Antisemitischer Vorfall in Berlin : Eltern der Friedenauer Schule nehmen Stellung

Die Elternschaft der Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau ist "fassungslos" angesichts des Übergriffs auf einen jüdischen Schüler. Wir dokumentieren hier den Brief der Eltern.

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Nur in jüdischen Schulen können sich jüdische Kinder völlig angstfrei zu ihrem Glauben bekennen.
Nur in jüdischen Schulen können sich jüdische Kinder völlig angstfrei zu ihrem Glauben bekennen.Foto: Imago

Eltern, deren Kinder auf die Friedenauer Gemeinschaftsschule gehen, haben sich in einem Leserbrief an den Tagesspiegel gewandt. Anlass ist die Berichterstattung über den antisemitischen Vorfall an der Schule: Ein jüdischer Junge hatte die Schule verlassen, nachdem er von Mitschülern antisemitisch beleidigt und attackiert worden war. Der Fall hatte ein großes Medienecho ausgelöst und eine Diskussion darüber ausgelöst, wie verbreitet Antisemitismus an Schulen ist - besonders bei Jugendlichen, die muslimisch sozialisiert sind.

Die Eltern schreiben: "Wir sind bestürzt über den Übergriff auf den Jungen und fühlen sowohl mit ihm als auch mit der Familie mit. Gleichzeitig sind wir fassungslos darüber, dass ein solcher Vorfall ausgerechnet an einer Schule passiert ist, die in unseren Augen Vorreiter und Vorbild für zahlreiche Projekte (ist), die für Toleranz, einen offenen Austausch und ein friedliches Miteinander vielfältiger Kulturen und Religionen steht."

Die Eltern beklagen die ihrer Meinung nach "einseitige Art der Berichterstattung", die sich "nachhaltig rufschädigend für eine äußerst engagierte Schule auswirkt."

Schulleiter kam ausführlich zu Wort

Tatsächlich hatte der Tagesspiegel aber bereits im Ausgangsartikel Schulleiter Uwe Runkel ausführlich zu Wort kommen lassen: Er erzählte, was die Schule im konkreten Fall unternommen hat, was sie als weitere Aufarbeitung plant, und dass die Schule als Mitglied im Netzwerk "Schule ohne Rassismus" regelmäßig in allen Klassen Workshops gegen Diskriminierung und Mobbing durchführe.

Die Eltern weisen in ihrem Brief auf mehrere Gegebenheiten hin, die die Situation der Schule bedingen: Zum einen besuchen viele Kinder mit Migrationshintergrund die Schule, während Kinder aus "gutbürgerlichen Familien" auf andere Schulen gehen. Viele Familien würden sich bemühen, ihre Kinder auf eine der anderen Schulen im Kiez zu schicken.

Nahostkonflikt hat Auswirkungen auf Berlin

Zum anderen weisen die Eltern auf den Nahostkonflikt hin, der auch Auswirkungen auf Berlin habe: "Wie kann also eine Schule mit einer Schüler_innenschaft, die sich aus vielen Nationen zusammensetzt, davor gefeit sein, dass es zu religiös motivierten Auseinandersetzungen zwischen Schülerinnen und Schülern kommt?"

Die Eltern schreiben weiter: "Die Lösung liegt nicht darin, dies anhand eines tragischen Vorfalls zu bemessen und den Ruf einer engagierten Schule nachhaltig zu schädigen. Die Lösung läge darin, eine Schule wie die Friedenauer Gemeinschaftsschule in ihrer Arbeit zu unterstützen und zu bestärken – z.B. durch zusätzliche finanzielle Ressourcen, durch zusätzliches Personal und zu guter Letzt durch einen Journalismus, der nicht voreilig verurteilt."

Die Friedenauer Gemeinschaftsschule überzeuge mit einem innovativen Schulkonzept und engagierten Lehrkräften. "Wir befürchten, dass die Schule in ein völlig falsches Licht gerückt und der Ruf, den sie sich gerade hart erkämpft, zunichte gemacht wird. Leidtragende sind dabei in erster Linie die Kinder der Schule!"

Den Brief im Wortlaut lesen Sie hier.

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