glaube nicht, dass hierzulande in den nächsten 40 Jahren noch Medien aus der Türkei gefragt sein werden. Unsere Auflagen haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren auf 36 000 in Deutschland halbiert. Das finde ich ganz normal, die Leute konsumieren mehr und mehr deutsche Medien. Aber solange Themen wie Zuwanderung, Staatsbürgerschaft oder Diskriminierung von Einwanderern dort vernachlässigt werden, wird noch zu türkischen Zeitungen gegriffen.

Wer hat sich inzwischen besser integriert in der Bundesrepublik, die Türken oder die Ossis?

Die Türken.

Woran machen Sie das fest?

Laut Umfragen und Studien loben viele Menschen aus den neuen Bundesländern immer noch das DDR-System und haben Schwierigkeiten mit der Demokratie. Sehr viele Leute aus dem Osten sind mit der Bundesrepublik unzufrieden. Die meisten Türken dagegen leben gern hier.

Ein Kollege schrieb einmal in der „Zeit", Ossis seien die neuen Türken in Deutschland. Können Sie den Vergleich nachempfinden?


Nein. Die DDR-Bürger hatten ganz andere Startbedingungen in der Bundesrepublik als wir Türken. Auch wenn sich Ost- und Westdeutsche ein wenig auseinandergelebt hatten, sind ja beide Gruppen Deutsche und kennen keine Sprachschwierigkeiten. Es kann natürlich sein, dass die Westdeutschen damals die „Ossis“ betrachtet haben wie neue Türken. Das schon.

Was hat der türkische Berliner mit einem waschechten Berliner gemeinsam?

Beide gehören zur gleichen Schicksalsgemeinschaft – sie kennen das Eingemauertsein. Außerdem werden viele Türken, vielleicht ohne es zu merken, immer deutscher. Sie ärgern sich zum Beispiel, wenn jemand bei Rot die Ampel überquert oder unpünktlich ist. Das war früher total unwichtig.

Was hat sich für die Türken nach der Wende verändert?

Damals sind viele Arbeitsplätze in Berlin weggefallen, weil Subventionen gestrichen wurden. Türken waren besonders betroffen, weil sie zuerst gekündigt wurden. Abgesehen davon ist eigentlich nicht viel passiert. Die meisten Türken leben nach wie vor in Westberlin. Vielleicht gibt es da noch eine Sache: Ich glaube, sie sind flexibler in ihren Ansichten geworden. Die Menschen aus der Türkei hatten Vorbehalte gegen den Sozialismus. In den 90ern haben dann viele erlebt, dass die Leute aus dem anderen System gar nicht so anders sind als sie selbst.

Die ersten türkischen Gastarbeiter kamen nach dem Anwerbeabkommen von 1961, viele sind geblieben. Wie geht es den Türken in Berlin heute?


Viel besser als in den achtziger Jahren. Das sieht man daran, dass sie nicht mehr in erster Linie als Fabrikarbeiter wahrgenommen werden. Inzwischen gibt es sehr gut ausgebildete, erfolgreiche Türken. Allein in Berlin haben sie neuntausend Unternehmen gegründet, viele sitzen als Abgeordnete in Parlamenten. Aber das muss noch besser werden. Es gibt ja weiterhin enorme Defizite: Viele sind arbeitslos und die Bildungsprobleme unter Jugendlichen sind groß.

Wie haben Sie persönlich den Mauerfall erlebt?


Ich habe damals in Bonn gearbeitet und war total überrascht von den Bildern im Fernsehen. Ich bin in einen Zug gesprungen und hergereist, um für die Hürriyet zu berichten. In Kreuzberg habe ich beobachtet, wie Türken gefeiert und ihnen völlig unbekannte Deutsche umarmt haben. Am Maybachufermarkt haben sie denen von Drüben Obst und Gemüse geschenkt. Für die türkischen Berliner war das ein Festtag, so wie für alle. Für mich war es ein wahnsinnig spannender Augenblick im Leben.

Was unterscheidet Ihre Arbeit von der Ihrer deutschen Kollegen?


Eigentlich nichts. Wir berichten in Berlin über gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Themen, wie andere auch. Aber wir haben natürlich die Themen stärker im Blick, die türkischstämmige Bürger in der Stadt interessieren. Damals, als die Berliner Herbert-Hoover-Schule die Regel einführte, dass auf dem Schulhof nur noch Deutsch gesprochen werden soll, waren wir die Ersten, die darüber berichtet haben.

Sie nannten das „Türkischverbot“.


Aus unserer Sicht war das auch eins.

Herr Külahci, die Hürriyet hat seit 40 Jahren eine eigene Ausgabe in Deutschland. Ist die Zeitung heute ein deutsches oder ausländisches Medium?

Rechtlich gesehen sind wir ein inländisches Medium, nicht anders als die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ. Viele Politiker in Berlin lassen die Hürriyet auswerten. Aber die meisten Menschen nehmen uns als ausländische Zeitung wahr. Das finde ich auch nicht falsch.

Das Gespräch führte Ferda Ataman

Ahmet Külahci, 59, leitet seit zehn Jahren die Hürriyet-Redaktion in Berlin. Vor 36 Jahren kam er aus der Türkei nach Deutschland. Seit den 80er Jahren arbeitet er als Journalist in Berlin.

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