Antisemitischer Vorfall in Berlin : "Brief der Eltern ist ein Dokument des Versagens"

Eltern der Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau hatten nach dem Übergriff auf einen jüdischen Schüler Stellung bezogen. Das Schreiben sei eine Beleidigung, meint Sergey Lagodinsky, Jurist und mit den Eltern des Schülers in Kontakt.

Sergey Lagodinsky
Zwei Jungen mit Kippa.
Zwei Jungen mit Kippa.Foto: dpa/ Daniel Bockwoldt

Eltern, deren Kinder auf die Friedenauer Gemeinschaftsschule gehen, hatten sich in einem Leserbrief an den Tagesspiegel gewandt. Anlass ist die Berichterstattung über den antisemitischen Vorfall an der Schule: Ein jüdischer Junge hatte die Schule verlassen, nachdem er von Mitschülern antisemitisch beleidigt und attackiert worden war. 

Auf das Schreiben der Eltern hat nun Sergey Lagodinsky reagiert. Er ist Leiter des Referats EU/Nordamerika der Heinrich-Böll-Stiftung und steht in Kontakt mit der Familie des betroffenen Schülers. Sein Beitrag erschien zuerst auf seiner Facebook-Seite:

"Dieser Brief ist ein Dokument des Versagens. Ich habe das Glück und das Privileg, mit der betroffenen jüdischen Familie im Kontakt zu sein. Das sind weltoffene Menschen, die für Vielfalt und Toleranz für alle kämpfen. Meine Solidarität gilt ihnen und dem Jungen, der einfach toll ist!

Dieser Brief hingegen ist m.E. eine Beleidigung für die Betroffenen und für ihren Leidensweg, der in Wirklichkeit viel schlimmer ist, als bisher berichtet.

Hier meine kommentierte Zusammenfassung des Briefes der Schuleltern aus der besagten Friedenauer Gemeinschaftsschule:

1) Es habe einen (!) unglücklichen Vorfall gegeben 
(Lagodinsky: Schon alleine das stimmt nicht! Es gab nach meinen Infos qualvolle Monate von Vorfällen!);

2) Die Schule sei ansonsten "Vorreiter und Vorbild für zahlreiche Projekte, die für Toleranz" stehen.
(Lagodinsky: Diese scheinen auch höchst erfolgreich gewesen zu sein);

3) Die Berichterstattung sei "erschreckend unreflektiert und einseitig" 
(Lagodinsky: Die Schuldigen sind also ausgemacht - die Presse!);

4) Denn: Erstens, die Schule sei multikulturell und zweitens es herrsche Nahostkonflikt zwischen "Juden und Arabern", also sei keiner vor "religiös motivierten Auseinandersetzungen" gefeilt 
(Lagodinsky: es sind keine religiös motivierten Auseinandersetzungen, es sind antisemitische Angriffe!).

5) "Leidtragende" durch die "rufschädigende" Berichterstattung "seien dabei in erster Linie die Kinder der Schule" 
(Lagodinsky: Auch die Opfer scheinen ausgemacht zu sein und das sind nicht die Opfer des Antisemitismus!)

6) Das Wort Antisemitismus kommt im Brieftext zum ersten und einzigen Mal im letzten formelhaften Bekenntnissatz und dort in einem Atemzug mit Antiislamismus, Rassismus und Gewalt. Das Wort JUDE kommt ein einziges Mal vor, und zwar in der Formulierung "Konflikt zwischen Arabern und Juden".

Schade, hier scheint jemand eine wichtige Chance zu verpassen..."

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

104 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben