Antisemitismus im Klassenzimmer : Versteckt euch nicht!

Was tun gegen Antisemitismus? Auf den Brandbrief einer jüdischen Lehrerin reagiert eine Kollegin. Auch ihr verschlägt der Hass im Klassenzimmer oft die Sprache. Doch sie setzt auf Dialog – auch wenn er nicht leicht ist. Ihre Antwort

Lisa Scheremet
Klare Ansage. Auf einer Kundgebung demonstriert ein Teilnehmer für mehr Offenheit im Umgang mit dem Jüdischsein - an manchen Berliner Schulen aber ist das nicht so einfach.
Klare Ansage. Auf einer Kundgebung demonstriert ein Teilnehmer für mehr Offenheit im Umgang mit dem Jüdischsein - an manchen...Foto: Florian Schuh/dpa

Manchmal ist es schwer, den Hass zu ertragen. „Die Juden sind irgendwie komisch. Wenn ich einen Juden sehe, töte ich ihn!“ Ich kenne die Sprüche, über die vergangene Woche meine Kollegin Hannah Kushnir klagte. Genau wie sie bin ich Jüdin und Lehrerin. Und genau wie sie bin ich in meinen Klassen mit einer zunehmenden Gewaltbereitschaft gegenüber Juden konfrontiert, die mir die Sprache verschlägt und mich an der Menschheit zweifeln und verzweifeln lässt.

Im Unterschied zu Hannah Kushnir habe ich es jedoch nie als „fatalen Fehler“ betrachtet, mich in der Schule als Jüdin zu outen. Mein Judentum gehört zu mir wie mein Name oder mein Beruf. Der Davidsstern an meiner Halskette sticht nicht ins Auge, wahrscheinlich erkennt ihn auch nicht jeder als Zeichen meiner Religion. Verstecken würde ich ihn nicht. Ich verstecke mich grundsätzlich nicht. Dialog und Austausch sind die einzige Chance, die wir haben – als Juden, als Demokraten, als Menschen.

Nach sechs Jahren in einem Berliner Problembezirk unterrichte ich inzwischen an einer Hauptschule in der Nähe von Hamburg. Dass ich jüdisch bin, wissen meine Schüler fast seit Beginn meiner Lehrtätigkeit. Es kam zufällig heraus. „Sind Sie Jude?“, fragte ein Jugendlicher. Ich war nie gut im Lügen, also antwortete ich mit einem klaren „Ja“. Eine anwesende Kollegin wurde blass, die Schüler machten große Augen. Sie versicherten mir, nie einen Juden gesehen zu haben. Sie wunderten sich, dass ich normal aussehe, dass ich keine große Nase habe, dass ich in Deutschland unterrichte, anstatt in Israel Waffen auf palästinensische Kinder zu richten. Es folgten Diskussionen – über den Nahostkonflikt, aber auch darüber, ob McDonald's Juden gehöre, und ob man da lieber nicht essen sollte. Gefragt wurde ich, ob ich reich sei. Und warum alle die Juden hassen.

Ich führe mit meinen Schülern kleine Friedensverhandlungen – oft besser als manche Politiker

Das Schimpfwort „Jude“ verschwand nicht aus dem Klassenzimmer, nur weil die Lehrerin plötzlich jüdisch war. Freitags fragten mich manchmal Schüler, ob sie früher gehen dürften, in die Moschee, um für Palästina zu beten. Wieder diskutierten wir. Darüber, wie man sich eine Meinung über die Politik eines Landes bildet und diese auch begründet.

Unsere Autorin Lisa Scheremet war sechs Jahre Lang Lehrerin in einem Berliner "Problembezirk" - heute unterrichtet sie in der Nähe von Hamburg.
Unsere Autorin Lisa Scheremet war sechs Jahre Lang Lehrerin in einem Berliner "Problembezirk" - heute unterrichtet sie in der Nähe...Foto: privat

Meine Schüler fingen an nachzudenken. Sie erzählten ihren Kumpels, dass ihre Lehrerin „Jude, aber voll nett“ sei, und dass es „krass unlogisch“ sei, „Jude“ als Beleidigung zu benutzen. Sie fragten mich, warum wir Neujahr im September und ohne Böller feiern. Sie bekamen Gänsehaut bei „Schindlers Liste“ und wollten wissen, ob jemand aus meiner Familie während des Holocausts umgekommen sei. Sie zeigten Empathie und Interesse, wollten das Unbekannte kennen lernen. Schon bald spielte meine Religion keine Rolle mehr. Ein paar Tage lang war sie eine Sensation, dann wurde sie Normalität. Ich war nicht mehr in erster Linie „die Jüdin“, sondern einfach eine Lehrerin, die nett, böse, witzig, fordernd sein kann.

Feindseligkeit und Vorurteile nähren sich von Unwissenheit. Ich fühle mich verpflichtet, diese Unwissenheit zu bekämpfen und mit den Jugendlichen zusammen kleine Schritte in Richtung Frieden, Verständigung und Toleranz zu machen. Wir lernen voneinander – über Religion, Politik, das Menschsein. Wo soll das passieren, wenn nicht in der Schule?

Es sind kleine Friedensverhandlungen, die die Schüler und ich auf der Klassenraumebene führen – oft besser als manche Politiker. Sich mit Hass und Unwissen auseinanderzusetzen, Diskussionen zu erzwingen und Verständnis füreinander zu fördern, ist nicht immer leicht. Einfacher wäre es, den Dingen ihren Lauf zu lassen und wegzurennen. Dafür bin ich aber nicht Hauptschullehrerin geworden. Und meine Eltern haben mich auch nicht aus einer antisemitischen Sowjetunion herausgebracht, damit ich nun auf der Straße meinen jüdischen Anhänger verstecke – sondern damit ich von meinen Grundrechten Gebrauch machen und für sie kämpfen kann. Frieden erreicht man durch Austausch, Begegnung und Dialog. Dass es einfach sein würde, hat keiner behauptet.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin. Lesen Sie hier ein Interview mit dem Islamexperten Ahmad Mansour zum Thema Antisemitismus im Klassenzimmer.

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